Die 12. Tanzplattform Deutschland Tanz in Deutschland: Mehr als Pina Bausch

Isabelle Schad: „Collective Jumps“
Isabelle Schad: „Collective Jumps“ | Foto: Laurent Goldring

Geht es um zeitgenössischen Tanz aus Deutschland, denken Koreaner zuallererst an Pina Bausch und das Tanztheater Wuppertal. Alles andere scheint oft zu verschwinden hinter diesen beiden großen Namen. Lee Jong-Ho, der künstlerische Leiter des Seoul International Dance Festival (SIDance), konnte sich bei der 12. Tanzplattform Deutschland in Frankfurt davon überzeugen, dass es noch vieles mehr gibt. Ein Bericht.
 

Zum Seoul International Dance Festival (SIDance) wurden schon viele Tanzstücke aus Deutschland eingeladen; die Tänzerin und Choreographin Susanne Linke gastierte im Rahmen des ersten Festivals im Jahr 1998 im Seoul Arts Center. Mein persönliches Wissen über den deutschen Tanz im Allgemeinen und mein Verständnis der dortigen Szene waren bislang dennoch eher begrenzt. Das lag nicht zuletzt an den wenigen Informationen, die mir darüber zur Verfügung standen: Wie heißen die wichtigsten Tänzer, Ensembles und deren Arbeiten? Wie ist die allgemeine Stimmung in der deutschen Tanz-Landschaft? Welche zeitgenössischen Einflüsse auf die kreativen Prozesse, welche kulturpolitischen Maßnahmen zur Förderung des Tanzes, welche Festivals und exklusiv dem Tanz gewidmete Bühnen gibt es? Die „Topographie“ der deutschen Tanzszene und ihr Verhältnis zur Gesellschaft – das ist von Korea aus nur schwer zu erfassen.
 
Deshalb war mein Besuch der 12. Tanzplattform Deutschland, die vom 2. bis zum 6. März 2016 in Frankfurt stattfand, sehr hilfreich. Zwar lädt das SIDance-Festival regelmäßig Arbeiten aus Europa und Nordamerika, den Zentren des modernen Tanzes, nach Korea ein, ebenso wie aus Mittel- und Südamerika, Afrika, Südasien und Ozeanien. Dennoch konnte ich mir bisher auf meinen Reisen noch kein klares Bild von Deutschland verschaffen, einem wichtigen Land für den modernen Tanz. Dementsprechend war ich voller Vorfreude und großer Erwartungen als ich zur Tanzplattform aufbrach.
 

Trailer der Tanzplattform 2016 (Quelle: Youtube)

An der diesjährigen Ausgabe der Tanzplattform nahmen zwölf Ensembles teil. Die Mitglieder der Jury hatten in ganz Deutschland nach interessanten Stücken gesucht und insgesamt über 200 aktuelle Tanzaufführungen angesehen. Aus diesen hatten sie dann das offizielle Programm ausgewählt. Mit Ausnahme des Bayerischen Staatsballetts und der (in den USA geborenen und vorwiegend in Brüssel und Berlin aktiven) Choreographin Meg Stuart waren mir alle Ensembles bis dato unbekannt.

Tanz über Genre-Grenzen hinweg

Die Auswahl in diesem Jahr spiegelte verschiedene Stile und Trends des zeitgenössischen Tanzes wider. Für mich ging es los mit Isabelle Schads Collective Jumps, das ich gleich nach meiner Ankunft sah – vom Flughafen fuhr ich direkt zum Aufführungsort, dem Bockenheimer Depot. Den Endpunkt markierte das Stück (b)reaching stillness von Lea Moro am letzten Tag des Festivals. Dazwischen sah ich eine große Bandbreite an Werken, von eher konventionellen Formen des zeitgenössischen Tanzes bis hin zu Performance-artigen Aufführungen, Cross-over-Produktionen zwischen Installation und Tanz, sowie Werke, die alle Genregrenzen sprengten, und partizipative Stücke. Das Programm der Tanzplattform bot einen ausgewogenen Querschnitt dieser Vielfalt und zeigte die unterschiedlichsten Tendenzen des zeitgenössischen Tanzes gleichberechtigt und auf gleicher Augenhöhe zueinander.

Persönlich am besten gefielen mir Antje Pfundtners Solostück nimmer und Meg Stuarts Until Our Hearts Stops. Diese Stücke würde ich gerne einem koreanischen Publikum präsentieren! Paula Rosolens Aerobics! war ebenfalls sehr interessant. Darin tanzte eine Koreanerin die Hauptrolle. Bae Jungyun ist, wie ich später erfuhr, eine Tänzerin von herausragendem Talent und großer Ausdruckskraft und wird von Choreographen wie Kompanien häufig engagiert. Ebenfalls sehenswert waren Not Punk, Pololo von Gintersdorfer/Klaßen, o.T. von Ian Kaler, (b)reaching stillness von der jungen Schweizer Choreographin Lea Moro, die auf dem Stück Parade aus der Zeit der Ballets Russes basierende gleichnamige Arbeit von Adam Linder und Das Triadische Ballett des Bayerischen Staatsballetts, eine tänzerische Adaption der Philosophie und des Designs des Bauhauses.

Antje Pfundtner in Gesellschaft: „nimmer“ (vollständige Aufführung; Quelle: Vimeo)

Mehr als Pina Bausch

Darüber hinaus sah ich auch noch andere Werke außerhalb des Hauptprogrammes der Tanzplattform. Die Showcase-Aufführung der Tänzer und Tänzerinnen von Dance On, allesamt älter als vierzig Jahre, hat mich sehr beeindruckt. Nach der Aufführung folgte ein Vortrag über die zukünftigen Pläne des Ensembles. Ihre Absicht, „ältere Tänzer, oder: schwierige Tänze“ auf die Bühne zu bringen, erinnerte mich an NDT III. Dieses Ensemble des Nederlands Dans Theater bestand ebenfalls ausschließlich aus Mitgliedern über vierzig. Das NDT III hat sich vor einigen Jahren aufgelöst, aber in den Tänzern und Tänzerinnen von Dance On scheint das Ensemble würdige Nachfolger gefunden zu haben.

Darüber hinaus konnte ich auch im Staatstheater Mainz, nicht weit von Frankfurt, beim tanzmainz festival die Werke junger Choreographen aus ganz Europa sehen. Es war ein großartiges Festival, das Honne Dohrmann mit großem Enthusiasmus auf die Beine gestellt hat. Trägt Dohrmann, der lange Jahre die Tanzcompagnie Oldenburg leitete und auch bereits das SIDance besuchte, nun nach seinem Wechsel nach Mainz zu einem neuen Frühling für den Tanz bei? Es war jedenfalls allgemeiner Tenor, dass hier junge, verheißungsvolle Choreographen und ihre neuen Stücke der Entdeckung harren.

Tanz aus Deutschland ist in Korea noch nicht bekannt genug. Bei Tänzern und Choreographen, die in Deutschland studiert haben oder einen dauerhaften Austausch mit Deutschland pflegen, mag das anders sein. Das breite Publikum weiß nur sehr wenig über deutschen Tanz. Ich denke, dass zu den verschiedenen Ursachen dafür – vielleicht etwas überraschend – auch Pina Bausch zählt. Ihr großer Name stellt alle anderen Tanzkünstler in den Schatten. So wie der Flamenco zeitgenössische Tanzformen aus Spanien verdeckt, ja ihre Entwicklung vielleicht sogar negativ beeinflusst, so bleibt, denke ich, auch der deutsche Tanz neben der Lichtfigur „Pina“ und ihrem Tanztheater weitestgehend im Schatten. Wer will, kann das die Ironie des Schicksals nennen.
 

Gintersdorfer/Klaßen: „Not Punk, Pololo“ (Trailer; Quelle: Youtube)

Chancen und Grenzen des Internationalen Austauschs

Im Rahmen der Tanzplattform nahm ich auch an einem Seminar mit dem Titel Dance and the Other Ends of the Earth als Diskutant teil. Es ging um internationalen Austausch, etwa in Form von Koproduktionen oder Residenzprogrammen für Tänzer und Choreographen. Die einstündige Diskussion gab mir viel zu denken: Es ist wichtig, gemeinsam nachzudenken über den Geist von internationalem Austausch, aber auch über dessen Grenzen. Insbesondere im Verhältnis zwischen künstlerisch „entwickelten“ Ländern und künstlerischen „Schwellenländern“ tritt oft ein gewisser Kulturimperialismus auf, gefolgt von Phänomenen wie Orientalismus und Exotismus  – ein Punkt, der in Zukunft auch in Seoul verstärkt angesprochen werden muss.
 

Die Tanzplattform Deutschland wurde 1994 gegründet und findet seitdem alle zwei Jahre in einer jeweils anderen Stadt statt. Bei der Tanzplattform 2016 in Frankfurt fungierte der Mousonturm als Zentrum des Festivals. Daneben fanden auch Aufführungen im Schauspiel Frankfurt, im Bockenheimer Depot, im Gallus Theater und im Staatstheater des Nachbarortes Darmstadt statt.