Intensiver Gesprächsbedarf
Colonial Repercussions

Graves Swakopmund slide Kaleck
© Joachim Bernauer

Am 25. und 26. März 2019 fand im Goethe-Institut Windhoek das Symposium „Colonial Repercussions IV – Koloniales Unrecht und Aufarbeitung“ in Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste (AdK) und dem European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) statt.

Es war unvermeidlich, dass der genozidale, koloniale Krieg von 1904 – 1908 in Namibia und der Ruf nach Reparationen im Zentrum der Diskussionen und Beiträge stand, wie schon Wolfgang Kaleck vom ECCHR in seinen Begrüßungsworten umrissen hatte. Kaleck und Daniel Stoevesandt (Goethe-Institut) betonten in ihren Eröffnungen, dass trotz der noch andauernden Verhandlungen zwischen der deutschen und der namibischen Regierung, die Zivilgesellschaft in eine breitere Debatte einbezogen werden müsse.

  • Wolfgang Kaleck © DefeatHate for Goethe Namibia
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  • Kaleck speaker 1 © DefeatHate for Goethe Namibia
  • Thomas Henschel Kaleck © DefeatHate for Goethe Namibia
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Die beiden keynotes von John Nakuta (University of Namibia) und Makau Mutua (University of Buffalo) konzentrierten sich auf eine rechtliche Betrachtung des Themas. John Nakuta führte aus, dass der Krieg gegen Herero und Nama alle Zeichen eines Genozides zeige, und dass das Prinzip der Intertemporalität, nachdem Staaten nur nach dem Recht verurteilt werden können, dass zur Zeit der Geschehnisse Gültigkeit hatte, von vielen Juristen heute hinterfragt wird und im Widerspruch zu UN Prinzipien und Handlungsempfehlungen stehe.

Daher hätten Opfer und Ihre Nachfahren, die unter der schwerwiegenden Verletzung internationalen humanitären Rechtes zu leiden hatten, ein Recht auf Rechtsmittel und Wiedergutmachung. In der sich anschließend entwickelnden Diskussion spannte Prof. André du Pisani  den Bogen weiter mit einem Verweis auf die Moralphilosophie. Das internationale koloniale Recht, so du Pisani, habe nicht nur Afrika in den Kolonialismus und Dunkelheit verbannt, es habe auch Afrikaner aus dem Zirkel der Moralität verbannt. Genozid so du Pisani weiter, sei der deutliche Bruch des Menschheit mit sich selbst.
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  • Andre du Pisani Kaleck © DefeatHate for Goethe Namibia
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Am zweiten Tag setzte Joachim Bernauer; Leiter der Kulturabteilung des Goethe-Instituts den Ton, indem er darauf verwies dass die deutsche Kolonialvergangenheit  - eine Geschichte, die lange in Vergessenheit geraten war – nun sehr viel mehr Raum in der öffentlichen Debatte bekommt, die dringend weiter geführt werden muss. Johannes Odenthal von der Akademie der Künste (AdK) betonte im Anschluss, dass Kultur nicht nur ein Seitenbereich dieser Debatte sei, sondern im Zentrum dieser stehe.

Im Verlaufe des Tages diskutierten vier verschiedene Panels das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln. Im ersten Panel ging es erneut um internationales Recht. In diesem Kontext verwies André du Pisani abermals auf die Moralphilosophie die hier einer engen juristischen Auslegung im Wege stehe. Er betonte, dass selbst zeitnah zum Genozid in Deutschland Stimme zu hören waren, die das Kriegsgeschehen verurteilten, in dem er Moritz Julias Bonn zitierte. Er erinnerte außerdem daran, dass es damals bereits international anerkannte Regeln für die Kriegsführung gab. Auch wenn diese aus juristischer Sicht nicht zwingend hätten angewandt werden müssen, so hätten diese doch eine moralische Richtlinie vorgegeben.

Matthias Goldmann (Universität Frankfurt) argumentierte ähnlich, indem er auf die Behauptung einging, Ovaherero und Nama seien damals keine Subjekte internationalen Rechts und daher durch diese auch nicht durch die Übereinkünfte der damaligen „zivilisierten“ Nationen geschützt gewesen. Er führte dafür mehrere Beispiele an, die belegen, dass eine solche Sichtweise auch damals nicht unstrittig gewesen sei und das das Deutsche Reich diese Anerkennung indirekt dadurch vollzogen habe, dass es mit den betroffenen Völkern Schutzverträge abschloss, die jedoch missachtet wurden.
  • Ida Hoffman Kaleck © DefeatHate for Goethe Namibia
  • Isabel Katjavivi Kaleck © DefeatHate for Goethe Namibia
  • Kaleck Audience 1 © DefeatHate for Goethe Namibia
  • Nelago Shilongo Kaleck © DefeatHate for Goethe Namibia
  • Werner and Martha Kaleck © DefeatHate for Goethe Namibia
Das zweite Panel widmete sich den historischen Fakten. Werner Hillebrecht (ehem. National Archives of Namibia) führt die wachsende Forschung zur deutschen Kolonialzeit in Namibia auf die leichtere Zugänglichkeit des Nationalarchives zurück. Auch wenn es weiter Diskussionen über einzelne Details gäbe, habe diese Forschung unter den meisten Historikern zu einer generellen Übereinkunft geführt, dass der Kreig von 1904-1908 klare Charakteristika eines Genozides trägt, nur einige wenige Forscher wollten die Beweise weiter nicht sehen.

Martha Akawa (University of Namibia) warnte davor, das Thema ausschließlich auf die betroffenen Gesellschaftsgruppen zu reduzieren. San und Damara beispielsweise hätten nicht nur „Kollateralschäden“ erlitten, sondern waren vor allem durch die Landnahme ganz direkt betroffen, da dies eine ihrer Lebensgrundlagen bildete. Auch die ständige und allumfassende Kontrolle der Kolonialmacht über das öffentliche Leben, habe diese anderen Gesellschaftsgruppen nachhaltig beeinträchtigt.

Ida Hoffmann (Mitglied des Parlaments) ging besonders auf das Schicksal der Nama ein und setzte sich für Reparationen ein. Sie beklagte außerdem den Mangel an Erinnerung in der namibischen Gesellschaft, was sich beispielhaft am ignoranten Umgang mit dem Friedhof auf Shark Island in Lüderitz zeige.
  • Erika von Wietersheim Kaleck © DefeatHate for Goethe Namibia
  • Kaleck Panel small © DefeatHate for Goethe Namibia
  • Kaleck speaker 7 © DefeatHate for Goethe Namibia
  • Nontobeko Kaleck © DefeatHate for Goethe Namibia
  • Vepuka Kaleck speak © DefeatHate for Goethe Namibia
Dieses Panel abschließend, präsentierte Jürgen Zimmerer (Universität Hamburg) eine prägnante Widerlegung von „vier Mythen“, die häufig als Relativierung oder Negierung des Genozids angeführt würden. Er belegte, dass das koloniale Projekt einer Siedlerkolonie, die von einer weißen Herrenrasse geführt wurde, die auf der Arbeit einer vertriebenen und schwarzen Unterklasse aufbaute, sei von Beginn an ein genozidales Projekt gewesen, selbst wenn man den Krieg von 1904-1908 nicht betrachte, der als ein Widerstand gegen die Besatzung zu sehen sei.

Während der Diskussion nach diesem Panel, aber auch generell während der ganzen Veranstaltung zeigte sich an den Redebeiträgen der deutsch-sprachigen Namibier, dass ein innergesellschaftlicher Dialog notwendig ist, auch wenn die Rufe nach Entschuldigung und Reparationen an den deutschen Staat adressiert werden und nicht an die Namibier deutscher Herkunft. Es wurde sehr deutlich, dass die Tendenz, den Genozid zu relativieren oder auszublenden, von starken Existenzängsten getrieben ist, die in einem künftigen Dialog angesprochen werden würden. Teilnehmer Wolfram Hartmann sagte, dass deutschsprachige Namibier aufhören müssen, ihre Debatten nur untereinander zu führen und sich dabei historischen Belegen zu verschließen.

Das dritte Panel wandte sich der Rolle der Künste bei der Vergangenheitsbewältigung zu und startete mit der namibischen Künstlerin Isabel Katjavivi. Sie fragt, „Where are the bodies“ und sprach damit die Vielzahl von Kriegsopfern an, deren Leichen niemals beerdigt wurden, deren Knochen teilweise noch zu finden sind, deren Schädel in Europa seien. In ihrer eigenen Kunst setzt sie sich mit diesem Erbe auseinander, um zu demonstrieren, dass Namibier „auf ihrer Geschichte trampeln“ und sich einem gemeinsamen namibischen Trauma annehmen müssen, das bisher nicht behandelt wurde.

Die zweite Sprecherin, Nontobeko Ntombela (University of Witswatersrand) reflektierte über ihre Arbeit mit kongolesischer Kunst in zwei kontrastierenden Kontexten: Ein Museum in Lubumbashi im Kongo, wo die Kunstwerke herkommen und weitere in einem Museum in Johannesburg. Sie stellte dabei Fragen nach kuratorischer Praxis, Kontext, Fremdwerdung die gerade bei der Debatte um Rückführung von Kulturgütern aus Europa und dem Umgang mit diesen wichtig ist.

Im vierten Panel ging es um Erinnerung und Aufarbeitung, Ellen Namhila von der University of Namibia verdeutlichte die Wichtigkeit aber auch Einseitigkeit von Archiven indem sie auf Beispiele wichtiger Belege, die dadurch bewahrt wurden, verwies. Hingegen sei die direkte Aussage der Kolonisierten fast nie belegt, da sie gar nicht erst dokumentiert oder zerstört wurde. Sie sprach sich daher für ein stärkeres Dokumentieren von oralen Quellen aus, die man heute noch erfassen könne. Vepuka Kauari (Vereinigung der Ovaherero/Ovambanderu in den USA) stellte einen kurzen Bericht von Kriegsverbrechen in den Jahren 1904-1908 vor, den sie mit einem Aufruf zu Entschuldigung und Reparationen an die deutsche Regierung abschloss.
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  • Da Mai Kaleck © Joachim Bernauer
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In einer abschließenden Präsentation gab die namibische, deutschsprachige Autorin Erika von  Wietersheim einen sehr bewegenden Bericht über ihr eigenes Aufwachsen, bei dem sie nie mit der Kolonialgeschichte in Berührung kam, wie sie als Kind auf Shark Island gespielt hat und wie sie selbst erst mit der schmerzhaften Geschichte in Berührung kam, als sie an einer Farmschule den Geschichtsunterricht vorbereiten musste. Die anschließende Diskussion zeigte jedoch, dass Mitgefühl und Verständnis die Probleme allein nicht lösen und dass hierbei besonders die Landfrage essentiell ist.

Es war sehr schade, dass hier die Zeit für eine weiterführende Diskussion nicht mehr reichte, da sich ein starkes Bedürfnis nach Austausch zeigte. Am Abend wurde das Symposium mit einer unvergesslichen mixed-media performance abgeschlossen: „The mourning citizen“ von Trixie Munyama startete am Eerie Tunnel unter der Robert Mugabe Straße und bespielte anschließend die Alte Feste, das Genozidmahnmal in Sichtweite zum Independence Memorial Museum.