International Inventories Programme
Kenia erstellt eine Datenbank seiner fehlenden Kulturgüter weltweit

IIP Group Image
© National Museums of Kenya

In den Gesellschaften der Mijikenda in Kenia werden geschnitzte, hölzerne Vigango-Skulpturen zum Gedanken an Verstorbene aufgestellt. Die bis zu 9 Fuß (ca. 2,7 Meter) hohen Vigango – der Plural von Kigango – nehmen eine zentrale Rolle in der Spiritualität der Mijikenda ein und sollen Unglück und Not abwenden.

In den letzten Jahrzehnten haben Kunstsammler*innen und Berühmtheiten jedoch hunderte dieser Statuen auf fragliche Weise in ihren Besitz gebracht und weltweit an Museen verschenkt oder verkauft. Die Frage nach der Rückgabe der Vigango, ebenso wie die Frage danach wer das Recht hat sie zu sammeln und wo sie aufbewahrt werden sollten, sind längst Teil der Diskussion um die Rückgabe kenianischer Artefakte aus globalen Kulturinstitutionen geworden.
 
Die Debatte um den Verbleib kenianischer Kulturgüter außerhalb Kenias und die Leerstellen, die ihr Fehlen hinterlässt, nimmt heute mehr denn je an Fahrt auf. Diese Diskussion wird nun vom International Inventories Program (IIP), einem vom Goethe-Institut Nairobi betreuten und von Goethe-Institut e.V. sowie der Kulturstiftung des Bundes gefördertem Forschungsprojekt aufgegriffen, das sich zum Ziel gesetzt hat eine umfassende Bestandsaufnahme kenianischer Artefakte zu erstellen, die sich im Besitz globaler Kulturinstitutionen befinden. Seit dem Beginn des Projektes im Dezember 2018, arbeiten die National Museums of Kenya (NMK), das multidisziplinäre Nest Collective und das sozialkritische deutsche Kollektiv SHIFT gemeinsam an dieser Aufgabe. Über die Inventarisierung der entwendeten Gegenstände hinaus, zielt das Projekt darauf ab Beziehungen mit Sammler*innen und Institutionen, die im Besitz kenianischer Objekte sind, aufzubauen. Außerdem soll es in Kenia wie in Deutschland eine breitere Öffentlichkeit für die Debatte um die Restitution sensibilisieren und ihre Erkenntnisse sowohl in wissenschaftlichen Publikationen veröffentlichen als auch in Ausstellungen zugänglich machen.
 
Das IIP fügt sich in die sich global durchsetzende Erkenntnis ein, dass aus Afrika – und aus anderen Teilen der Welt – entwendete Schätze den Weg zurück in die Gesellschaften finden müssen, von denen und für die sie einst geschaffen wurden. Diese Diskussionen gewannen an Aufmerksamkeit seitdem ein vom französischen Präsidenten, Emmanuel Macron, in Auftrag gegebener Bericht die Forderungen nach der Rückgabe geraubter afrikanischer Kulturgüter neu entfachte. Die von dem senegalesischen Ökonom Felwine Sarr und der französischen Historikerin Bénédicte Savoy im November 2018 veröffentlichte Studie beschreibt die aus gestohlenen Objekten bestehenden Sammlungen als Teil eines „Systems von unrechtmäßiger Aneignung und Entfremdung“, das Afrikaner*innen von „ihrem spirituellen Nährboden“ trennt, „der die Grundlage ihrer Humanität ist.“
 
Seitdem haben sich Regierungsvertreter*innen ebenso wie Journalist*innen und Intellektuelle in die Diskussion eingeschaltet und westliche Museen dazu aufgefordert, ihre treuhänderischen Verantwortung gegenüber ihren Förderern genauso wahrzunehmen wie gegenüber der lokalen und globalen Öffentlichkeit. Die renommierte ägyptische Schriftstellerin Ahdaf Soueif rückte diese Forderung in den Fokus des öffentlichen Interesses als sie mit Verweis auf die „Unbeweglichkeit“ der Institution, unter anderem in Fragen der Restitution geplünderter Objekte, als Mitglied des Direktoriums des British Museum zurücktrat. Die Verhandlungen um die Restitution geheiligter Gegenstände nach Afrika erweitert sich allmählich und bezieht sich heute nicht mehr nur Artefakte, sondern auch auf archäologische Funde, Archivmaterialien und menschliche Gebeine, von denen einige aus pseudowissenschaftlichen Gründen und andere als anthropologische Kuriositäten von Agenten der Kolonialmächte gesammelt wurden.[lh4] 
 
 
Divergente Gedanken. Ein Ziel.
 
Die Idee des IIP Projekts geht auf das Jahr 2015 zurück, in dem die Künstler Sam Hopkins und Simon Rittmeier von SHIFT begannen sich mit dem Vakuum auseinanderzusetzen, das entstehen würde, wenn afrikanische Objekte die europäischen Institutionen verlassen würden. Ihr Buch, Letter to Lagat, das als Korrespondenz mit dem kenianischen Nationalmuseum begann, reflektierte die Frage ob die Rückgabe der Objekte bedeuten würde, dass diese „als eine Geschichte und eine Erinnerung weiterleben“ würden oder ob die Rückgabe zu „einer Befreiung aller Beteiligten“ von „einer gewaltvollen Beziehung“ führen würde.
 
Rittmeier sagt, dass das Buch Ausdruck der Notwendigkeit war, den Dialog um die über die Welt verstreuten afrikanischen Artefakte wiederzubeleben.  Sein eigenes Interesse mit dem Thema begann jedoch im Alter von 18 Jahren, nach dem Besuch der ägyptischen Sammlung des Louvre in Paris. Dort, beim Betrachten königlicher Statuen und den Porträts mumifizierter Verstorbener, stellte er sich die Frage, warum all diese Stücke in Frankreich und nicht in Kairo ausgestellt waren.

„Die ägyptische Sammlung war so riesig“, sagt er. „Und ich dachte, hier ist etwas falsch.“
 
Aber während Rittmeier – und The SHIFT – sich mit den Möglichkeiten, die sich aus einer zukünftigen Abwesenheit der Objekte aus dem Globalen Norden beschäftigen, sind The Nest Collective und das NMK an der Frage nach ihrer Provenienz interessiert und was sie für das Erinnern und Denken im Globalen Süden bedeutet.

Jim Chuchu von The Nest Collective beschreibt das Problem sogar weniger als Frage nach dem Zugang zu den Objekten selbst. Vielmehr geht es ihm bei der Frage nach deren Rückgabe darum, die Gleichheit und „Würde“ der Afrikaner*innen zu wahren. Die Herausgabe der Objekte aus den Sammlungen und der rechtliche Verzicht der Museen auf sie ist für ihn außerdem ein Beitrag zur Berichtigung einer „kriminellen“ Handlung.
 
Bis Juli 2019 hat das IIP 15.000 kulturelle Artefakte aus Kenia in 14 Institutionen in Deutschland, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten identifiziert. Darunter befinden sich zeremonielle Objekte, Waffen, Besteck und andere Haushaltsgegenstände, die sich die Institutionen zwischen den 1890er und den 1980er Jahren angeeignet haben. Dies zeigt, wie Chuchu bemerkt, dass die Plünderung nicht mit der Unabhängigkeit Kenias im Jahr 1963 endete.
 
Um die Debatte um die Verfügung über die Kunst- und Kulturgüter, deren Erwerb erst durch den Kolonialismus ermöglicht wurde, in ihrem Sinne zu beeinflussen, haben – so Chuchu – die westlichen Nationen den Gebrauch der Sprache selbst kolonialisiert. „Die Definitionsmacht liegt zu sehr bei denen, die das Verbrechen begangen haben“, sagt er. Während Kinder im Westen diese Gegenstände umsonst sehen können, ist der Standpunkt und das Denken der europäischen und US-amerikanischen Museen gegenüber den Nachfahren derer, die sie einst erschaffen haben: „‘Wer bist du? Wie kommst du, als Afrikaner*in, dazu nach diesen Objekten zu verlangen?‘“
 
Während die Forderung nach der Rückgabe der Objekte zentral ist, stellt das kenianische Nationalmuseum auch die sich mit der Rückgabe ergebende Frage wer das Recht hat die Objekte in Empfang und Besitz zu nehmen. Dabei setzt die Unzugänglichkeit der Kunstwerke für Forschende und Akademiker*innen die Auslöschung ihrer Schöpfer*innen aus den Aufzeichnungen weiter fort und erschwert damit die Beantwortung der Frage, wo sie heute ihr Zuhause finden sollten, sagt Juma Ondeng’, Programmkoordinator am kenianischen National museum in Nairobi. Die Auseinandersetzung mit den Objekten könnte hingegen die Verbindungen und den Handel zwischen traditionellen Gemeinschaften und ihrer Lebensweisen zeigen.
 
„Unsere Zivilisation wurde unterbrochen“, sagt Ondeng’. Die geraubten „Kulturgüter zurückzubringen könnte“ hingegen „eine Quelle der Inspiration für zeitgenössische Kulturproduktion sein. Sie könnten zum kulturellen Referenzpunkt für junge Künstler*innen werden.“
 
Dem Aufschrei Beachtung schenken. 
 
Nun, da die Restitutionsdebatte sich einem entscheidenden Moment nähert, beginnen manche Staaten und Kulturinstitutionen den Protesten Beachtung zu schenken und zu handeln. Im Dezember 2018 kündigte das British Museum an, die Benin-Bronzen nach Nigeria zurückzugeben – mehr als ein Jahrhundert nach der Plünderung der einzigartigen Sammlung durch britische Soldaten. Im März 2019 wurden zwei Haarlocken, die ein britischer Soldat dem Leichnam des äthiopischen Kaisers Tewodros II. abgeschnitten hatte, nach Addis Abeba zurückgebracht. In Deutschland einigten sich die 16 Bundesländer auf einen gemeinsamen Beschluss zur Rückgabe von während der Kolonialzeit erplünderten Gegenständen. Englands Natural History Museum gab darüber hinaus die sterblichen Überreste von 37 Vorfahren von Aboriginies und Torres-Strait-Insulaner*innen [lh5] nach Australien zurück. Und auch Künstler*innen setzen sich gegen den Starrsinn der Kustod*innen zur Wehr: Die Büste der Nofretete wurde ohne Erlaubnis des Neuen Museums in Berlin heimlich 3D-gescannt und die Daten online zugänglich gemacht.
 
Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Während Frankreich versprochen hat Rückgabeforderungen von afrikanischen Objekten zu prüfen, warf Kulturminister Franck Riester in die Debatte ein die Nationen sollten sich nicht nur „auf die alleinige Frage der Restitution fokussieren.“ Anfang Juli 2019 verkaufte das Auktionshaus Christie’s den 3000 Jahre alten Kopf des Tutanchamun für sechs Millionen Dollar – trotz des Einwands der ägyptischen Behörden dieser sei gestohlen. Auch werden Kurator*innen und Wohltäter*innen nicht müde das Argument zu wiederholen, afrikanische Museen hätten weder die Ressourcen noch das Know-How Kunstwerke und Artefakte unterzubringen und zu erhalten, besonders in armen Staaten mit grassierender Korruption. Und selbst wenn Museen Objekte wie die Vigango zurückgeben wollen, werden sie an Zielorten wie Kenia mit exorbitanten Zöllen, die weder sie, noch die empfangenden Institutionen bezahlen wollen, konfrontiert, sodass die Statuen nun in Lagerhallen des Zolls dem Verfall preisgegeben sind.
 
Ondeng’ räumt diese Schwierigkeiten ein, sagt aber gleichzeitig, dass die Argumente, die die Fähigkeit der afrikanischen Museen in Zweifel ziehen, sich anfühlen wie „eine Beleidigung. Wir haben diese Objekte geschaffen. Wir wissen wie wir mit ihnen umzugehen haben.“


Wechselndes Glück
 
Mitglieder des International Inventories Programme sagen, dass eine kollektive Anstrengung nötig ist, um die Diskussion über die Zukunft der Objekte voranzubringen.
 
Dazu, sagt Ondeng, muss jedoch nicht nur ein Dialog mit den externen, am Restitutionsprojekt beteiligten Akteuren eröffnet werden, sondern es müssen auch vor Ort,  in Ländern wie Kenia, gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine glatte Übergabe der Gegenstände an die „tatsächlichen Schöpfer*innen des Kulturerbes“ ermöglichen. Darüber hinaus, so führt er aus, gehen auch die gegenwärtigen musealen Strukturen auf koloniale Strukturen zurück und müssen dekolonialisiert und demokratisiert werden, um tiefgreifende Diskussionen über die intellektuelle, emotionale und kulturelle Bedeutung der Restitution zu ermöglichen.

 
Rittmeier verweist darauf, wie wichtig es ist, dass die Aushandlung des „Verbleibs und der Zukunft der Artefakte dokumentiert wird, um ein Wissensarchiv für zukünftige Generationen anzulegen.“
 
Chuchu sagt, dass wir einen Schlüsselmoment der Geschichte erreicht haben, an dem Afrikaner*innen – besonders die jungen und technisch-versierten – sich für Veränderungen einsetzen und Wiedergutmachung für vergangenes Unrecht fordern. Um diese Frage den vielen Bürger*innen des Kontinents näher zu bringen, arbeitet The Nest Collective an Kurzfilmen und Virtual Reality Projekten. Diese sollen nicht didaktisch sein, sondern zielen vielmehr darauf ab das Gefühl von Verlust und Wut, das viele Afrikaner*innen empfinden, auszudrücken.

„Wir wissen nicht wer gewinnen wird oder wie das Ergebnis der Verhandlungen aussehen wird,“ sagt Chuchu, „aber es wird verhandelt und Menschen auf der ganzen Welt sprechen darüber. Also lasst uns uns als Afrikaner*innen einmischen und die Diskussion vorantreiben.“