Berlinale-Blogger 2020
Kolonialgeschichte im Outback

Eine Szene aus dem australischen Film „High Ground”
Simon Baker spielt die Hauptrolle in dem australischen Film „High Ground” | Foto (Detail) © Sarah Enticknap/High Ground Picture

Western über koloniale Gewalt bilden ein eigenes Genre des australischen Kinos. Neu dazugekommen ist jetzt Stephen Maxwell Johnsons Outback-Film „High Ground”.

Die Eröffnungsszenen von High Ground zeigen die hohen Felsformationen des Kakadu-Nationalparks, die sich aus der von Gestrüpp bewachsenen roten Erde erheben. Ein sowohl imposantes wie auch vertrautes Bild. Jedes Mal, wenn australische Filmemacher die anhaltenden Folgen der kolonialen Vergangenheit des Landes und ihre Auswirkungen auf die indigene Bevölkerung in Szene setzen, greifen sie auch auf Bilder der unverwechselbaren Landschaft dieses Kontinents zurück

Der zweite Spielfilm des Regisseurs Stephen Maxwell Johnson gehört zu einer wachsenden Zahl kritischer Betrachtungen australischer Geschichte auf Großbildleinwänden. High Ground steht dabei in einer Reihe mit den Filmen Sweet Country und The Nightingale, die das frühe australische Leben erkunden. Auch die Serie Mystery Road ist zu nennen, die den Umgang mit den indigenen Völkern Australiens in einem gegenwärtigen Kontext erzählt. Sportdokumentationen wie The Final Quarter und The Australian Dream greifen das Thema ebenfalls auf. Das letztgenannte Werk behandelt das verabscheuenswerte Verhalten gegenüber dem australischen Fußballspieler Adam Goodes aufgrund seiner Hautfarbe.

Wir sprechen also vom wichtigsten Genre des australischen Kinos, das wieder und wieder Spuren auf den Bildschirmen hinterlässt und noch mehr an Bedeutung gewinnen wird. High Ground spielt in den Jahren 1919 und 1931 und ist ein Outback-Western, der viel Landschaft zeigt und eine konfliktreiche Handlung aufweist. In erster Linie ist es jedoch das jüngste Beispiel für eine schon länger andauernde filmische Abrechnung damit, wie mit den indigenen Einwohnern Australiens über mehr als zwei Jahrhunderte umgegangen worden war.

Ein Massaker und seine Folgen

Dementsprechend kommen einem viele Bestandteile von High Ground recht bekannt vor. Wieder einmal handelt es sich um einen Zusammenstoß von Weißen, die das Gesetz verkörpern, mit der indigenen Community: Auf einer angeblich friedlichen Arnhem Land-Expedition wird fast ein ganzer Stamm massakriert, beteiligt an diesem Verbrechen ist ein ehemaliger Scharfschütze aus dem Ersten Weltkrieg namens Travis (Simon Baker). Gutjuk (Guruwuk Mununggurr), ein junger Überlebender des Massakers, wird von Missionaren adoptiert, gleichzeitig verlässt Travis angewidert die Streitkräfte. Zwölf Jahre später kehrt Gutjuks Onkel Baywarra (Sean Mununggur) zurück, um Rache zu üben. Travis wird von seinem Ex-Boss (Jack Thompson) gezwungen, ihn zusammen mit dem inzwischen erwachsenen Gutjuk (Jacob Junior Nayinggul) aufzuspüren.

Simon Baker und Jacob Junior Nayinggulin im australischen Film 'High Ground' Simon Baker und Jacob Junior Nayinggulin | © High Ground Picture Die Wir-gegen-Euch-Mentalität, die erschütternde Gewalt, die grundlose Dominanz der australischen Siedler über die indigene Bevölkerung – all diese Motive finden sich in diesem Film, wie sonst auch in dem gerade blühenden Genre. Aber Johnson verleiht dem Film gemeinsam mit Drehbuchautor Chris Anastassiades viel Kraft durch die Momente der Wiederholung. Schließlich fanden auch alle diese Kämpfe immer wieder statt, wie der Film zeigt. Und auch heute, wenn auch auf andere Weise, besteht das Machtungleichgewicht weiterhin. Um diese Tatbestände zu betonen, erzählt High Ground absichtlich eine Geschichte, die so daherkommt, als hätte man sie schon einmal gesehen, und inszeniert etliche Zusammenstöße, die sich ebenfalls wie Wiederholungen anfühlen.

Das Gewicht der Geschichte

Johnsons Film mit seinen Bildern aus dem weitläufigen Outback ist visuell atemberaubend. Auch die akustische Untermalung mit Yolngu-Liedern und Vogelgezwitscher ist ein besonderes Hörerlebnis. Besonders beeindruckend sind die Darstellungsleistungen des sich stoisch gebenden Simon Baker und des neuentdeckten Talents Jacob Junior Nayinggul. In der Ausgewogenheit der Geschichte ihrer Figuren erscheint die jeweilige Verkörperung sowohl nuanciert wie auch einfühlsam.

Aber ein Großteil des Effekts und der Wirkung von High Ground besteht in der kumulativen Darstellung – denn diese düstere Realität der Geschichte Australiens und die schiere Anzahl solcher Geschichten werden niemals weniger als verheerend sein.