Kultur
Was hat eine Meru-Braut zu ihrer Hochzeit getragen?

Meru bride_Mbulu-Ngulu © Library of Congress / Unsplash Fakt:
Unter dem Motto "damit ihr euch kennen lernt" organisierte Papst Pius XI. 1925 die Vatikan-Ausstellung. Meine Kirche sammelte über 100.000 spirituelle und rituelle Gegenstände aus Amerika, Asien, Afrika, Ozeanien und Australien für das heutige Ethnologische Museum des Vatikans. Die Absicht des Museums besteht darin, Gläubigen die vorchristliche Religionspraxis vor Augen zu führen, die nun unter der einen universalen Kirche vereint ist.

Ich nehme nicht an der Diskussion über die Rückführung afrikanischer Kulturgüter teil, um akademische Theorien aufzustellen; diese Welt erfordert eine Objektivität, die ich mir nicht länger zugestehe. Noch bin ich wütend aufgrund des Bewusstseins für die Heiligkeit der Gegenstände, denn in Wahrheit ist es nicht die spirituelle Bedeutung der verlorenen Gegenstände, die meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich bin eine Schwarze afrikanische Frau; ich kann mir keine Phantasien über die alten Zeiten, als alles noch besser war, leisten. Ich habe in vielerlei Hinsicht mehr Freiheiten als jede meiner direkten weiblichen Vorfahren. Ich verstecke mich ebenfalls nicht hinter einem großen Altruismus darüber, was die Kinder und Jugendlichen von heute zu wissen, zu haben und zu halten verdienen; hier geht es um mich. Ich komme mit einer persönlichen Neugierde; einem Durst, der jedes Mal brennt, wenn ich auf einer traditionellen Meru-Hochzeit bin.
 
Die vorkoloniale Kultur der Meru ist mehr oder weniger akkurat dokumentiert worden. In den 1960er Jahren kam Jeffrey Fadiman, ein Anfang zwanzigjähriger weißer Mann aus den USA, nach Kenia und interviewte hunderte von Ältesten - Männer, die zwar noch nicht auf dem Sterbebett lagen, aber verzweifelt versuchten, eine Aufzeichnung darüber zu erhalten, "was es bedeutete, Meru zu sein". Sie waren sich überaus bewusst darüber, dass sie die letzte Generation waren, die diese bestimmte Art von Informationen in einem dringenden, unmittelbaren Sinn zu schätzen wusste. Sie wollten, dass es aufgezeichnet wurde, weil sie glaubten, dass es ihre Enkelkinder eines Tages interessieren würde, auch wenn das bei ihren Kindern nicht der Fall war. Hätten die Missionare die traditionelle afrikanische Religionsausübung als etwas Böses behandelt, wäre sie mit einer gewissen Kraft durchgedrungen und hätte somit Bestand gehabt. Sie taten etwas viel Wirksameres, als sie sie für Unsinn und Humbug erklärten. Ich kann daher nicht anders, als vergebliche Hoffnung in den Bemühungen zu lesen, die Meru-Traditionen und -Kultur aufzuzeichnen: Die Möglichkeit zu erhalten, dass die christliche Projektphase in ein oder zwei Generationen vorübergehen würde.
 
Jeffrey Fadimans Buch beginnt an einer Feuerstelle, an der er die mündliche Geschichte des letzten überlebenden Mitglieds von Merus ältester Generation, Gituuru wa Gikamata, aufschreibt. Gituuru ist mein Ururgroßvater, weshalb dieses Buch einen Ehrenplatz im Bücherregal meiner Familie einnimmt, und deshalb kenne ich es auch.

Zitat: "Gott hat mich am Leben erhalten, damit ich Ihnen diese Information geben kann. Bitte schreiben Sie sie auf, damit meine Enkelkinder wissen, was es heißt, Meru zu sein."
 

Doch hier bin ich, eine Ur-Urenkelin, die über Lücken schreibt, auch weil das Buch und die Enkel*innen von Gituuru keine befriedigenden Antworten für mich haben. Sicherlich ist in diesem Buch vieles akribisch dokumentiert. Aber gerade über die Welt der Frauen herrscht große Stille. Bräuche und Rituale werden vorgestellt, aber das Buch ist mit wenig technischen Beschreibungen versehen. Einerseits nahmen die Ältesten vielleicht an, dass die handfeste Ästhetik überleben würde. Fadiman selbst ging entweder von ähnlichen Annahmen aus oder dachte nie darüber nach. Objekte werden als kunstvoll oder aufwändig beschrieben, aber er geht nicht auf qualitative Besonderheiten ein. Es reicht zum Beispiel nicht aus, von einem schweren Perlenmantel zu erzählen: War es eine gewebte Stoffdecke oder aus Leder gefertigt? Welche Art und Größe von Perlen wurden für die Verzierung verwendet? Welche Perlenmuster wurden angewandt? Nach all den Bemühungen, die Fadiman aufgewendet hatte, um die Ältesten davon zu überzeugen, dass es der beste Weg zur Erhaltung ihrer Welt sei, sich ihm anzuvertrauen, scheint er vergessen zu haben, tatsächlich ihre Welt zu beschreiben, und stattdessen seinen Eindruck von ihrer Welt festgehalten zu haben.
 
Es wird deutlich, dass niemandem viel daran gelegen war, das Leben und die Erfahrungen von Frauen zu dokumentieren. Wie die Ältesten sagten, bedeutete Meru zu sein, "als junger Krieger zu leben, sich im Alter mit den "nkoma" (Geistern der Ahnen) zu verbinden und dann durch den Tunnel zu gehen, der vom Leben in den Tod führt". Offensichtlich hatten die befragten Ältesten keine Enkelinnen im Sinn!
 
Daher fühle ich mich bei jeder traditionellen Meru-Hochzeit mehr als nur ein wenig unbeeindruckt. Die Ältesten stellten sicher, dass wir wussten, wie man heiratet. Wir wissen, welche Zeremonien wir abhalten müssen, welche Lieder wir singen müssen, welches Essen wir servieren müssen, wie wir sprechen müssen, mit welchen spezifischen Redewendungen wir unsere potenziellen Schwiegereltern ansprechen müssen, wer was wann trinkt - es ist alles da. Wir wissen jedoch nicht, was wir zu diesen Zeremonien anziehen sollen. Alles außer den materiellen Dingen hat den Hauch von Authentizität.
 
Je größer die Bemühung um eine traditionelle Ästhetik der Hochzeit ist, desto unterwältigender ist sie tatsächlich, da sie keinerlei Bezugspunkt hat. Mit der Präsentation der Braut beginnt ein Spektakel der Aneignung. In Ermangelung nachweislich eigener Sachwerte mussten Meru-Bräute mehrere Ästhetiken entwenden. Die Braut taucht aus einem Meer junger Frauen auf, die alle vollständig mit Khangas bedeckt sind; dies haben wir aus der Swahili-Kultur übernommen. Wenn der Bräutigam sie richtig identifiziert, wird sie bei der Enthüllung in ein braunes Lederkleid gekleidet, das mit Kaurimuscheln, einem Kikuyu-Gewand, und manchmal mit Maa-Perlenstickerei geschmückt ist. Zu diesem Zeitpunkt versinke ich in dem Bewusstsein darüber, wie viel Mühe die Jagd und das Sammeln dieser kulturellen Kleidung gekostet hat.
 
Es gibt jedoch eine Hochzeit, von der ich weiß, dass sie über diese Lücken sprechen kann - eine, die meiner Familie in einem grenzwertig mythischen Verhältnis in dem Maße überliefert ist, dass sogar Menschen jenseits von "uns" darauf Bezug nehmen. Als unsere Ältesten ihre Söhne in die Schulen des weißen Mannes schickten, kamen meine Urgroßväter - diese Söhne selbst - als Christen aus diesen Bildungseinrichtungen zurück. Ich habe mich oft gefragt, wie der alte Mann darauf reagiert hat und was er davon hielt. Was hätte es bedeuten können, zu erfahren, dass seine Kinder die gleichen Vorfahren aufgegeben hatten, denen er beitreten wollte und nach denen er sein ganzes Leben ausgerichtet hatte? Ist ihm jemals voll und ganz klar geworden, dass dies bedeutete, dass seine Kinder ihm niemals Trankopfer anbieten würden, oder war er zu sehr damit beschäftigt, darüber nachzudenken, welche Erklärung er seinen Vorvätern anbieten würde, wenn er sich ihnen anschloss? Was ich mit Sicherheit weiß ist, dass er sich bewusst darüber war, der Letzte in seiner Glaubens- und Überzeugungslinie zu sein.
 
Aber zurück zu der mythenhaften Hochzeit. Als es für meinen Urgroßvater an der Zeit war, zu heiraten, wählte er aus dem Kreise der Besten aus. Es gibt allgemeine Einigkeit darüber, dass sie eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit war. Es ist zudem klar, dass diese "Schönheit" vor allem auf ihre persönlichen Errungenschaften verwies. Die einzige physische Beschreibung ihrer körperlichen Schönheit sind ihre rituellen Narben. Merus praktizierten Skarifizierung und Errungenschaften wurden in die Haut eingeprägt. Und meine Urgroßmutter war eine Schönheit...!
 
Es gab jedoch ein Problem - sie war nicht getauft. Sie schrieb sich in "christliche Kurse" ein, die von einer weißen Frau unterrichtet wurden, deren Name irgendwie verlorengegangen ist (auch wenn die Namen von D.O.s und Priestern in der Gegend en gros in unsere mündliche Geschichte eingegangen sind). Als der Tag kam, ging sie zur Kirche hinauf, geschmückt mit all ihren rituellen Schmuckstücken von Rang und Namen. All ihre Kopfbedeckungen, Halsketten, Armbänder, Taillenperlen und Fußkettchen werden in der Erzählung erwähnt, mit besonderer Nennung von schweren Kupferarmbändern und Halsstücken, aber es gibt keine weiteren genauen Beschreibungen. Abgesehen von all dem wird gesagt, dass sie die erwartete Pracht einer Meru-Braut trug.
 
Dann legte sie "ALL DIESE ZAUBEREI" ab, wurde in Weiß gekleidet, getauft und ging, ein Kopftuch tragend, durch die Türen der Kirche, um zu heiraten.
 
Mit dieser Taufe wurde noch viel mehr abgelegt. Auch ihr ursprünglicher Name ging verloren. Alle weiteren Hinweise auf sie, mündlich oder anderweitig, beziehen sich auf "Selina, die Salomos Frau wurde".

Meine Familie bevorzugt eine romantischere Erzählung, in der sie sich verliebt haben und sie alles für ihn aufgegeben hat. Ich bin sicher, dass da etwas Wahres dran ist. Aber die Frauen in meiner Familie sind zu praktisch veranlagt, als dass dies eine ganze Wahrheit darstellen könnte. Vielleicht war es der Reiz der Monogamie, oder vielleicht sah sie sich hochheiraten - was auch immer der Grund war, sie gab alles auf, um seine Ehefrau zu werden! Nachdem sie seine Frau geworden war, erarbeitete sie sich einen Ruf als gute christliche Frau, der den Errungenschaften ihres früheren Lebens entsprach, diese aber nie ganz in den Schatten stellte.
 
Der Salomon, dessen Frau sie wurde, war ein kolonialer Landwirtschaftsoffizier und reiste oft von zu Hause weg, um das zu tun, was koloniale Landwirtschaftsoffiziere damals taten. Daher hatte sie die Aufsicht über ihr Haus, das außergewöhnlich gut gepflegt war. Ich erinnere mich, dass ich Margaret Mitchells (problematisches) Buch "Vom Winde verweht" gelesen und die Ehrfurcht, in der Scarlett vor ihrer Mutter lebte, zutiefst verstanden habe. Der Ton, in dem meine Großmütter über ihre Mutter sprechen, kann nur als ehrfürchtig bezeichnet werden.

Als ich Margaret A. Ogolas "The River and The Source" las, konnte ich sehen, dass Selina unsere Akoko war; der familiäre Maßstab für alle zukünftigen weiblichen Errungenschaften. Wann immer meine Grossmutter besonders zufrieden mit sich war, würde sie uns daran erinnern, dass sie Selinas Tochter war. Wenn wir etwas gut machten, wurden wir daran erinnert, dass dies zu erwarten war, da wir schließlich ihre Nachfahren waren. Ihr Phantom ist groß und wird oft für die Zwecke eingesetzt, die am besten zu denjenigen passen, die in unserer Familie an der Macht sind, wobei ein wichtiger Zweck darin besteht, die in die Familie hineingeborenen Frauen zu ermahnen, dem Trend entgegenzuwirken. Paradoxerweise wird sie auch eingesetzt, um Frauen, die einheiraten, zu unterwerfen, damit sie sich “der Art und Weise, wie wir Dinge tun" anpassen. Selina ist eine praktische Allzwecksalbe.
 
An sie muss ich immer denken, wenn ich auf einer traditionellen Hochzeit bin. Ich frage mich, was genau die Frau, die Selina wurde, trug, als sie zur Kirche hinaufging. Ich habe auch etwas Angst, dass der Tag kommen könnte, an dem ich trotz meiner Bedenken zustimmen könnte, diesen ethnischen Mode-Quilt anzuziehen und auch "eine geschmückte Meru-Braut" zu werden.
 
In Meru gibt es ein Museum, das mit Bildern, Hörnern, etwas Keramik, vielen Schilden und Speeren gefüllt ist. Die meisten von ihnen sind nachgewiesene Schenkungen aus privaten Familiensammlungen, denn als es an der Zeit war, die Sammlungen zusammenzustellen, gab es in Ecken unseres Seins Überbleibsel aus dem Leben der VorVÄTER. Aber es gibt kein einziges Museum, das mir Meru Brautkleider zeigen kann.
 

Szene:
"Das Geheimnis der Löffel", American Gods, Staffel 1 (2017)
Bilqius, (eine der vergessenen alten Göttinnen, die im TV-Drama "American Gods" als in den heutigen U.S.A. lebend dargestellt wird) besucht ein Museum, in dem ihr ritueller Körperschmuck ausgestellt ist. Sie ruft nach ihrem Schmuck und dieser ruft zurück zu ihr. Es ist das Letzte, das aus ihrer Zeit als Göttin überlebt hat. Sie nimmt ihn in sich auf, versengt ihn mit ihrem intensiven Blick. Dann geht sie weg.
 
Beim Schauen von American Gods (2017) fühle ich eine gewisse Verwandtschaft mit Bilquis. Meine Kirche führt akribisch genaue Aufzeichnungen. Die Consolata-Missionare kamen 1911 in Meru an. Viele Erwachsene wurden getauft. Der symbolische Kulturverlust war alltäglich. Als Papst Pius XI. seine Ausstellung organisierte, wurden Kisten über Kisten nach Rom verschifft. Der Inhalt dieser Kisten waren Gegenstände, zusammen mit umfassenden Notizen zu ihrer Geschichte und wie sie erworben worden waren. Einige von ihnen sind noch immer ausgestellt. 
 
Wenn Bilquis das Museum betritt, in dem ihr ritueller Schmuck ausgestellt ist, erinnert sie sich an das große Ritual und Leben, das sie führte. Er ist nicht einmal richtig ausgestellt. Die mit der Ausstellung beauftragten Personen legten den Fokus auf die Form anstatt die Funktion. Ihr Bruststück und ihre Lendenstücke sind alle durcheinander geraten. Das liegt daran, dass sie nicht wissen, dass es kein Schmuck, sondern Kleidung ist. Das war alles, was sie zu den Riten trug. Sie will es in die richtige Reihenfolge bringen. Dann wird ihr klar, dass sie es nicht haben kann, und sie geht weg.
 
Auch ich möchte ihn einfach nur sehen. Ich akzeptiere, dass er wahrscheinlich nicht richtig ausgestellt ist. Ich akzeptiere, dass ich wenig darüber lernen werde, was die einzelnen Stücke bedeuten. Ich akzeptiere, dass der Schmuck jetzt tot ist und dass ich, anders als Bilquis, nicht weiß, wie ich ihm Leben einhauchen kann. Ich möchte einfach nur wissen, wie er aussieht.
 
Die Aufzeichnungen der Ausstellung waren, im Gegensatz zu vielen kolonialen Aufzeichnungen, nicht das Werk von Männern, die sich als unerschrockene Forscher verkaufen wollten, sondern von geweihten Priestern, die auf eine Bitte des Vikars Jesu Christi, dem Nachfolger des Sprechers der Apostel, des Papstes der Universalkirche, reagierten. Gibt es also irgendwo im Lateranpalast in einem Kellergeschoss eine verschimmelte, rostige Kiste, die die vollständigen Kleider und den Schmuck einer Meru-Braut enthält?