Literaturübersetzungen
Ist hier ein Mord geschehen, oder wurde nur eine Leiche fotografiert?

Wandbild von James Joyce mit einem Zitat aus seinem Roman „Ulysses“, ein Paradebeispiel für einen schwer übersetzbaren literarischen Text.
Wandbild von James Joyce mit einem Zitat aus seinem Roman „Ulysses“, ein Paradebeispiel für einen schwer übersetzbaren literarischen Text. | Foto (Detail): © picture alliance/NurPhoto/Artur Widak

Literatur zu übersetzen ist Kunst, geht es doch um weit mehr als einen Text wörtlich in eine andere Sprache zu übertragen: Was Literaturübersetzungen so aufwendig macht und weshalb künstliche Intelligenz sie nicht ersetzen kann.

Literarisches Übersetzen – das ist beinahe schon eine Binsenweisheit – ist weit mehr als das bloße wörtliche Übertragen eines Textes von einer in die andere Sprache. Übersetzen erfordert Kontext, Feingefühl, Recherche und auch Entschlussfreudigkeit. Der Schriftsteller und Gelehrte Alberto Manguel bezeichnete Übersetzer*innen einmal als die idealen Leser*innen: „Er oder sie kann einen Text in Stücke zerteilen, seine Haut entfernen, ihn bis auf die Knochen zerschneiden, jeder Arterie und Vene folgen und von da an ein neues Lebewesen gestalten.“
 
Im Gegenzug haben vermeintlich missglückte Übersetzungen auch immer wieder als Anlass zumindest für ein Bonmot gedient: Entweder, so schrieb es Kurt Tucholsky anlässlich der ersten deutschen Übersetzung von James Joyces Ulysses im Jahr 1927, sei hier ein Mord geschehen oder eine Leiche sei fotografiert worden. Gerade in einer Zeit, in der sich das starre Konzept einer Nationalliteratur zugunsten eines fluiden Begriffs von Identität aufzulösen scheint, kommt Übersetzer*innen eine bedeutende Rolle zu.

Literatur überschreitet Grenzen

Im Jahr 2019 wurden nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels 9.802 Titel als Erstauflagen ins Deutsche übersetzt. Im Gegenzug verkauften deutsche Verlage 7.747 Übersetzungslizenzen ins Ausland. Die Datenbank des Verbands deutschsprachiger Übersetzer*innen (VdÜ) listet rund 850 Mitglieder auf, die Bücher aus mehr als 100 Sprachen übersetzen.
 
Im Hinblick auf die Möglichkeiten, deutschsprachige Literatur ins Ausland zu vermitteln, sieht Friederike Barakat, die im Carl Hanser Verlag die Abteilung Rechte und Lizenzen leitet, eine klare Entwicklung: „Das Vorurteil, deutschsprachige Literatur sei nur schwerblütig und selbstbespiegeln, ist vom Tisch.“ Der Hanser Verlag und die ihm angeschlossenen Verlage schließen, inklusive der Sparten Literatur, Sach- und Kinderbuch, pro Jahr etwa 250 Auslandslizenzen ab. Dazu gehören Erfolgstitel wie Herta Müllers Atemschaukel – ein Buch, für das nach der Verleihung des Literaturnobelpreises rund 60 Auslandslizenzen verkauft wurden – oder Robert Seethalers Ein ganzes Leben. Aber eben auch ein komplexer Roman wie Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger. Um einen deutschsprachigen Titel verkaufen zu können, so Barakat, „braucht es ein ganzes Mosaik von Bestandteilen“, darunter die Sichtbarkeit in den Feuilletons, aber selbstverständlich auch gute Verkaufszahlen. Wichtig sei es für die Verlage, Netzwerke zu bilden, um auch im Ausland den richtigen Verlag für einen Titel zu finden. Und dann brauche es, versteht sich, auch wieder Übersetzer*innen, die dem Buch gerecht werden können.

Unsichtbare Künstler*innen

Der Beruf der Übersetzenden ist verbunden mit einer ungewöhnlichen – weil kaum existenten – Außenwahrnehmung: „Man sieht und hört uns im Grunde nicht, wenn man ein Buch liest“, formuliert es Henning Ahrens. Ahrens ist selbst Autor von Romanen und Gedichten, übersetzt aber auch Bücher aus dem Englischen ins Deutsche, darunter Autor*innen wie Colson Whitehead, Meg Wollitzer und Jonathan Safran Foer. Anders als Schauspieler*innen oder Musiker*innen, so Ahrens, trete man als Übersetzer*in weit hinter das Werk zurück. Hinzu komme eine, gemessen an der Komplexität der Arbeit, noch immer eher unterdurchschnittliche Bezahlung: „Man wird bei einer Übersetzung pro Seite bezahlt. Ob Sie dafür ein Vierteljahr oder sechs Monate brauchen, macht keinen Unterschied.“ Gerade darum seien Übersetzungsförderungen und Stipendien von besonderer Bedeutung.
 
Auch Ursel Allenstein spricht von der Aufwendigkeit ihres Berufs. Soeben ist ihre in der Fachwelt viel beachtete und auch hochgelobte Übersetzung der Kopenhagen-Trilogie der Dänin Tove Ditlevsen erschienen. Ohne die Corona-Pandemie, so erzählt die Skandinavistin, wäre sie für die Recherchen mehrmals nach Kopenhagen gefahren, hätte in Archiven geforscht und Schauplätze der Romane in Augenschein genommen. Das sei nicht immer nötig, so Allenstein: Manchmal gebe es Bücher, bei denen keine Fragen offenblieben. In anderen Fällen wiederum gehe es „um winzige Details, um Wirklichkeitsverschiebungen, um Sprachfinessen.“ In solchen Fällen arbeitet Allenstein eng mit den Autor*innen zusammen. Jonas Eika und sein Roman Nach der Sonne sei ein Beispiel dafür gewesen. 

Identität und künstliche Intelligenz

Die Frage, wer überhaupt legitimiert dazu sei, welche Texte zu übersetzen, hat unlängst eine bis dahin nicht gekannte Brisanz gewonnen. Im März 2020 rückte die niederländische Übersetzerin Marieke Lucas Rijnveld auf Druck von Aktivist*innen davon ab, den Gedichtband der schwarzen US-Lyrikerin Amanda Gorman zu übersetzen. Patricia Klobusiczky, erste Vorsitzende des VdÜ und selbst Übersetzerin, sagte in einem Interview, sie halte es für unvorstellbar, künftig nicht mehr Autor*innen zu übersetzen, die anderen Lebenswelten entstammten als sie selbst – „da könnte ich diesen Beruf gar nicht mehr ausüben.“ Die Lyrikerin Amanda Gorman bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden 2021: Auf Druck von Aktivist*innen gab die niederländische Übersetzerin Marieke Lucas Rijnveld den Übersetzungsauftrag für Gormans neuen Gedichtband wieder ab. Die Lyrikerin Amanda Gorman bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden 2021: Auf Druck von Aktivist*innen gab die niederländische Übersetzerin Marieke Lucas Rijnveld den Übersetzungsauftrag für Gormans neuen Gedichtband wieder ab. | Foto (Detail): © picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Carolyn Kaster Ebenso realitätsfern, da sind sich Henning Ahrens und Ursel Allenstein einig, sei der Gedanke, künstliche Intelligenzen oder Übersetzungsprogramme aus dem Internet könnten in absehbarer Zeit die Arbeit literarischer Übersetzer*innen übernehmen: „Das Differenzierungs- und Einfühlungsvermögen, das dafür nötig ist“, so Ahrens, „besitzen Maschinen nicht, und ich glaube auch nicht, dass wir das noch erleben werden.“