Zur Darstellung von Diversität in Kinderbüchern
Änderung des Narrativs

Rassismus – Ein Mädchen sucht Bücher in einer Bibliothek in Yola, Nigeria
Ein Mädchen sucht Bücher in einer Bibliothek in Yola, Nigeria | Foto (Detail): Kyodo/MAXPPP © picture alliance / dpa

Minderheiten sind in europäischen und nordamerikanischen Kinderbüchern viel zu selten vertreten. Leider sind gerade diese Bücher in den meisten Schulen und Haushalten in Afrika zu finden. Das nigerianische Verlagshaus Kachifo setzt auf neue Narrative, um die Diversität in der Gesellschaft abzubilden. Cheflektorin Enajite Efemuaye hat mit „Latitude“ gesprochen.

Ihrer Entscheidung, in das Verlagswesen einzusteigen, lag der Wunsch zugrunde, afrikanischen Schriftsteller*innen eine Plattform zu bieten, um dem Rest der Welt ihre eigenen Ideenwelten zu vermitteln. Seitdem haben Sie Ihren Verlagskatalog um Kinderbücher erweitert. Warum war dies notwendig und welche Erfahrungen haben Sie bisher damit gemacht?
 
Nigeria hat eine vielfältige mündliche Erzähltradition. Nach der Unabhängigkeit und unter der Herrschaft mehrerer aufeinanderfolgender Militärregime wurden für Kinder hauptsächlich Schulbücher veröffentlicht – vor allem von Verlagshäusern aus Großbritannien. „Literatur“ für Kinder war in den meisten Fällen den Märchenstunden im Fernsehen und Radio nachempfunden. Um mit der Zeit zu gehen, griffen immer mehr Verlage diese mündliche Erzähltradition auf und übertrugen sie in schriftliche Werke. Dabei ging es nicht nur um Volksmärchen als populäres Genre, sondern auch um zeitgenössischere Erzählungen: spekulative Fiktion, Kriminalgeschichten, Poesie, Geschichten über gesellschaftliche Fragen und vieles mehr. Aus diesem Grund haben wir uns mit unserem Tuuti-Imprint auf das Abenteuer Kinderbücher eingelassen.
 
Allerdings befinden sich Kinderbuchverlage in Nigeria zweifellos noch immer in der Versuchsphase. Wir haben gerade erst begonnen, uns das Knowhow für den Aufbau einer Nischenbranche anzueignen. Es macht großen Spaß und ist mit viel Arbeit verbunden, doch alles in allem war es bisher die Erfahrung wert. Das merken wir vor allem dann, wenn wir Veranstaltungen organisieren und die Kinder und Eltern treffen, die unsere Bücher lesen, und ihre Begeisterung unmittelbar zu spüren bekommen. Die finanzielle Seite ist dagegen weniger erfreulich, doch dieses Problem stellt sich grundsätzlich in der Verlagsbranche.
 
Mit welchen Herausforderungen sind Verlagshäuser in Afrika konfrontiert und gibt es spezielle Hürden, die insbesondere Kinderbuchverlage betreffen?
 
Ich denke, eine der Herausforderungen, die uns allen auf dem Kontinent betrifft, ist der Vertrieb. In Nigeria verlegte Bücher nach Senegal zu bringen kostet doppelt so viel wie die Verlagskosten der Bücher selbst. Nigeria leidet zudem ganz besonders unter Produktpiraterie. Sobald ein Buch eine gewisse Popularität erlangt hat, stürzen sich die Fälscher darauf und überschwemmen den Markt mit Raubkopien. Das Fehlen etablierter Vertriebskanäle – die Mehrzahl der Verlage übernimmt den Vertrieb selbst – und die unzureichende Durchsetzung von Rechtsvorschriften gegen Urheberrechtsverletzungen macht es für die Täter nur noch leichter. Außerdem haben wir mit einer schlechten Stromversorgung, einem fehlenden Zugang zu Krediten und zahlreichen unternehmensunfreundlichen Verordnungen der Regierung zu kämpfen. Diese Probleme betreffen nicht nur die Kinderbuchbranche, sondern die gesamte Verlagsindustrie.
 
Kinderbuchverlagen in Nordeuropa und Deutschland wird vorgeworfen, die zunehmende gesellschaftliche Diversität in ihren Ländern mit ihren Verlagsprogrammen nicht abzubilden. Gleichzeitig nimmt globalisierungsbedingt auch die Diversität afrikanischer Gesellschaften immer weiter zu. Inwiefern hat die kulturelle Diversität einen inhaltlichen Einfluss auf die Kinderbücher, die Sie in Nigeria veröffentlichen?
 
Viele der Kinderbücher in den Regalen unserer Buchläden stammen aus dem Ausland. Aus diesem Grund liegt es uns im Moment ganz besonders am Herzen, Geschichten von normalen nigerianischen Kindern zu erzählen. Deshalb ist es wichtig, dass sich unsere jungen Leser*innen in unseren Illustrationen wiederfinden und dass unsere Bücher von Erfahrungen erzählen, mit denen sich die Kinder identifizieren können.

Dabei machen wir uns auch Gedanken über kulturelle Diversität, obwohl sie für uns eine andere Bedeutung hat. In Nigeria gibt es zwar mehr als 200 verschiedene Ethnien, doch in den meisten Büchern werden für gewöhnlich die drei „wichtigsten“ Ethnien – Igbo, Yoruba und Hausa – dargestellt. Diese Gleichung wurde allerdings durch die Globalisierung und die Migration um eine weitere Variable ergänzt. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, diese Wirklichkeiten in unseren Veröffentlichungen abzubilden.
 
Aufgrund des begrenzten Angebots an Büchern von afrikanischen Verlagen finden häufig Bücher aus Europa und Nordamerika ihren Weg auf den afrikanischen Buchmarkt. Gibt es aus Ihrer Sicht in diesen Büchern bestimmte Stereotype, die Sie ganz bewusst mit Ihrem Angebot einer alternativen Literatur mit lokalen Inhalten dekonstruieren wollen?
 
Afrika kommt in diesen Büchern nur selten vor. Sollte es doch der Fall sein, dann wird ein homogenes, austauschbares Bild von einem Dorf, einer Stadt oder einem Wald in „Afrika“ gezeichnet. Mit solch einem monolithischen Bild von Afrika wird die ganze aufregende Vielfalt der ethnischen Identitäten und Erfahrungen im Keim erstickt. In unseren Geschichten liegt der Fokus, wie ich bereits sagte, auf Afrika. Sie beleuchten unsere Position in der Welt, wie es gute Literatur tun sollte.
 
Im Idealfall würden Sie afrikanische Geschichten sicher auch gerne einem weltweiten Publikum zugänglich machen. Haben Sie in dieser Richtung bereits Schritte unternommen? Gibt es Möglichkeiten einer Zusammenarbeit mit europäischen Verlagshäusern, und wie würde eine ideale Partnerschaft für Sie aussehen?
 
Wir haben bisher keine Kooperationen mit europäischen oder anderen Verlagshäusern im Ausland angestrebt. Dies liegt vor allem daran, dass unsere Ressourcen begrenzt sind und wir daher unsere gesamte Energie in den Ausbau der Branche in unserem Land stecken. Diese könnte dann wiederum eine solide Grundlage für eine Erkundung des internationalen Marktes bilden. Wir wollen uns so aufstellen, dass wir einen wertvollen Beitrag zu internationalen Kooperationen leisten können. Also freuen wir uns über jede Möglichkeit der Zusammenarbeit, die sich ergeben sollte. Unsere Vision ist es, der Welt die Arbeit nigerianischer Schriftsteller*innen und Illustrator*innen durch Partnerschaften mit Verlagshäusern in anderen Ländern näherzubringen.