Elnathan John „Geboren an einem Dienstag“: Nordnigerias unsichtbare Stimmen

Geboren an einem Dienstag Foto und © Carmen McCain
Geboren an einem Dienstag Foto und © Carmen McCain | Foto: © Carmen McCain

Mit „Born on a Tuesday“ ist Elnathan John ein aufrüttelnder Debütroman über das Leben in Nordnigeria in Zeiten islamistischer Radikalisierung gelungen. Die Suche des Jungen Dantala nach einem Platz in der Gesellschaft eröffnet eine menschliche Perspektive auf die ideologischen Gewaltkonflikte der heutigen Welt.

Die unsichtbarsten Menschen in Nordnigeria sind nach Elnathan John die Almajirai, die unzähligen Scharen von Koranschülern. Von Kindheit an auf sich gestellt, müssen sie als Handlanger, Straßenhändler oder bettelnde Straßenjungen ihren Lebensunterhalt verdienen: „Im eigenen Land werden sie wie Nummern behandelt und nur dann wahrgenommen, wenn sie Gewalt anwenden. Niemand denkt daran, dass diese Jungen menschliche Wesen sind. Sie haben eine Geschichte, sie haben Gefühle, Träume und Sehnsüchte, genau wie wir.“ In seinem Debütroman „Born on a Tuesday“ („Geboren an einem Dienstag“) von 2015 möchte Elnathan John daher den Almajirai in der Figur des Jungen Dantala ein Gesicht, eine Stimme, ein Leben geben: „Gewissermaßen versuche ich, in meinem Buch über unsichtbare Menschen zu reden und über die Geschichten, die nicht erzählt werden. Und da der nordnigerianische Teil, über den ich rede, zu 90 Prozent aus Muslimen besteht, kann ich nicht darüber sprechen, ohne auf die Divergenzen zwischen ihnen einzugehen.“
 
Der Autor Elnathan John ist im Norden Nigerias zu Hause: Er wurde 1982 in Kaduna geboren, studierte Jura in der Stadt Zaria und arbeitete als Rechtsanwalt, bis er sich 2012 für das Schreiben als Hauptberuf entschied. Eine Sammlung von Kurzgeschichten publizierte er 2008 im Selbstverlag, zudem erscheinen seine Erzählungen in Zeitschriften wie „ZAM Magazin“, „Evergreen Review“ und „Per Contra“. Elnathan Johns Kurzgeschichten, „Bayan Layi“ von 2013 und „Flying“ („Fliegen“) von 2015 wurden beide für den Caine Preis nominiert. Sein Roman „Born on a Tuesday“, der 2015 in einer nigerianischen Auflage (Cassava Republic Press) und 2016 in einer amerikanischen Auflage (Grove Atlantic) erscheint, wurde vom amerikanischen Buchhandelsverband Indies Introduce unter die zehn besten Debütromane im Winter/Frühling 2016 gewählt. Als Autor von Satiren macht er sich die Haltung zu eigen, „mehrmals hinzuschauen, gerade auf das, was niemand beachtet oder für selbstverständlich hält“.

DANTALAS GESCHICHTE 

Ausgangspunkt von „Born on a Tuesday“ ist Elnathan Johns Kurzgeschichte „Bayan Layi“ über den Lebensalltag der Straßenjungen in Nordnigeria. Der daraus entwickelte fünfteilige Roman umspannt die Zeit von 2003 bis in die Gegenwart, die von einer Radikalisierung des politischen Islam geprägt ist. Der junge, aufgeweckte Dantala aus dem Kreise der Almajirai ist Erzähler seiner eigenen Geschichte auf der Suche nach einer Vaterfigur, die er in seinen Wegbegleitern mit unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen findet:
 
In Bayan Layi, einer fiktiven, im Nordwesten Nigerias verorteten Stadt, gesellt sich Dantala zu einer Straßengang und freundet sich mit deren Anführer Banda an. Im Zuge von Wahlunruhen müssen die Jungen vor der Polizei fliehen. Banda bleibt zurück, während Dantala in der nahegelegenen Stadt Sokoto in einer Moschee unterkommt. Die von Gewalt geprägten Erinnerungen an seinen Vater, die geistige Verwirrung seiner Mutter und die Konvertierung der Brüder zu Schiiten entfremden Dantala von seiner Familie. Dafür findet er in Jibril einen treuen Freund und steigt zum bevorzugten Assistenten von Sheikh Jamal auf. Der Gewaltzirkel bricht aus, als Sheikhs engster Berater Malam Abdul-Nur eine eigene radikale Salafisten-Bewegung gründet und erst untergründig, dann offen gegen Sheikhs Bewegung ankämpft. Einerseits durchlebt Dantala die Wirren der ersten Liebe, andererseits gerät er in den Strudel der Unruhen und muss persönlich Stellung beziehen.
 
Innerhalb der Literatur aus Nordnigeria nimmt Elnathan Johns „Born on a Tuesday“ in doppelter Hinsicht eine singuläre Stellung ein: Zum einen schreibt er auf Englisch anstatt auf der in Westafrika verbreiteten Hausa-Sprache, um so ein breiteres Publikum zu erreichen. Zweitens sticht der Roman durch seinen ausgeprägten Realitätsbezug heraus. In intensiver Forschungsarbeit setzte sich Elnathan John mit der Entwicklung des politischen Islam in Nigeria auseinander, um dann „alle diese Elemente im Buch aufzunehmen“. Dadurch gewährt sein Werk Einblick in eine sonst unzugängliche Welt.
 
Äußere Ereignisse und assoziative Erinnerungen vermengen sich im Innern der Hauptfigur Dantala zu suggestiven Bildern des Elends, der Zerstörung, aber auch der Hoffnung. Die Kraft der Sprache liegt in der klaren, reduzierten, präzise differenzierenden und dabei einfühlsamen Erzählweise. Die schmucklose Direktheit, mit der die Gewaltstrukturen dargelegt werden, geht unter die Haut, zugleich sorgt die intime Perspektive für poetische, humorvolle Momente: „Ich wollte auch die kleinen Dinge in Dantalas Leben zeigen, die ihm Freude bereiten, so wie bei jedem anderen Menschen“, erklärt der Autor.

ISLAMISCHE KONTROVERSEN

Zu Elnathan Johns Verdiensten zählt, dass er in „Born on a Tuesday“ ganz ohne das terroristische Etikett „Boko Haram“ auskommt, sondern auf die dem zugrunde liegenden Verwicklungen schaut. Mit seiner differenzierten Darstellung der ideologischen Positionen möchte er zeigen, dass „es auch innerhalb des Islam eine Kontroverse gibt, hinter der komplexe Menschen mit komplexen Beziehungen stehen“.
 
Den Hintergrund formt die Zweiteilung Nigerias in einen mehrheitlich christlichen Süden und einen mehrheitlich muslimischen Norden, der von größerer Armut, Analphabetismus und religiös motivierter Gewalt gekennzeichnet ist. Ein jahrelanger Konflikt entbrennt im Norden innerhalb der Sunniten-Bewegung zwischen den Sufisten und Salafisten, den Dariqa und Izala. Obwohl die Sufisten die traditionelle Mehrheit formen, ziehen die Salafisten durch ihre politische Stoßrichtung erhöhte Aufmerksamkeit auf sich. Einer der gewöhnlich verschwiegenen Nebenkonflikte im nigerianischen Kontext betrifft die Spannungen zwischen den Sunniten und der jungen Schiiten-Bewegung, die um Geltung kämpft. Eine Schlüsselrolle im Roman nimmt die Salafismus-Debatte zwischen Sheikh Jamal und Malam Abdul-Nur ein. Als Anregungsquelle diente die tatsächliche Debatte zwischen Sheikh Jafar Adam und Mohammed Yusuf, einstiger Almajiri, der sich von den Salafisten abspaltete und die fundamentalistische Gruppe Boko Haram gründete. Analog dazu entwickelt sich im Roman Malam Abdul-Nur zum Dschihadisten, der den islamischen Staat mit Gewalt durchsetzen will, während Sheikh Jamal für den Wert der Bildung als mächtiges gesellschaftspolitisches Instrument argumentiert.
 
Die Trennungslinie zwischen Fakten und Fiktion verläuft im Roman beunruhigend dünn. Bei allen realen Anknüpfungspunkten soll die Wahl für den Handlungsort Sokoto – anstatt des terroristischen Konfliktherdes Borno – die Übertragbarkeit der Ereignisse aufzeigen. Der fiktive Ort Bayan Layi in der Hausa-Bedeutung „Hintere Straße“ fokussiert die gesellschaftlichen Randzonen. Auf diese Weise möchte Elnathan John darauf aufmerksam machen, dass „die Faktoren für religiöse Gewalt fast überall in Nordnigeria existieren. Schließlich kämpft ein jeder gegen jeden, weil er glaubt, ein ‚richtiger Muslim‘ zu sein. Jeder hat diesen Standpunkt.“ Der fundamentalistische Glaube an eine gottgewollte Ordnung führt auch zu Auseinandersetzungen mit dem Staat und der Polizei sowie zur Verbreitung anti-westlichen Gedankenguts. Die im Roman angedeuteten Beziehungen zu Ländern wie Saudi-Arabien, Iran, Ägypten oder auch England weben ein komplexes Netz von Machtbeziehungen. Elnathan John unterstreicht die weltweite Tragweite dessen: „Denn wenn man Einfluss auf die Menschen hat, kann man ihre Politik und damit alles beeinflussen.“

EIN ALMAJIRI AUF BEDEUTUNGSSUCHE

Der verbreiteten Ansicht, dass Almajirai ungebildet seien, widerspricht bereits die Bedeutung des Wortes „Schüler“, genauer: ein Schüler des Korans. Das soziale Dilemma liegt nach Elnathan John darin, dass viele Amajirai ausgebeutet werden. Dantalas Leidenschaft für Sprachen und Bücher wird entsprechend durch seine Tätigkeit als Almajiri befördert, den Koran niederzuschreiben und zu rezitieren: „Er ist von Büchern umgeben. Darin besteht der Beitrag, den Sheikh ihm zukommen lässt“, so der Autor. Mit Hilfe seines Freundes Jibril bringt sich Dantala zudem Englisch bei und wird daraufhin in Sheikhs Schulprojekt eingeweiht. Der Wechsel des Protagonisten von dem gewöhnlichen Namen „Dantala“, „an einem Dienstag geboren“, zum Prophetenname „Ahmad“ umschreibt seine bemerkenswerte Entwicklung von einem anonymen Almajiri zu einer bedeutungsvollen Person und Vertreter des Sheikh.
 
Dantalas Fähigkeit, sich über die Umstände zu erheben, beruht auf seiner Bereitschaft, dazuzulernen, den Status Quo zu hinterfragen und nach vorne zu blicken. Indes kennt die Leitfrage nach den Ursachen der Gewalt keine klare Antwort. Neben der leitmotivischen Glaubensüberzeugung „Allah weiß warum“ macht sich die Ahnung  breit: „Manchmal gibt es kein warum“. Für Dantala kann es somit beim Schreiben seiner Geschichte nicht darum gehen, Gründe für das Unverständliche zu finden. Vielmehr steht die Fähigkeit der Sprache im Vordergrund, den Ereignissen Bedeutung zu verleihen – gerade dann, wenn diese äußerlich wegzubrechen droht. „Dantala ist ehrlich, aber es gibt eine Art von notwendigen Lügen, dann nämlich, wenn er die Folgen für seinen Verstand fürchtet“, kommentiert Elnathan John das zunehmende Ineinanderfließen von Illusions- und Bedeutungsstiftung.

BRÜCKEN

Obwohl „Born of a Tuesday“ auf Englisch geschrieben ist, wird durch zahlreiche Zitate der Eindruck von Hausa hergestellt. Bewusst hält sich Elnathan John mit Erklärungen zurück, um den Leser in das Innenleben der Figur hineinzuversetzen und das Einfühlen vor das Verstehen zu stellen: „Man hat zwar mehr vom Roman, wenn man auch Hausa spricht, aber wenn man es nicht spricht, geht nichts verloren.“ Indem Dantala in seinem Tagebuch versucht, sich die unbekannten Englisch-Wörter anzueignen, wird im Gegenzug die Brücke zur Welt des (englischsprachigen) Lesers geschlagen. Eine ambivalente Grenzposition nehmen die Frauenfiguren ein, die im Hintergrund agieren, wenig sprechen, aber allein durch ihre expressive Körpersprache innere Festigkeit und Präsenz bezeugen. Auf der einen Seite breitet sich somit im Roman Wortlosigkeit aus, auf der anderen Seite stehen die widerstreitenden islamischen Stimmen und Gewalt. Elnathan Johns „Born on a Tuesday“ formt einen wichtigen literarischen Beitrag, weil er zwischen diesen beiden Seiten vermittelt und so dem von Konflikten überlagerten, „unsichtbaren Nordnigeria“ ein menschliches Gesicht gibt.