Fotoszene in Lagos Raum für Wachstum und Paradoxe

Aus der Serie Roadmates / © Aderemi Adegbite
Aus der Serie Roadmates / © Aderemi Adegbite | Foto (Ausschnitt): © Aderemi Adegbite

Ausgehend von Lagos durchlebt die nigerianische Fotoszene gegenwärtig einen beeindruckenden Aufschwung. Die 20 Millionen-Metropole stellt für Fotografen eine unerschöpfliche Motivquelle dar, die sich mit ihren Dramen, ihrer Energie und ihren geballten Widersprüchen in die Geschichte der Fotografie einschreibt.

„Lagos ist sehr organisch, überbordend, dynamisch, beweglich und in ständiger Veränderung begriffen. Mit ihren vielen Themen und Gegenständen dient Lagos vielen Künstlern und insbesondere Fotografen als Nährboden von Ideen, die von Mensch und Gesellschaft, Politik, Kultur, Überfluss und Armut bis zu Bildern der Popkultur und Hip Hop Musik reichen. Es gibt Raum für Wachstum, Ausbreitung und Experimente.“ Mit diesen Worten beschreibt der Fotograf Uche Okpa-Iroha die Faszination der nigerianischen Megacity, welche „die Paradoxe des Lebens ans Licht bringt.“ Die rasant wachsende Stadt und die damit einhergehenden urbanistischen Fragestellungen ziehen nicht nur Stadtforscher an, sondern auch namhafte Fotografen wie J.D. Okhai Ojeikere, Tam Fiofori, Jide Adeniyi-Jones, Don Barber, Pius Utomi Ekpei, George Osodi, Akintunde Akinleye und Akinbode Akinbiyi. Die Bilder von Pressefotografen wie Peter Obe, Matthew Faji, Cornelius Oyemade und Sunmi Smart-Cole prägen das nationale Gedächtnis. Marc-André Schmachtel, der Leiter des Goethe-Instituts in Lagos, ist überzeugt, dass die vielen interessanten, neu aufstrebenden Fotografen die Kunstszene künftig stark beeinflussen werden. Die Fotografie durchbricht die herkömmlichen Grenzen, angetrieben vom Bedürfnis nach kritischer Intervention.

SCHATTENDASEIN

Wie soll man Fotograf werden, wenn man keine Vorstellung von den Möglichkeiten des neuen Bildmediums hat? Diese Frage stellten sich Fotografen auf der Ausstellung von PAN (Photographers Association of Nigeria) 1996. Auf den Straßen von Lagos reagierten die Leute oft abwehrend aggressiv auf Kameras und auch an den Ausbildungsstätten führte die Fotografie ein Schattendasein, so dass in Nigeria lange Zeit ein Vakuum hinsichtlich ihres ästhetischen Eigenwertes bestand.

Die von Don Barber im Rahmen der PAN-Ausstellung geäußerte Vermutung, dass die Anzahl an Fotografen in Nigeria in die Höhe schnellen würde, wenn die Menschen nur Zugang dazu hätten, hat sich heute bestätigt. So hat die Digitalisierung zu einer Beschleunigung der Bildproduktion und -verbreitung geführt, und auch für analoge Fotografie ist ein Nischenmarkt entstanden. Damit spitzt sich die Frage zu: Was heißt es, ein Fotograf zu sein? Zwar bestreiten die meisten Fotografen ihren Lebensunterhalt weiterhin über kommerzielle Veranstaltungen, Hochzeiten, Werbung, Modeindustrie oder Presseagenturen. Doch schaffen sie sich unermüdlich Freiräume für künstlerische Projekte. Schmachtel führt an, wie sich das Arbeiten in verschiedenen Bereichen gegenseitig bedingt, da man sich „einerseits als Reportage- und Dokumentarfotograf mehr Input holt, andererseits das Gesehene auch künstlerisch verarbeiten kann.“

WACHSTUMSRÄUME

Die Fotoszene in Lagos hat seit 2000 einen gewaltigen Sprung getan und sich internationale Anerkennung verschafft. Dieser Entwicklungsschub wurde maßgeblich durch junge Initiativen wie das Centre for Contemporary Art (CCA), die African Artist Foundation und das LagosPhoto Festival eingeleitet. Fotografie, Film, Video, Performance und Installation zogen in den Galerieraum von Bisi Silva, der Gründerin und Kuratorin des Kunstzentrums CCA. Hierauf bauten das Goethe-Institut und das Nlele Institute (TNI ACP) mittels Workshops, Trainingsangeboten und Residenzprogrammen auf. Schmachtel spricht von einer fruchtbaren Ergänzung, „aus der sich eine recht intensive Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie ergeben hat. Wir versuchen, über den Tellerrand hinauszublicken und auch andere Perspektiven zu präsentieren, wie man Fotografie sehen kann.“

Eine wichtige Instanz für die Entwicklung der Fotografie in Nigeria und ganz Afrika ist die international beachtete Foto-Biennale Bamako Rencontres in Mali. Als Akinbode Akinbiyi 2001 im Kuratorenteam mitwirkte, kamen auf seine Einladung hin Uche James-Iroha, Kelechi Amadi-Obi, Toyin Sokefun und als Besucher Amaize Ojeikere zur Biennale. Alle vier kannten sich schon aus Lagos, indes war die Begegnung mit der Vielfalt afrikanischer Fotografie so beeindruckend, dass sie vor Ort den Entschluss fassten, zusammenzuarbeiten. Dies war der Beginn der Gruppe Depth of Field, die zur Keimzelle der neuen nigerianischen Fotografengeneration wurde. Der Name „Tiefenschärfe“ steht für ihr Bestreben, bildnerisch eine Forschungskultur zu absorbieren, um den Projekten Tiefe zu geben und die Identität der Bewohner in ihrem Lebensalltag zu ergründen.

Amadi-Obi, der zum erfolgreichen Öffentlichkeitsauftritt von Depth of Field beigetragen hat, ist in Lagos im Bereich Mode und Lifestyle zu Ansehen gekommen. Sokefun hat sich als Porträtfotografin und auch als Sängerin einen Namen gemacht, während James-Iroha mit der Plattform Photo Garage einen Raum zum professionellen Arbeiten, Lernen und Austauschen geschaffen hat. Emeka Okereke, der wie Toyosi später zur Gruppe hinzukam, hat mit Ojeikere das transafrikanische Projekt Invisible Borders etabliert. Die Ausstellung von Depth of Field in London 2005 gab Okpa-Iroha (Cousin von James-Iroha) den Anstoß, Fotograf zu werden: „Oh mein Gott, ist das Fotografie? Ich sah Bilder von Lagos, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte, andere Blickwinkel, verschiedene Perspektiven. Mir war nicht bewusst gewesen, dass Fotografie eine visuelle Sprache sein kann. Ja, ich werde fotografieren.“

Angetrieben von der Haltung eines „we do it ourselves“, entfalteten die Initiativen eine Eigendynamik: Aus der vom Goethe-Institut angebotenen Master Class mit Akinbode Akinbiyi entstanden die Centers of Learning for Photography in Africa, einem Netzwerk von Ausbildungsinstituten für künstlerische Fotografie. Der von Akinbiyi geleitete Workshop Football Worlds 2006 war die Geburtsstunde der Gruppe Black Box, unter anderem mit Okpa-Iroha, Andrew Esiebo und Abraham Oghobase. Sie verfolgten nach Okpa-Iroha den alleinigen Zweck, sich weiterzuentwickeln, indem sie regelmäßig zusammenarbeiteten und ihre Arbeiten kritisch sichteten. Der an weibliche Fotografen gerichtete Workshop vom Goethe-Institut und Camara Studios mündete 2011 in der Kollektivbildung X-Perspective, um laut Yetunde Babaeko weitere Frauen zum Fotografieren zu ermutigen.

Mit dem Nlele-Institut hat Okpa-Iroha 2013 eine Fotoschule ins Leben gerufen, in der Fotografen „ihre Vision entwickeln, ihre Position definieren, eine Stimme erhalten und sich zugleich kritisch mit ihrer Umgebung befassen. […] Wir arbeiten grundsätzlich mit unbekannten Fotografen – wir entdecken sie, bringen sie zur Reife und machen sie durch unsere Projekte Lagos OPEN RANGE und FOTOPARTY Lagos sichtbar.“ Die Ausstellung Lagos OPEN RANGE richtet sich in Ergänzung zum LagosPhoto Festival primär an lokale, noch unbekannte, aber vielversprechende Fotografen mit konsistentem Portfolio. Da viele nigerianische Fotografen länderübergreifend tätig sind, profiliert sich die nationale Fotoszene in direktem Austausch mit den internationalen Entwicklungen.
Andrew Esiebo: Aus der Serie Transformation / © GIZ Nigeria Andrew Esiebo: Aus der Serie Transformation / © GIZ Nigeria | Foto: © GIZ Nigeria

FOTOGRAFISCHE BEGEGNUNGEN

Kein Artikel vermag die Vielfalt an fotografischen Stimmen in Lagos einzufangen, deshalb seien fragmentarisch drei Begegnungen aus dem Stadtgeschehen herausgriffen. Angesichts der tiefgreifenden räumlich-sozialen Wandlungsprozesse in Nigeria kommt der Reportage- und Dokumentarfotografie eine dominante Stellung zu. Andrew Esiebo hebt als „visueller Geschichtenerzähler“ von gesellschaftlichen Themen wie Populärkultur, Sexualität und Religion die Reportage-Fotografie auf eine künstlerische Ebene. „Im Grunde handeln alle Geschichten von Menschen, die für ein besseres Leben kämpfen“, sagt Esiebo. Die sozialen Medien nimmt er als Möglichkeit wahr, „um den Menschen noch näher zu sein und direkte Rückmeldung zu bekommen. Die Fotos bringen den Menschen ins Bewusstsein, was sie über die Orte denken, an denen die Bilder entstanden sind.“ In seiner Ausstellung Transformation (2015) geht Esiebo dem urbanen Wandel in Lagos und Abuja nach. Während in Lagos die Veränderung in die urbane Infrastruktur eingeschrieben ist, wird in der jungen Hauptstadt sichtbar, wie der Raum das Leben der hinzugezogenen Menschen verändert.

Finish Line / © Uche Okpa-Iroha Finish Line / © Uche Okpa-Iroha | Foto: © Uche Okpa-Iroha
Uche Okpa-Iroha gehört ebenso wie Abraham Oghobase, Uche James-Iroha, Adeola Olagunju, Chidinma Nnorom Chinke, Nneka Iwunna, Adolphus Opara, Lakin Ogunbanwo und Jenevieve Aken zu jenen Fotografen, die sich in eine konzeptuelle Richtung entwickelt haben. Die künstlerischen Anfänge Okpa-Irohas liegen 2006 in der Reportage- und Straßenfotografie, die ihn weiterhin prägt: „Ich kann nicht oft genug betonen, wie Lagos als Stadt meine frühen Werke beeinflusst, inspiriert und geformt hat.“ Den Wendepunkt brachte seine Residenz an der Rijksakademie van beeldende Kunsten in Amsterdam: „Der Zugang zu Forschungsmaterial und Information war leicht und diese Umgebung half mir, eine kritische Position gegenüber Themen zu entwickeln. Ich begann, konzeptuell zu arbeiten und Filmerzählungen in meine Projekte einzubeziehen. Aber ich ziehe immer noch durch die Straßen zum Fotografieren […]. Man kann mir den Hang zur Straße nicht nehmen aufgrund meiner Fundierung als Fotograf.“ In Okpa-Irohas Lagos-Bildern scheinen sich die Menschen oft zwischen Bildraum und Betrachterraum zu bewegen; in der Serie Finding rest fotografiert sich Okpa-Iroha an Ländergrenzen; und in Plantation Boy versetzt er sich in Filmszenen von Der Pate hinein. Durch diese Dynamik zwischen spontanen, konstruierten und konzeptuellen Momenten regt Okpa-Iroha gleicherweise zu einer Identifikation und zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Umgebung an.

Künstler wie Aderemi Adegbite oder auch Abraham Oghobase, Charles Okereke und Tunji Lana eröffnen durch ihr medienübergreifendes Arbeiten neue Wege in der Fotografie. Adegbite kam über das Schreiben zur Fotografie, das er 2010 „als ein anderes Schreibmedium“ für sich entdeckte: „Mich hat die Fähigkeit von Bildern fasziniert, eine feine Linie zwischen Positivem und Negativem zu ziehen.“ Indem er 2012 die Massenproteste gegen die Abschaffung von Benzinsubventionen in Nigeria dokumentierte, lernte er, Bilder als Instrument für sozialen Wandel einzusetzen. Im aktuellen Projekt Roadmates thematisiert Adegbite die Straße als Ort des Zusammenkommens und des Auseinandergehens: „Diese mehrlagige Collage verdoppelt sich in ein physisches und ein metaphysisches Porträt der Menschen, die Tätigkeiten in kommerziellen Bussen in Ghana und Nigeria ausüben. Obwohl ihre Stellenbeschreibung gleich ist, unterscheiden sie sich in ihren Eigenschaften voneinander. In diesen Menschen erkenne ich meine wahre Natur und Struktur meiner Lebenslinien und Muster.“ Adegbites Fotocollagen projizieren so die eigene Bewegung durch Raum und Zeit in das Stadtbild hinein. Die Straßenlinien umreißen die persönlichen Räume, die sich die Einwohner innerhalb der sozialpolitischen Machtinteressen zu schaffen suchen.

Durch das ausgeprägte gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein vieler Fotografen in Lagos nähern sich künstlerische und soziale Handlung einander an. Okpa-Iroha sieht entsprechend die größte Herausforderung darin, „mehr Bewusstsein zu stiften, indem man die Menschen der nigerianischen Gesellschaft in Projekte zu Ausgrenzungsfragen und anderen Gemeinschaftsprozessen einbezieht, die zu sichtbaren und spürbaren sozialen Änderungen führen können“. Die Megacity Lagos erweist sich als ein Gefüge von verschiedenen Elementen, die sich oft der anderen nicht bewusst sind, bis sie sich überraschend in Bildern zusammenfügen. Zugleich ist Lagos nur eine von vielen Städten und Ortschaften, die Nigeria ein jeweils eigenes Gepräge geben und über die verschiedenen fotografischen Sichtweisen einen Dialog eingehen.