Fotograf Akinbode Akinbiyi Der Stadtwanderer von Lagos

 Akinbode Akinbiyi © Claudia Cuadra
Akinbode Akinbiyi © Claudia Cuadra | Foto (Ausschnitt): © Claudia Cuadra

Der Fotograf Akinbode Akinbiyi wandert durch die verschlungenen Straßen der afrikanischen Städte und stellt deren Geschichten in Bildern dar. Lagos nimmt für ihn eine besondere Stellung ein, weil es seine Heimat ist. Seit 30 Jahren dokumentiert er mit der Kamera die rasante Entwicklung der nigerianischen Megacity, die er nun in einem Fotobuch wie ein „Jazzstück“ präsentieren will.

Akinbode Akinbiyi ist Fotograf, Schriftsteller und Kurator, vor allem aber ist er ein Wanderer in Städten, deren vielschichtige Geschichten er mit der Kamera aufzeichnet. Als Sohn nigerianischer Eltern 1946 in Oxford geboren, in England und Nigeria aufgewachsen und seit 1991 in Berlin wohnhaft, verschmelzen in seinem Kunstschaffen außenstehender und teilnehmender Blick. Deshalb will er nicht als ein Flaneur im Sinne Baudelaires verstanden werden. Vielmehr verlässt er die Beobachterhaltung, um im Bewegungsfluss mitzugehen, ihn verstehend zu durchdringen und so „in der Geschichte zu schwingen, mitzubewegen.“

VOM WANDERN ZUM FOTOGRAFIEREN

Akinbiyi entdeckte das Wandern vor dem Fotografieren. Einen starken Einfluss übte seine Urgroßmutter mütterlicherseits aus, die in Lagos vom Inselstadtteil Obalende bis nach Ikoyi lief, den Tag mit ihren Enkelkindern verbrachte und dann zurücklief, zu Fuß, in der Hitze: „Das war meine erste Ahnung von der Würde beim Wandern, beim Gehen.“ Als Akinbiyi nach England ins Internat kam, begann der Jugendliche mit seinen ausgedehnten Streifzügen. Auch während seines Studiums der Literatur und Anglistik im nigerianischen Ibadan wanderte er viel, aber erst seit seiner Studienzeit in England und Deutschland kam die Kamera hinzu.
 
Seine erste Spiegelreflexkamera kaufte sich Akinbiyi im Jahr 1974, um sich in den folgenden drei Jahren als Autodidakt auszubilden. Er lebte damals in Heidelberg und stand kurz davor, über deutsche Literatur zu promovieren. Die Entscheidung zugunsten der Fotografie fiel 1977, als er mit dem eng befreundeten Fotografen Jide Adeniyi-Jones zum FESTAC (Second World Black and African Festival of Arts and Culture) nach Lagos reiste und diese Zusammenkunft afrikanischer Künstler intensiv dokumentierte. Seit 1990 hat Akinbiyi die Rolleiflex-Mittelformatkamera für sich gefunden: „Der einzige Nachteil, der eigentlich keiner ist, liegt darin, dass ich die Filme entwickeln muss und es gibt nur zwölf Bilder pro Film.“ Obwohl er gelegentlich Farbe verwendet, ist Schwarz-Weiß sein bevorzugtes Medium. Schritte auf seiner Laufbahn waren seine Fotoreportagen im Stern‑Magazin und der Kulturzeitschrift Du, die Gründung des UMZANSI Kulturzentrums im südafrikanischen Durban (2003), seine Kuratorentätigkeit für die Fotobiennale Rencontres Africaines de la Photographie in Mali (2001 und 2003), und natürlich seine eigenen Ausstellungen unter anderem in Tokio, Paris und Johannesburg zu seinem Lebensthema der Stadtfotografie.
 
Gegenwärtig plant Akinbiyi ein Fotobuch zu Lagos. In seiner Vorliebe für Fotobücher zeigt sich seine Verbindung zur Literatur, denn so wie man Schrift liest, kann man auch Bilder – visuell – lesen: „Ich wollte eigentlich Schriftsteller werden. Das Wort Schriftsteller finde ich wunderbar auf Deutsch, weil man die Schrift hin und her stellt, so auch mit Bildern, eine Art von ‚Bildsteller‘, wenn du so willst. Dadurch kannst du wunderbar erzählen.“

ZU FUß UNTER FUßGÄNGERN

Untergetaucht in die Menge der Fußgänger zieht Akinbiyi sanften Schrittes durch die Straßen. Die zweiäugige Kamera scheint ebenso Teil seines schlanken, zähen Körpers zu sein wie die robusten braunen Lederschuhe. Seine gelassene, wohlwollende Ausstrahlung ist zugleich Schutzschild und Türöffner, um sich auch in die als unsicher geltenden Gegenden vorzuwagen. Als Künstler versucht er offen zu sein und eine der allgemeinen Eingrenzungstendenz gegenläufige Bewegung des Entgrenzens zu praktizieren.
 
Je tiefer die Auseinandersetzung mit der Umgebung, umso intensiver die Aufnahme. So geht jeder Bildaufnahme ein Dialog voraus: Wie nah gehe ich dran? Wie weit gehe ich zurück? Gerade wenn man Menschen fotografiert, ist es wichtig, diese Distanz herauszufinden, aus der man sich gegenseitig gut wahrnehmen kann. Die Annäherung an die Umgebung wird somit für Akinbiyi zur Selbsterkenntnis: „Auch wenn du ein Subjekt vor dir hast, gib von dir, und dann kannst du dieses Subjekt aufnehmen. Du kannst nicht richtig sehen, bis du dich selbst erkennst.“
 
Ziel seines Wanderns ist es, „nicht an der Oberfläche zu bleiben, sondern in die Tiefe zu gehen, unser Leben hier auf der Erde besser zu verstehen und wie die verschiedenen Ebenen und Wege sich kreuzen, wie die Fäden zusammenkommen und auseinandergehen, das alles versuche ich zu fotografieren.“ Mit dem Wort „serendipity“ bezeichnet der Fotograf jene Momente, die kein Zufall im herkömmlichen Sinne sind, sondern ein Zusammenfallen der verschiedenen Fäden in einem Bild. Denn auch das Chaos, das man mit Lagos verbindet, hat eine Form: „Form ist alles, und Form erzählt eine Geschichte.“

BILDER-JAZZ

So wie Lagos auf den ersten Blick chaotisch wirkt, möchte Akinbiyi in seinem Fotobuch alles durcheinander präsentieren „wie beim Jazz mit seinen durcheinandergehenden Staccatoklängen“. Das Buch soll etwa 120 Bilder umfassen von 1984 bis heute. Auf dem Wege der Fotografie erschafft Akinbiyi darin ein imaginäres Lagos ohne zeitliche und räumliche Grenzen. Während beispielsweise das Wildplakatieren in Lagos seit Jahren verbannt wurde, lebt im Foto von einem abgeblätterten Plakat des nigerianischen Musikers Femi Kuti in Berlin das alte Lagos fort:
 
„Es gibt manchmal ein paar Bilder, die fast chronologisch sind, dann folgt wieder ein Bruch und auch zum Teil Bilder von woanders. Aber das merkt man oft nicht, weil man denkt, dass es auch in Lagos ist, auch in Lagos sein könnte, oder in Berlin, London, Paris, Barcelona... Man weiß es nicht. Nur am Ende vom Buch habe ich den Ort, das Datum und sonst nichts angegeben. Deswegen: Lagos ist für mich eine Stadt, die existiert, sie ist hier, aber sie ist auch eine fiktionale Stadt, eine imaginäre Stadt, ich trage mein Lagos überall mit.“
 
Ein thematischer Faden ist die Straße, insbesondere Kreuzungen, durch die alle Orte von der Geschäftsachse bis hin zur kargen Trümmerlandschaft miteinander verwoben sind. Zudem versinnbildlichen urbane Knotenpunkte die Rolle des Bildes als eine Überlappung von verschiedenen Geschichten, die mehrfache Lesarten erlauben.

LAGOS-GESCHICHTEN

Als Akinbiyi in den 80er Jahren in Lagos zu fotografieren anfing, war die Stimmung so aufgeladen, dass er oft von der Straße verscheucht wurde und sich daher unter die Strandfotografen am Bar Beach mischte. Es folgte eine Aufbruchsstimmung: „Alles war quirliger und durcheinander.“ Obgleich die Akzeptanz für Fotografen seitdem gestiegen ist, verlangt Akinbiyis Arbeiten in öffentlichen Räumen gesellschaftliches Feingespür. Dann wiederum gibt es Gelegenheiten wie Stadtfeste oder auch Beerdigungen, wo die private Sphäre gesprengt wird und „einen Moment lang alles offen ist“.
 
In den Bildern kann jedes Element bis hin zum kleinsten Detail zum Akteur aufsteigen: die vorbeigehenden Menschen, die in alle Richtungen fahrenden Autos und Busse, die zurückgelassenen Opfer der Straße, Tiere, Gebäude, Brücken, die zirkulierenden Waren und Bilder. Verzweigte Strommasten legen sich wie Orientierungslinien über die Stadträume und beziehen den äußeren Raum mit ein als eine weitere Schicht im Stadtdickicht.
 
Die große Präsenz der Natur in Akinbiyis Lagosbildern erinnert an den Ursprung der Stadt, der vor allem in den Sumpfgebieten an der Küste, im Lekki Conservation Centre liegt. In der wachsenden Stadt mussten einige Grünflächen, so der Ikoyi Park, Wohnvierteln weichen. Akinbiyi fängt fotografisch ein, wie die Natur in den urbanen Strukturen weiterlebt und letztere umgekehrt in die Natur einfließen. Im Auge des Betrachters verwandelt sich das Dickicht in archaische Masken oder urwüchsige Gestalten. Derart formt das Unförmige, Vieldeutige oder Abwesende einen bedeutungsvollen Platz in Akinbiyis Bildern. Denn: „auch die Wege, die man nicht gehen will, sind manchmal richtungsweisend.“

Ebute Meta, Lagos 1988 Foto und © Akinbode Akinbiyi Ebute Meta, Lagos 1988 Foto und © Akinbode Akinbiyi | Foto © Akinbode Akinbiyi

„LANDMARKS“

Das erste Bild in Akinbiyis Lagos-Fotobuch soll einen Meilenstein zeigen. In Nigeria wurden Meilensteine während der Kolonialzeit durch die Briten eingeführt, die in Zusammenhang mit dem Postverkehr an der Straße errichtet wurden, um Räumlichkeiten und Entfernungen messbar zu machen. Die „landmarks“ oder Marksteine kennzeichnen nach Akinbiyi die Knotenpunkte, Eckpunkte und Grenzpunkte in einer Stadt, die man unbewusst oder bewusst durchläuft, wenn man die Wege von früher wieder bewandert: „Das sind wie Marksteine oder Ecksteine in unserem Unterbewusstsein, sehr starke visuelle Botschaften. […] Als Künstler sollen wir darauf aufmerksam machen. Ich versuche, das auf eine subtile Weise anzuprangern, um diesen visuellen Jazz bewusst zu machen.“
 
So wie manche Leute den Wind lesen können, die Schattenspiele und die Wolken, wenn ein Unwetter heranzieht, liest Akinbiyi seine Umgebung auf ihre „landmarks“ hin. Eine Sonderrolle nehmen die Beschriftungen ein, beispielsweise von Schildern, Plakaten, Läden oder auch Kleidung, die sich als eine Art Ankündigung deuten lassen, was auf uns zukommt: „Du kannst es so sehen: Die Schrift beschreibt die Stadt.“ Der Fotograf abstrahiert diese sprachlich visuellen Botschaften von der urbanen Landschaft und setzt sie im Bild ein, „um eine gewisse Erzählung darzustellen. Fotos sind visuelle Fragmente von der sogenannten Realität, und oft ist es keine einzige Sekunde, sondern der Bruchteil einer Sekunde. In diesem winzigen Fragment kann man ganz viel sehen, wenn man will.“
 
Im Buch möchte Akinbiyi vor allem die autobiographischen Marksteine seines Lagos aufzeigen, die teils nur noch in der Erinnerung oder den urbanen Tiefenschichten fortleben, aber das Lagos von heute und morgen mitformen. Die Bilder stehen ganz für sich, denn es geht darum, ihre Geschichten bildhaft zu lesen und sie immer wieder aufs Neue zu bewandern und fortzuschreiben.