Flucht in Nigeria Entwurzelt im eigenen Lande

Displaced: Nigeria´s Internal Refugee
Displaced: Nigeria´s Internal Refugee | Foto (Auschnitt): Victoria / © Claudia Cuadra

Keine andere Terrororganisation hat seit 2014 mehr Menschen in den Tod getrieben als Boko Haram und wer kann, versucht zu fliehen. Über das Schicksal der mehr als zwei Millionen Binnenvertriebenen dringt kaum mehr an die nigerianische Bevölkerung als Statistiken und Zahlen, dahinter eröffnet sich jedoch ein humanitärer Notstand.

Der Name Boko Haram steht für fanatischen Terror unter der Flagge des Dschihad, der den Nordosten Nigerias seit 2009 in ein Ruinenfeld verwandelt. Indes gehen die unzähligen Todes- und Gewaltopfer im alltäglichen Nachrichtenchaos fast unbemerkt unter. Obwohl Nigeria zu den Ländern mit den meisten Binnenvertriebenen weltweit gehört, wird die Situation der sogenannten IDPs (Internally Displaced Persons) in Schweigen gehüllt. Der nigerianische Schriftsteller Ekene Atusiubah sieht den Grund darin, dass die Flüchtlingsmisere den Finger in die Wunde der Gesellschaft lege: „Niemand will seine Wunden zeigen. Denn die Frage dahinter lautet: Warum gibt es so viele IDPs? Weil im Land Kriegszustand herrscht. Ich ziehe es vor, die Dinge beim Namen zu nennen.“

FLUCHT OHNE ANKOMMEN

Die Vertriebenen bleiben überwiegend im Nordosten Nigerias, dem Austragungsort der Konflikte, wo sie im Bekannten- und Verwandtenkreis, in Gastgemeinden und zu etwa 8% in von der Regierung errichteten Camps unterkommen. Außerhalb dieser Region gibt es keine offiziell anerkannten IDP-Camps, weil die Regierung vermeiden will, dass sich die Fliehenden über das Land verstreuen und womöglich Terroristen einschleusen. Denn wie soll man Opfer und Täter voneinander unterscheiden, wenn sich bei Boko Haram selbst Frauen und Kinder in die Luft sprengen? Die Vertriebenen sind zum Überleben vollständig auf mitmenschliche Hilfe angewiesen, die sie hauptsächlich von Nichtregierungsorganisationen, Kirchen und Einzelpersonen erhalten. Die größte Herausforderung besteht darin, die Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Gesundheitsversorgung abzudecken. Obwohl der Gewaltkonflikt andauert, übt die Regierung Druck aus, die Vertriebenen an ihre Heimatorte zurückzubringen. Währenddessen verharren die Menschen in den als Notlösung gedachten Unterkünften über Jahre wie in einer Falle.
 
Die Fluchtgeschichten sind schnell erzählt, ohne die dahinter stehenden Leidensbilder ermessen zu können. Am stärksten sind die ländlichen Gegenden von den Terrorangriffen betroffen. Die Frauen und Kinder werden in den besetzten Gebieten gefangen gehalten oder entführt. Die jungen Männer hingegen werden vor die Wahl gestellt, zu Boko Haram überzutreten – oder zu sterben. Dem Polizisten Dawa (Name v. d. Red. geändert) zufolge, der 2013 an einem Kampfeinsatz gegen die Terrorgruppe beteiligt war, sind fast alle Boko Haram-Anhänger Zwangsrekrutierte: „Viele Menschen im Nordosten glauben nur an Religion und da Boko Haram im Namen der Religion kämpft, lassen sie sich schnell täuschen. Die Terroristen haben leichtes Spiel mit ihnen.“
 
Wer mit seinem Leben und seiner Freiheit davonkommt, kann sich glücklich schätzen. „Die Flucht war unser Ziel, bis irgendwann das Geld alle war und wir nicht mehr konnten“, erzählt Malluni aus Yobe, der es mit seiner Familie bis nach Abuja geschafft hat. Wie die meisten kann er es nicht erwarten, wieder heimzukehren. Dass ihre Häuser zerstört wurden und noch immer Anschläge drohen, tritt hinter dem Wunsch zurück, den Zustand der Entwurzelung endlich zu verlassen. Lida aus Borno hingegen will nicht zurück. Ihre Augen trüben sich in Erinnerung daran, wie die Kinder auf der Flucht nach Kamerun gebrüllt haben, weil sie von Skorpionen gebissen wurden und niemand ihnen helfen konnte. In Kamerun angekommen, wütete dort ebenfalls Boko Haram, so dass sie die Flucht fortsetzen mussten. Daraufhin blickt Lida wieder gefasst nach vorne, wo einige Helfer gerade den Familien Spendenpakete übergeben und fragt mich, ob Töpfe mit dabei seien.

KUCHINGORO – EIN SAMMELBECKEN DER VERTRIEBENEN

An einem Samstag-Vormittag breche ich auf, um die IDP-Siedlung in Kuchingoro, einem Vorort von Abuja, zu besuchen. Erschrocken muss ich feststellen, dass nur dreißig Minuten vom gut situierten Stadtviertel Asokoro entfernt fast tausend Nigerianer in selbstgebauten Hütten aus Plastiktüten an der Existenzgrenze leben. Noch erschreckender ist es zu hören, dass diese Siedlung in dieser Weise schon seit zehn Jahren existiert und aufgrund landesweiter Gemeindekonflikte etwa in Nassarawa, Plateau und Kaduna eine Anlaufstelle für IDPs ist. Erst durch die humanitäre Krise im Nordosten erhalten auch die anderen Vertriebenen eine gewisse Aufmerksamkeit, indes wenden sich die Hilfsprojekte in erster Linie den Boko Haram-Opfern zu.
 
Es verwundert nicht, dass Kuchingoro als eine aggressive Gemeinde gilt: Menschen aus verschiedenen ethnisch-kulturellen Gruppen und unterschiedlichen muslimischen oder christlichen Glaubensrichtungen müssen dort lernen, zusammenzuleben – auf engstem Raum unter Slum-Bedingungen. Die Bewohner sind schutzlos den Elementen ausgeliefert: In der Regenzeit verwandelt sich der Boden in den Plastikhütten in Matsch, wenn es ohnehin drückend heiß ist, wird es im fensterlosen Raum noch heißer. Für die Frauen scheinen sechs oder sieben Kinder die Normalität zu sein, obwohl die Schüssel Reis kaum für eines reicht. In all dem Elend gibt es aber auch Lichtblicke. So erhalten die Binnenvertriebenen in Kuchingoro von der nahegelegenen Kirche große Unterstützung. Einige Vertriebene engagieren sich zudem freiwillig in der Grundschule, um den Kindern ihre Kenntnisse weiterzugeben.
 
Die Aussicht auf Arbeit oder gar Verwirklichung ihrer Talente wird für die Vertriebenen dadurch erschwert, dass sie außerhalb ihrer Siedlung auf breites Misstrauen stoßen. Nicholas aus Adamawa streckt mir fast anklagend seine rauen „Hände eines Farmers ohne Land“ entgegen. Pedro, der sich in den Fußballspielen der IDPs als Stürmer einen Namen gemacht hat, sieht seine größte Herausforderung darin, einen Sponsor für seine Leidenschaft zu finden. Wenn das Nichtstun erzwungen ist, dann ist auch das Kartenspiel der jungen Männer kein Spiel mehr und Alkohol nicht fern. Plötzlich beginnt ein großer Mann, mit einem Stock wild um sich zu schlagen. Mehrere Männer eilen herbei, binden ihm gewaltsam die Hände zusammen und erklären, dass der Mann in der Regenzeit friedlich ist, aber während der Trockenzeit wahnsinnig wird. Schützend zieht mich die 24-jährige Victoria in ihre Hütte und zeigt mir dort Bilder von ihrem früheren Leben. Jedoch werden die schönen Bilder durch die Erinnerung zerstört. Mit leiser Stimme erzählt sie, dass an einem Tag 130 Männer getötet wurden. So verlor sie ihren Bruder. Ihre Mutter verbrachte neun Monate in der Gewalt von Boko Haram. Sie selbst konnte sich binnen kurzem befreien und irrte eine Woche durch Adamawa – allein. Ihre Hand sucht tastend die meine und meine die ihre. Beim Verlassen der stickigen Hütte fühlt sich die Hitze für einen Moment fast frisch an und durchdrungen von Menschlichkeit.
 
Kuchingoro ist nur eine von vielen IDP-Siedlungen und vermittelt doch eine leise Ahnung von den Siedlungen und Camps im Nordosten, die in Maiduguri bis zu 20.000 Menschen umfassen. Wie Fatima Mohammed vom Hilfsprojekt Likeminds betont, gestaltet sich das Verhältnis zwischen Vertriebenen und Gastgemeinde von Fall zu Fall anders. Dass viele Gemeinden an der Armutsgrenze leben, führt häufig zu Rivalitäten und Missgunst; begünstigende Faktoren dagegen sind kulturelle Nähe und die Möglichkeit zum Arbeiten. Fatima Mohammed erzählt beispielsweise von einer ländlichen Gemeinde in Nassarawa, die einem aus Gwoza geflohenen Farmer Land gab und bereit war, weitere Vertriebene willkommen zu heißen. Auf diese Weise kamen im Laufe eines Jahres um die 450 Menschen aus Gwoza in dieses Dorf und teilten allesamt das Wenige, was sie besaßen. So bekamen die Likeminds-Helfer von den Vertriebenen zu hören, dass sie die Spenden mit den anderen Bewohnern teilen würden, weil diese ihr Hab und Gut mit ihnen geteilt hatten.

PROJEKT „HEIMAT“

Der Schwebesituation der Vertriebenen soll durch die baldige Rückkehr in die Heimatorte ein Ende gesetzt werden. Dieses Vorhaben erfordert eine langjährige Phase des inneren und äußeren Aufbaus, denn mit ihrem Zuhause haben die Vertriebenen auch das Gefühl von Frieden verloren. Stattdessen liegen Argwohn und Misstrauen in der Luft. Wie aber können die Menschen das Vertrauen untereinander und zu ihrem Staat zurückgewinnen? Da es in IDP-Camps zu Anschlägen durch Selbstmordattentäterinnen kam, wurde den Frauen ihre wallende Hidschāb-Kleidung verboten, die als Versteck für Bomben missbraucht wurde. Einige Vertriebene wurden schon von der Regierung in ihren Heimatort zurückgebracht, um dann ein zweites Mal zu fliehen. Neben verbrannter Erde hat Boko Haram auch Landminen zurückgelassen, die das Leben der Rückkehrer gefährden. Bei aller Rede von Wiederaufbau darf nicht vergessen werden, dass mancherorts nicht mal die Bedingungen gegeben sind, mit Lastwagen das nötige Baumaterial hinzutransportieren.
 
Die erschreckende Situation der Binnenvertriebenen lenkt den Blick auf die miserablen Verhältnisse vieler Gemeinden in Nordnigeria. „Vor Boko Haram hatten die Menschen aus den ländlichsten Gegenden in Borno so gut wie keinen Zugang zu einer anständigen Gesundheitsversorgung und Bildung“, berichtet Fatima Mohammed: „Heute erwägt man, ihnen all diese Dinge zu geben, die sie vorher nicht besaßen oder nicht mal kannten – obgleich sie Frieden hatten.“ Zugleich unterstreicht sie die Wichtigkeit, die Hilfsmaßnahmen an die Lebensbräuche der Vertriebenen anzupassen, um keine Entfremdung zu bewirken. Angesichts dessen stellt sich die Frage: Inwieweit ist es notwendig oder wünschenswert, die alten Strukturen wieder herzustellen und inwieweit besteht die Möglichkeit einer Entwicklung zum Besseren? Das Versprechen der Regierung, Boko Haram in Bälde zu besiegen, lässt die Vertriebenen weiter hoffen. Von dem gegenwärtigen Verharren der Menschen in Notunterkünften bis zu ihrer Rückkehr und der Wiedererlangung ihrer Heimat ist es indes ein langer Weg – und eine Aufgabe der Gemeinschaft.