Gaming ENTER AFRICA: Gamifying Lagos

Group Photo at the Afrinolly Space
Photo: Goethe-Institut / IfeOluwa Nihinola

 Beim „Enter-Africa“-Lagos-Workshop (25. bis 28. Juni 2018) wurden Ideen zur Verbesserung von Lernen, sozialer Interaktion, gesellschaftlichem Engagement und Mobilität in Lagos ausgetauscht. Für die Arbeitsgruppe war die Stadtbesichtigung ein Höhepunkt

„Es herrscht soviel Chaos“, so Bethlehem Anteneh, die Projektkoordinatorin von ENTER AFRICA – Gamify Your City, als sie die Catholic Mission Street überquerte und das Rathaus betrat, den Sitz des Goethe-Instituts Nigeria. Für Anteneh und Roman Rackwitz, Berater für Game- und Gamification-Design, war es die erste echte Begegnung mit der Megastadt Lagos. In der Metropole vermittelten sie den 25 Teilnehmern des Workshops Kenntnisse zur analogen und digitalen Spieleentwicklung – im Studio Afrinolly Space, dem Kreativzentrum der Traumfabrik Nollywood in Oregun/Lagos Mainland.

Group Presentations at the Enter Africa Photo: Goethe-Institut / IfeOluwa Nihinola Es war der dritte Workshop-Tag, und sie waren gerade durch Lagos Island gelaufen, die Marina entlang nach CMS, und vom Gewusel dort über die Broad Street zum Freedom Park: Da begriffen sie, warum die in Lagos lebenden Teilnehmer den Verkehr als Thema für ihr Gamification-Projekt haben wollten. 

Am ersten Tag des Workshops war es bei einem Kennenlernspiel um die Veränderung natürlicher Körperbewegungen gegangen. Dazu Rackwitz: „Egal, mit welchem Problem wir es zu tun haben – es geht immer um Verhalten.“ Das war Teil einer Einführung in das Konzept der Gamifizierung für die teilnehmenden Entwickler, Designer, Spielebegeisterten und auch Nichtspieler sowie solche Profis, die nicht zur Welt der Spiele und Spieleentwicklung gehören; sie alle waren fasziniert von den Möglichkeiten der Gamification.

Oyindamola Fakeye ist Kulturproduzentin und wirkt an Kunstprojekten in den neuen Medien mit, ferner ist sie Gründungsmitglied und Leiterin des Video Art Network (VAN) Lagos. „Ich wollte“, meint sie, „die technische Seite des ganzen Prozesses etwas besser verstehen. Ich beschäftige mich auch ein wenig mit Gesundheit und Gesellschaft, deshalb gefällt mir, dass Gamification hier auf reale Probleme angewendet wurde. Also wollte ich herausfinden, was das für meine Arbeit praktisch bedeuten kann.“

Für Chima Ngerem, Anwalt und Videospiel-Produzent, bedeutete der Aufruf zum Workshop „eine interessante Gelegenheit – präsentiert von sehr guten Organisationen. Und ich hatte die Voraussetzungen für alles, was meines Erachtens für die Mitarbeit an den vorgeschlagenen Projekten nützlich war. Da war ich gespannt: 'Warum nicht? Probieren wir's!“
Selfie time Enter Africa Lagos Photo: Goethe-Institut / IfeOluwa Nihinola
Nach dem Crashkurs in Gamification und allem, was dazugehört – Geschichtenerzählen, Spaß, Design – teilten sich die Teilnehmer in Gruppen auf und kreierten Spiele, die direkt gesampelt wurden. Es entstand eine Vielfalt von Games, auch solche, die den in Lagos verbreiteten Komplex aus Minibus-Fahrern, Agberos (meist Jugendliche, die Busfahrern Schutzgelder abpressen) und Polizisten zum Thema machten; auch ein Brettspiel zur damaligen Fußball-Weltmeisterschaft wurde entwickelt. Diese Games wurden nach einem kurzen Tutorial von Rackwitz verbessert, um gesellschaftliche Mechanismen einzubeziehen, und anschließend von Teilnehmern erneut gespielt.

Außer dem Training in Gamification und Game-Design hatte der Workshops ferner zum Ziel, ein Spiel speziell für Lagos zu entwickeln – als Teil des umfassenderen Projekts „Enter Africa“, das die in den „Gamify your City“-Workshops in anderen Ländern entwickelten Spiele miteinander verbinden soll. Sie alle bilden dann letztlich das „Mega-Game“, das 2019 bei der Gamescom präsentiert wird, der weltweit größten Messe für Computer- und Videospiele in Köln.

Am zweiten Workshop-Tag machte Anteneh die Teilnehmer mit der digitalen Plattform Espoto vertraut, ein für jedermann spielbares Tool, mit dem sich Local Based Games entwickeln lassen. Wieder wurden Gruppen gebildet, um bei einem Brainstorming zu entscheiden, welche Probleme in Lagos sie gamifizieren wollten. Zur Wahl standen schließlich Verkehr und Abfallwirtschaft – Ersterer sollte dann der Schwerpunkt sein. Nachdem man eine Route durch Yaba, CMS, Obalende und Ozumba Mbadiwe festgelegt hatte, begann die Gruppe am dritten Tag, diese Areale zu Fuß zu erkunden – und Anteneh und Rackwitz machten Bekanntschaft mit dem, was das Chaos in Lagos ausmacht.

Nach dieser Exkursion, am vierten und letzten Tag, schufen die Gruppen Games auf der Espoto-Plattform. In diese Spiele flossen unterschiedliche Erfahrungen ein, die bei späteren Team-Sitzungen, vor den Spieletests im September, zusammengeführt werden sollten. Bei diesem Schritt entwickelte eine Gruppe Quizfragen zu Orientierungspunkten und Denkmalen in CMS. Eine andere Gruppe kreierte eine Challenge aus der Benutzung der Fußgängerbrücke in Sabo, Yaba, und setzte dabei sowohl physische als auch visuelle Markierungen an der Brücke und um sie herum. Eine dritte Gruppe verarbeitete fiktionalisierend die Geschichte des Freedom Park, der in dieser frei gestaltbaren Abenteuer-Horrorgeschichte ein Gefängnis ist, und die vierte führte die Spieler auf Fußwegen durch den Verkehrsknotenpunkt Obalende. Diese Games wurden gespielt und in Workshops überarbeitet und optimiert; schließlich nahmen Anteneh und Rackwitz Abschied.

Zu guter Letzt wurde über die unterschiedlichen Reaktionen auf die ursprünglichen Erwartungen gesprochen. Für Fakeye „hat der Workshop nicht genug Theorie vermittelt. Aber er hat letzten Endes wohl doch einiges davon abgedeckt, als es um Leute ging, wo man anknüpfen und weiter recherchieren kann.“ Ngerem fand „etliche Dinge wichtig, die ich bei bestimmten Projekten berücksichtigen muss: wie man die Menschen mit dem Design abholt, wie man etwas interessant und interaktiv macht. Der Workshop half, solche Grundlagen herauszustellen und realistische Beispiele dafür zu liefern, wie man das auf andere Bereiche übertragen kann.“

Alle Teilnehmer aber waren begeistert vom entstandenen Gemeinschaftsgefühl und freuten sich auf die Zusammenarbeit am Projekt Enter Africa. „Dabei ist interessant, dass die Leute hier sagten – nicht wie in den übrigen Ländern –, dass sie auch mit anderen in Kontakt kommen wollten, mit Gleichgesinnten“, meinte Rackwitz, „also waren sie offener und wirklich kooperativ, und das hat Spaß gemacht.“

Enter Africa Collage Photo: Goethe-Institut / IfeOluwa Nihinola „Wenn wir uns erst einmal regelmäßig treffen“, so Fakeye, „sehen wir klarer, wie sich die Beziehungen entwickeln.“ Sie freut sich auf die Arbeit auch mit anderen Teilnehmern, die keine Programmierer und Designer sind; beispielsweise um mit Olajide Akoni, dem Spoken-Word-Poet der Gruppe, etwas „Künstlerisches anzugehen, und ihre Talente in der bildenden Kunst zu nutzen.“

Auch Ngerem ist von der Arbeit mit den interessanten Menschen im Workshop begeistert, die nun in Lagos ein Netzwerk für ihn bilden. „Wenn ich einen Kooperationspartner suche“, sagt er, „dann ist es hier, wo ich zuerst nachschaue, bevor ich mich auf dem Markt umsehe.“

Lagos ist die größte der fünfzehn Städte im Projekt „Enter Africa“, weshalb Rackwitz und Anteneh hier auch das meiste zu Fuß erkundet haben. Nach vier Tagen und den Präsentationen der Teilnehmer findet sich Rackwitz durch ihre Ideen in seiner Leidenschaft für Gamification bestärkt und ist überrascht von ihrem Einfallsreichtum.

„Unsere Hoffnung ist, dass die Nutzer mit der Website vertraut werden; mit der Zeit stellen sich Fortschritte und Qualität ein“, so Rackwitz. „Was mich in Anbetracht der unterschiedlichen Länder mit all den Themen und Aktivitäten und Spielen wirklich interessieren würde, wäre ein gemeinsames Muster, das für die Teilnehmer in allen 15 Ländern ähnlich große Bedeutung hat.“