Eine Unterhaltung mit Leon Hösl Ein deutscher Kurator und der Klang von Lagos

Leon Hösl
Foto: Leon Hösl © Goethe-Institut

Kurator Leon Hösl begegnete Nigeria erstmals jenseits der Landesgrenzen, noch vor seinem Besuch im November.

Das war 2017 anlässlich der documenta 14 in Kassel und Athen, wo er, damals noch als Assistent, einige Projekte der bekannten nigerianischen Künstler Emeka Ogboh, Akinbode Akinbiyi, Olu Oguibe und Otobong Nkanga betreute. Bei ihren Arbeiten ging es um Identität, traditionelles Handwerk und Produktionsdynamik sowie Migration.
Später war Hösl dem medienübergreifend arbeitenden Künstler Emeka Udemba begegnet, der in Leons Heimatstadt Freiburg lebt und wirkt, und erhielt Einblick in die fesselnde afrikanische Gegenwartskunst.
 

Seine Begegnungen mit diesen Künstlern und ihren Werken machten Hösl neugierig: Wie wohl ihr Heimatland war? Es entstand der Wunsch, Nigeria kennenzulernen, und ein Jahr später ergab sich eine Gelegenheit.

In Lagos war Hösl Gast des Goethe Instituts Nigeria im Rahmen des Residenz-Programms; da er zum Auftakt der Kunst- und Kulturfeste angekommen war, ergab sich hier die Möglichkeit, nigerianische Kunst und Kultur kennenzulernen. Gleichwohl war seine erste „Entdeckung“ der alles beherrschende Verkehr.

„Schrecklich!“, schrieb er mir einmal in einer Textnachricht. Er war auf dem Weg zum Freedom Park zu einer Veranstaltung des Buch- und Kunstfestivals Lagos. „Erst hat Taxify die Fahrt einfach gecancelt, die nächste war erst zwölf Minuten später möglich. Und jetzt geht es nur im Schneckentempo weiter.“

Leon Hösl2 Photo: Leon Hösl © Goethe-Institut Er hatte rasch begriffen, dass man dreierlei braucht, um etwas schneller voranzukommen: ein gutes Timing sowie Kekes (offene Kleinfahrzeuge) oder Okadas (Moped-Taxen). Das Lagos Photo Festival hatte er besucht, ebenso den Art Summit Nigeria, ArtX Lagos sowie den Revolving Art Incubator – allesamt in Victoria Island. Auch im Badagry Heritage Museum und bei der Vernacular Art-space Laboratory Foundation in Iwaya war er; meist besuchte er Künstler in ihren Ateliers. Seine Arbeit für die documenta 14 präsentierte er im Centre for Contemporary Art Lagos.

Auf die medienübergreifende Einzelausstellung von Ayo Akinwande angesprochen („Power Show II: The God-Fathers Are Not To Blame“), unter anderem mit einer drei Stockwerke hohen Nachbildung eines Menschen aus Eisen und Holz, meinte Hösl zur Person des Künstlers: „Ein sehr energischer, politisch denkender Mann.“

Zu Abraham Oghobases „Layers of Time and Place: What Lies Beneath“ und „What if Austria Had Colonized Nigeria“, beide auf der Plattform Art21 Gallery in Victoria Island zu sehen, meinte er, sie präsentierten eine interessante und ungewöhnliche „Gegenüberstellung realitätsnaher und spekulativer historischer Narrative einer afrikanischen Gesellschaft.“  Ndidi Dikes Fotografien und Installationen beim Lagos Photo Festival fand er „faszinierend, emotional und kritisch.“
Hösl genoss die Einblicke in Sitten und Bräuche um Weiblichkeit in der Gesellschaft der Igbo dank Ngozi Schommers „Ìgwè bụ ényí”, parallel ausgestellt mit Natalia Orendains „6˚ 26' 22" N /3˚ 21' 30" E“, einer Erkundung der Choreographie des Handels am Hafen von Lagos. Beide waren in der Omenka Gallery in Ikoyi zu sehen.

„Im Grunde“, so Hösl, „sagt jedes Kunstwerk etwas Interessantes aus über den Raum, wo es geschaffen wurde, und über seine Entstehungsbedingungen.“
Beim Besuch der Art Laboratory and Experimental School in der Gemeinde Iwaya/Makoko erregte eine Initiative des Fotografen und bildenden Künstlers Aderemi Adegbite seine Aufmerksamkeit: Das Engagement bei Jungen und Alten, sich als Künstlergemeinschaft abzuheben, neue Wege zu eröffnen und ganz eigene Werke und Strukturen zu schaffen.

„Man konnte das Zusammengehörigkeitsgefühl förmlich greifen“, meinte Hösl und unterstrich es gestisch mit beiden Händen. „Ich bin gespannt, wie sich dieses Projekt entwickelt.“
Die Laborschule liegt am Rande der Lagune von Lagos; sie beherbergt ein Atelier, Ausstellungsräume und eine Werkstatt für Kooperationsprojekte zum Austausch in der Gemeinschaft.

In Badagry, 56 km von Lagos City entfernt, besuchte Hösl das Sklavenmuseum und spürte, als er den Künstler Charles Okereke in seinem Atelier aufsuchte, „ein ähnliches Engagement für gemeinsame Arbeit und alternative künstlerische Bildung“. Das Atelier – von Okereke aus Lehmziegeln gebaut – dient auch als Zentrum für Workshops vor Ort.  
Die Geräuschkulisse in Badagry unterscheidet sich von der auf dem Markt von Balogun, einer Handelsdrehscheibe im Herzen von Lagos Island, wo Hösl Trikots der Super Eagles, der nigerianischen Fußballnationalmannschaft, erstand.

Leon Hösl3 Photo: Leon Hösl © Goethe-Institut „Die galten als die schönsten der letzten Weltmeisterschaft, weißt du?“, meinte ich.

Hösl war das nicht neu, deshalb hatte er gleich ein halbes Dutzend für sich und seine Freunde in Wien gekauft.

Überall wo er war, traf er neben dem üblichen Hintergrundrauschen menschlicher Aktivitäten auf eine je eigene Klangkulisse. „Akustische Codes; Geräusche und Klänge gleichzeitig allumfassend und vielschichtig“, schrieb er in einem Einführungstext für sein eintägiges Projekt „A Tailor's Scissors“ bei 16/16, einem Kunstzentrum, wo er sich während seiner Residenzzeit ebenfalls aufhielt. 
                                                                                                                             
Hösls erster Eindruck von Lagos war, noch bevor er viel über die Stadt wusste, geprägt von Emeka Ogbohs Beschreibungen der Stadtklänge – dies prägte weiterhin seine Vorstellung von urbanem Leben. So gelangte er auch zum New Afrika Shrine, einem Veranstaltungszentrum, wo er den Afrobeat Sound erlebte. Seine Erfahrungen dort sollen in sein Projekt einfließen, da er den Ort der Klangentstehung als Instrument der Kommunikation und als Weg zur Umgebungswahrnehmung der Menschen betrachtet.

All dies bedeutet erhebliche Arbeit, aber – durch seine Begegnung mit Lagos hat der deutsche Kurator einen großen ersten Schritt getan.