Literary Crossroads - Eine Retroperspektive
Kreuzungspunkte afrikanischer Literatur

Literary Crossroads - Amara Nicole Okolo
© Goethe-Institut / Jeremiah Ikongio

Literary Crossroads, ein Projekt des Goethe-Instituts in Subsahara-Afrika, wurde in Südafrika initiiert und dort von der deutschen Literaturübersetzerin, Lektorin und Autorin Indra Wussow kuratiert. Die Veranstaltungsserie zu Trends und Themen der afrikanischen Literatur fand in Kenia, Ghana, Namibia und Nigeria statt.

In Nigeria war das Goethe-Institut in Lagos von 2016 bis 2018 Gastgeber der Gespräche; eingeladen waren Schriftsteller aus sieben Ländern (Kenia, Elfenbeinküste, Nigeria, Deutschland, Liberia, Südafrika und die Demokratische Republik Kongo). Die Begegnungen eröffneten bislang für afrikanische Literatur kaum erschlossene Möglichkeiten: die Freiheit zu reisen und soziokulturelle Grenzen in Afrika zu überwinden.

Safurat Balogun, damals Leiterin der Information und Bibliothek des Goethe-Instituts Nigeria, erklärte kürzlich in einem Skype-Interview, das Projekt habe der Kulturszene neue Impulse gegeben – denn in Sachen literarischer Diskurs passiere „jenseits der üblichen jährlichen Festivals“ wenig.

So wurden bei der erstmaligen Veranstaltung in Lagos drei SchriftstellerInnen vorgestellt. Als Moderatorin sprach die nigerianische Autorin Molara Wood mit ihrer Landsfrau Ifeoma Akabogu-Chinwuba und ihrem kenianischen Kollegen Khainga O'okwemba. Letzterer, als Moderator einer Radiosendung in Kenia bekannt geworden, las aus seiner Sammlung Smiles in Pathos and Other Poems (2011) und sprach über die Herausforderungen, eine Literatursendung im kenianischen Radio zeitgemäß zu präsentieren.
Akabogu-Chinwuba, frühere nigerianische Botschafterin in der Elfenbeinküste, sprach über ihre Romane Fearless (2004), Merchant of Flesh (2003), Waiting for Maria (2007) und African Romance (2013). Fearless und Waiting for Maria sind noch in 1950er-Nostalgie getränkt, Merchant of Flesh hingegen ist zeitgenössischer und beruht auf Akabogu-Chiwubas Arbeit als Geschäftsträgerin in Rom, wo sie jungen Frauen begegnete, die in Europa in die Sexsklaverei gezwungen wurden.
„Diese deprimierenden Erfahrungen raubten mir den Schlaf“, sagte sie. „Und ich musste sie mir von der Seele schreiben.“

Im selben Jahr war Diekara Oloruntoba-Oju, eine Studentin im nigerianischen Ife, zu Gast bei einer von Dami Ajayi moderierten Veranstaltung. Was sie zu When Lemons Grow on Orange Trees (2016) inspiriert habe, sei ihre Bestürzung über die Schlagzeilen gewesen: Sie habe Tod und Unglück der Nigerianer ein Gesicht geben wollen.

Weitere bei der Veranstaltungsreihe vorgestellte Autoren sind Jumoke Verissimo, Toni Kan, Lakpele Nyamalon, Amara Nicole, Yewande Omotoso und Ayobami Adebayo.

Zur älteren Schriftstellergeneration gehören die von vielen verehrten Kunle Ajibade und Niyi Osundare, die ebenfalls anwesend waren. Der Auftritt des Paars mit einem Gespräch über Osundare's Leben und Werk war ein Höhepunkt von Literary Crossroads im Dezember 2017. Abends las Osundare aus seinem Werk und begeisterte das Publikum mit Geschichten aus seiner Jugend. Er gehörte zu einer Gruppe „rebellischer“ Schüler, so  erinnerte er sich, die dem Schuldirektor Adeniran eröffnete, zwar britische Geschichte gelernt zu haben, nun aber etwas über „afrikanische Geschichte und Literatur erfahren wollte". Die Rebellen mussten sich damit begnügen, sich beides auf eigene Faust zu erschließen.

Literary Crossroads Dezember 2017 Auswahl an Bildern, Literary Crossroads 2016-2018 © Goethe-Institut / Jeremiah Ikongio
Als einzige nicht-afrikanischen Autorin lud Literary Crossroads ihre Initiatorin und erste Kuratorin, Indra Wussow, nach Lagos ein: Als Gast bei der Veranstaltung im Januar 2017 sprach Wussow über ihre Arbeit als Literaturübersetzerin und Direktorin der Sylt Foundation. Sie widmete sich ferner der Rezeption afrikanischer Literatur im deutschsprachigen Raum; es sei möglich, so Wussow, ein Volk durch seine Literatur zu verstehen. Dies zu realisieren, bringen Wussow und ihr Team seit 2008 im Heidelberger Verlag Das Wunderhorn Übersetzungen zeitgenössischer afrikanischer Literatur heraus. Seitdem sucht sie nach Möglichkeiten, die afrikanische Literatur innerhalb und außerhalb des Kontinents zu fördern.

Weitere Gäste der Veranstaltungsserie waren Okey Ndibe aus Nigeria und JJ Bola aus der Demokratischen Republik Kongo. Ndibe und Bola – sie leben in den USA bzw. Großbritannien – sprachen bei der Veranstaltung im Juli 2017 über ihre Bücher Never Look an American in the Eye (2016) und No Place to Call Home (2018). Beide behandeln darin Rassismus, Identität, Nostalgie und Migration. Bolas Buch ist fiktiv, Ndibes autobiografisches Buch speist sich aus Erinnerungen an seine Einwanderung in die USA.
„Beim Schreiben wollte ich das Augenmerk auf die menschliche Erfahrung und den Reichtum der Narrative durch die Erlebnisse der Figuren richten, nicht auf die stereotypen und politisch aufgeladenen Narrative von Migranten und Flüchtlingen“, sagte Bola.
Ndibe erzählte von seiner Sehnsucht und seinem Kulturschock bei der ersten Begegnung mit der Realität der USA vor Jahrzehnten.
Zum Abschluss versammelte sich das Publikum im Veranstaltungssaal  des Goethe-Instituts und wollte von den Autoren wissen, wie sie, die ihr Vaterland für ein Leben anderswo verlassen hatten, Heimat definieren. Bola griff die Frage auf.
„Heimat ist eigentlich kein Ort, sondern ein Gefühl“, bemerkte er. Was auch immer dich dieses Gefühl empfinden lässt – das ist deine Heimat.“

Damit hätte Bola auch die Veranstaltungsserie meinen können, an der er teilnahm, denn in den vielen Monaten zwischen der Eröffnung und den Abschlussveranstaltungen bot Literary Crossroads dem afrikanischen literarischen Diskurs eine Heimat im nigerianischen Lagos.
 
DIE LITERARY CROSSROADS 2016 BIS 2018:

Dezember 2018: Toni Kan (Nigeria)
Dezember 2017: Niyi Osundare (Nigeria) & Kunle Ajibade (Nigeria)
Juli 2017: Okey Ndibe (Nigeria) & JJ Bola (Demokratische Republik Kongo)
Mai 2017: Ayobami Adebayo (Nigeria) & Yewande Omotoso (Südafrika, Nigeria)
März 2017: Amara Nicole Okolo (Nigeria)
Januar 2017: Indra Wussow (Südafrika & Deutschland)
Oktober 2016: Lekpele Nyamalon (Liberia), Dami Ajayi (Nigeria) & Jumoke Verissimo (Nigeria)
Juli 2016: Diekara Oloruntoba-Oju (Nigeria) & Dami Ajayi (Nigeria)
Mai 2016: Khainga O’okwemba (Kenia), Ifeoma Akabogu-Chinwunba (Elfenbeinküste, Nigeria) & Molara Wood (Nigeria)