Fake News & Corona
Fake News in Nigeria: ein komplexes Problem

Fake News
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Durch das Überhandnehmen gefälschter Nachrichten wird die Bekämpfung von Krankheiten für Nigerias Regierung und den Gesundheitssektor zunehmend komplizierter.

Wie viele andere Länder hatte und hat dieses bevölkerungsreichste Land Afrikas mit den Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie zu kämpfen. Ein von Präsident Muhammadu Buhari im April verkündeter landesweiter Lockdown zur Eindämmung des erstmals am 27. Februar gemeldeten Virus brachte dem Land „schwere wirtschaftliche Verluste“. Nach Angaben des nigerianischen Statistikamtes schrumpfte die Wirtschaft im zweiten Quartal 2020 gegenüber dem Vorjahr um 6,1%.
 
Doch bei den wirtschaftlichen Verlusten blieb es nicht in Pandemiezeiten: Fake News verbreiteten sich und drohten, die Bemühungen um Eindämmung des Infektionsgeschehens zu vereiteln. Eine eindeutige Gefahr zwar, doch war es nicht das erste Mal, dass Fake News die Bewältigung einer Infektionswelle in Nigeria behinderten.
 
Als sich 2014 der Ebola-Erreger im Bundesstaat Lagos verbreitete, musste sich der Gesundheitsdienst einer Flut von Fehlinformationen über Präventions- und Therapiemaßnahmen entgegenstemmen. Eine dieser Falschmeldungen, wonach Ebola durch Trinken und Baden mit Salzwasser verhindert werden könne, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Laut Symplur – einem Unternehmen, das gesundheitsbezogene Fehlinformationen auf Twitter aufspürt – verwendeten die Nigerianer in ihren Tweets seit 4. August 2014 das Wort „Ebola“ zusammen mit den Wörtern „Salz“, „Wasser“ und „Trinken“. Vier Tage später wurde von zwei Menschen in Jos (der Hauptstadt des Bundesstaates Plateau) berichtet, die gestorben waren, weil  sie übermäßig viel Salzwasser getrunken hatten.

Dieses Ereignis mag für die nigerianischen Gesundheitsbehörden von Nutzen gewesen sein, als 2020 der erste Coronavirus-Fall in Lagos bekannt wurde. Denn es zeigte sich, dass man neben der Versorgung der Betroffenen unbedingt die Öffentlichkeit objektiv informieren und dabei den Fake News entgegenwirken muss.

Nach wie vor mussten die Behörden in Lagos zusammen mit der Regierung im Nachbarstaat Ogun eine Flut von gefälschten Nachrichten aufhalten. Mayowa Tijani, ein Faktenchecker bei AFP, sagt: „Fake News und langjährige Vertrauensprobleme beeinträchtigten die Reaktion des Landes“ auf das Coronavirus in den ersten Monaten der Pandemie.

Während sechs Jahre zuvor ungeeignete Präventionsmaßnahmen in Umlauf gebracht worden waren, richtete sich die Aufmerksamkeit diesmal auf eine der ersten Corona-Fake News. Auf Facebook wurde in einem Forumsbeitrag behauptet, dass der Mann, der Nigerias ersten bestätigten Corona-Infizierten von Lagos nach Ogun fuhr, nach einem positiven Test aus einem Krankenhaus geflohen sei.
Der Verfasser des Posts hatte ein angebliches Foto des Fahrers hochgeladen und den Namen mit Adewale Isaac Olorogun angegeben. Dem Beitrag zufolge verlangte Olorogun von der Regierung vor Wiederaufnahme der Behandlung eine Zahlung von 100 Millionen NGN. Der Post verbreitete sich rasch, noch bevor die Behörden im Bundesstaat Ogun die Fake News sperren konnten.

Nur wenig später stieg die Nachfrage nach Chloroquin, einem Medikament gegen Malaria, das Nigeria jedoch seit Jahren nicht mehr verwendet.

Zu der gestiegenen Nachfrage sagt Ore Awokoya, ein hochrangiger Berater von Gouverneur Babajide Sanwo-Olu (Bundesstaat Lagos), dies sei Folge einer Erklärung von US-Präsident Donald Trump, der behauptet hatte, Hydroxycholoroquin sei von der amerikanischen Behörde für Lebens- und Arzneimittel zur Behandlung von COVID-19 „zugelassen“ worden. Trumps Äußerung ließ die Zahl der WhatsApp-Nachrichten, in denen Chloroquin als Medikament  gegen COVID-19 deklariert wurde, in die Höhe schnellen. In Lagos berichtete eine überregionale Zeitung, mindestens zwei Personen seien wegen Chloroquinvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Nach solchen Vorfällen fragt man sich: Warum glaubt man Fake News und handelt nach Empfehlungen nicht autorisierter Personen und Plattformen? Tijani zufolge geschieht dies, weil man „alternative Quellen der Hoffnung“ sucht – wegen des verzerrten Informationsflusses von der Regierung zu den Bürgern. Im speziellen Fall des Coronavirus, so Tijani, habe sich die Aufmerksamkeit der Mainstream-Medien auf  hochkarätige Persönlichkeiten gerichtet, was manchen zu der Annahme veranlasst habe, es handele sich um eine „Krankheit der Reichen“.

Die Coronabekämpfung der Regierung

Um der Fake News-Verbreitung in den Zeiten von Corona entgegenzuwirken, wurden Mittel für faktisch korrekte Nachrichten im Internet von privater wie auch von öffentlicher Seite bereitgestellt. Die Behörden im Bundesstaat Lagos und das Nigeria Centre for Disease Control (NCDC) nutzten nun eben diese Social Media, um fundierte Informationen auf denselben Plattformen zu verbreiten, die der Verbreitung von Fehlinformationen Vorschub leisteten.

Die Twitter- und Facebook-Accounts des NCDC  boten zuverlässige Informationen über die Ausbreitung des neuartigen Virus. Und auch etliche Beamte des Bundesstaates Lagos, unter ihnen Gouverneur Sanwo-Olu, nutzten ihre verifizierten Social Media-Accounts, um den trügerischen Berichten entgegenzutreten. Ebenso trugen private Stellen wie Africa Check dazu bei, den Nigerianern überprüfbare Informationen zu vermitteln.

„Als all dies begann“, sagt der Landesbeauftragte für Information im Bundesstaat Lagos, Gbenga Omotoso, „haben wir verbindlich erklärt, keine Meldungen aus unbestätigter Quelle zu verbreiten, und der Gouverneur selbst unterrichtet die Medien immer wieder mal. Die Verbreitung falscher Informationen kann Panik auslösen [und] die Menschen verstören.“

Lösungen für ein vielschichtiges Problem

In Ländern wie Nigeria, wo religiöse und ethnische Unterschiede zu Konflikten führen können, werden Fakten und Annahmen häufig absichtlich vermischt und über soziale Medien verbreitet. Dies fördere „die Verbreitung von Fehlinformationen“, so Andrew Ibeh, Leiter des Social-Media-Teams der Zeitung The Guardian.

Nach Ibehs Einschätzung ist der Kampf gegen Fake News in Nigeria eine besondere Herausforderung, da die Social-Media-Plattformen in hohem Maße demokratisiert sind – sie erlauben es jedem, Informationen ohne Überprüfung zu verbreiten. Und mit 203,5 Millionen genutzten Mobiltelefonen, mehr als 20 Millionen Social-Media-Nutzern und etwa 80 Prozent der Bevölkerung, die bei WhatsApp sind, hat Nigeria in dieser Hinsicht ein echtes Problem.

„In einem multikulturellen und multireligiösen Umfeld wie Nigeria haben Fehlinformationen als Ursache ethnischer und religiöser Krisen möglicherweise enorme Bedeutung“, sagte David Ajikobi auf einer vom Goethe-Institut im Jahr 2019 organisierten Konferenz zu Fake News. Ajikobi ist der nigerianische Redakteur von Africa Check.
 
Um die Fake News-Verbreitung einzudämmen, ging die Regierung im vergangenen Jahr eine Partnerschaft mit Facebook ein, um die Weitergabe von Fehlinformationen während der Parlamentswahlen zu stoppen. In diesem Jahr prüft die nigerianische Regierung eine Regulierung der sozialen Medien – ein entsprechender Gesetzentwurf war bereits dem Senat vorgelegt worden. Allerdings gibt es Befürchtungen, die Regierung könnte die Redefreiheit und abweichende Meinungen unterdrücken, wenn das Gesetz in Kraft tritt.
 
Statt neuer Rechtsvorschriften brauche Nigeria die Durchsetzung bestehender Gesetze, sagt  Adeboye Adegoke, Programmleiter bei Paradigm Initiative, der panafrikanischen Organisation für digitale Rechte.
 
„Was wir unter den gegebenen Umständen nicht brauchen können, ist ein neues Gesetz“, so Adegoke. „Wenn es uns wirklich um Gerechtigkeit geht, dann ist  unschwer zu erkennen, dass man dieses Problem bewältigen kann, ohne in verfassungsmäßig garantierte Rechte einzugreifen.“
 
Ajikobi hält es für notwendig, dass sich Journalisten zunächst ihrer eigenen Voreingenommenheiten bewusst werden und sich dann mit der Fähigkeit wappnen, zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden. Sie müssen „die Quelle und ferner den Autor, die untermauernden Informationsgrundlagen und das Datum überprüfen, [sie müssen] sich vergewissern, ob es sich um einen Scherz handelt, Voreingenommenheiten aufdecken und Experten befragen.“

Ein bedenkenswerter Vorschlag in anderer Hinsicht stammt von jenseits der Grenzen Nigerias. Länder wie Brasilien, Mexiko und das Vereinigte Königreich verfügen jetzt über ein Lupensymbol für zusätzliche Informationen zu allen Nachrichten, die mehr als fünfmal über WhatsApp weitergeleitet wurden. Eine solche Funktion, so Technologieunternehmer Joel Popoola, wäre ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal im Kampf Nigerias gegen Fake News, wenn man bedenkt, dass „das Niveau der digitalen Kompetenz in unserem Land vergleichsweise niedrig ist“. Er fügt hinzu: Nigeria muss „Social-Media-Unternehmen zu den notwendigen Schritten veranlassen, die ihre Nutzer vor Fake News und schädlichen Halbwahrheiten schützen.“

Zwar beraten Social-Media-Unternehmen über eine solche Lösung in Nigeria, doch sind ebenso Programme notwendig, die mehr Menschen für die Gefahren von Fehlinformationen sensibilisieren.
Ein derartiges Programm wurde vom Goethe-Institut mit der PASCH-Initiative ins Leben gerufen. Im September wurden im Rahmen des Programms zwanzig Schüler*innen des Akin Ogunpola Model College in Akinale und der Corona Secondary School in Agbara im Umgang mit digitalen Werkzeugen zur Überprüfung von Informationen im Netz geschult.