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Jan Delvaux, Belgien
TELEX: Euro-Vision

Wo findet man am ehesten eine typische europäische Popgruppe? In Brüssel natürlich, dem Herzen des alten Kontinents.

Von Jan Delvaux

Dort entstand 1978 eine neue Band, die in allem so europäisch wie möglich sein will. Mit anderen Worten: eine Band, die vielleicht gar nicht so angelsächsisch klingt.

Laut der treibenden Kraft Marc Moulin wird eine europäische musikalische Identität durch elektronische Musik verkörpert. Er will den Weg fortsetzen, den die deutsche Gruppe Kraftwerk vor einigen Jahren erfolgreich gegangen ist. Trotz seiner Länge [22:43], Sprache (100% deutsch) und seiner Instrumentierung (elektronisch) erreicht der Song 'Autobahn' (1974) den 25. Platz in den amerikanischen Charts.

Moulin hat eine Vorgeschichte im Jazz, will aber in eine ganz andere Richtung gehen. Schluss mit all der Ernsthaftigkeit. Sein neues Motto lautet: Musik für die Masse. Mit Dan Lacksman, einem Beatles-Fan mit einer Schwäche für Synthesizer, findet er einen geeigneten Begleiter. Gegen Ende der 60er Jahre ist er der erste Belgier mit solchen Maschinen und arbeitet unter anderem an den pulsierenden Rhythmen des Welthits „Born to Be Alive" (1979) des Franzosen Patrick Hernandez. Außerdem ist Lacksman ein großartiger Toningenieur. Der dritte Mann ist der Sänger Michel Moers, ein Architekt im täglichen Leben.

Der Name der europäischen Popgruppe braucht eine Verbindung zu Kommunikation. Weil das modern ist. In Frankreich gibt es bereits eine Gruppe namens Téléphone, das Faxgerät wurde noch nicht erfunden, also ist es Telex. Die Musik ist Elektropop mit hohen Tintin-Dosen und Zwinkern. Ein schönes Beispiel für die schwer zu erklärende Mischung aus Expressionismus, Surrealismus und augenzwinkerndem Humor, den wir Belgier so gerne mögen.

Telex schwört auf ein Image ohne Bild. Die drei tragen Masken. In ihrem Werbetext sagen sie, dass sie Dan, Mark und Mikal heißen, und sie sind viele Jahre zuvor mit einem Raumschiff auf der Erde gelandet. Interviews können nur über Telefon oder Kassette durchgeführt werden.

Das Trio geht den gleichen absurden Weg wie der Amerikaner Devo, der Schweizer Yello und das japanische Yellow Magic Orchestra. Aber Telex ist lustiger und anspruchsvoller. Und ihre konzeptionelle und federleichte Elektronik scheint sich weltweit durchzusetzen.

1979, kurz nach ihrem Start, stellt Telex ihre Evergreen her. „Moskow diskow“ wird zu einem Disco-Hit von Mailand bis Tokio. In allen Fachbüchern zur elektronischen Tanzmusik gilt er als das fehlende Glied zwischen Kraftwerk und House. Ich erinnere mich, dass ich absolut stolz war. Nicht nur die Popmusik aus Belgien hat sich international durchgesetzt. Etwas, das bis zu diesem Zeitpunkt unbekannt war. Es stellt sich heraus, dass der belgische Pop auch den Lauf der Geschichte bestimmen kann.

Telex erfährt das Schicksal aller Innovatoren. Die Gruppe wird zunächst als Einwegartikel, als Eurotrash abgetan. Aber allmählich folgt das Lob. Und das kommt meist aus einer unerwarteten Ecke. Zum Beispiel spielt die amerikanische Rockband ZZ Top seit Jahren nach dem Ende ihrer Konzerte einen Telex-Song. Und es ist vielleicht auch kein Zufall, dass „Billie Jean" (1983) von Michael Jackson das gleiche Akkordschema hat wie „Moskow diskow“. Als er noch am Leben war, sagte der King of Pop, dass er sich von einem elektronischen Song inspirieren ließ, den er im Tourbus in Europa hörte.

Dann, 1980, kommt der große Moment des Ruhms für Telex. Der belgische Fernsehsender RTBF schickt die europäische Popgruppe zum Finale des Eurovision Song Contest nach Den Haag. Der Song passt perfekt zum Anlass. „Euro-Vision“ ist der erste - und bis heute einzige – Song, der sich mit dem Song Contest beschäftigt..

Es ist eine große Herausforderung für die Gruppe, den Song live zu spielen. Damals hatten die Synthesizer nicht genug Speicherplatz, um auf der Bühne eingesetzt zu werden. Deshalb wird ein vorab aufgenommener Soundtrack verwendet. Nur der Gesang ist live. Die drei lassen ihre Masken zu Hause und spielen in Smokings.

Telex will gewinnen oder als letzter enden. Es gibt keinen Mittelweg. Ein Plan, bei dem wir Belgier sofort mit an Bord waren. Wenn du sie nicht besiegen kannst, überrasche sie. Eine Weile sieht es gut aus, aber am Ende bekommt die Gruppe 10 Punkte von den Portugiesen. Belgien belegt bei 19 Teilnehmern den 17. Platz.

Der Ire Johnny Logan gewinnt 1980 mit "What's another year". Es ist die erste von zwei Auszeichnungen für den Sänger. Aber der Telex behauptet einen moralischen Sieg. „Ich denke, du wirst gewinnen", sagte Michel Moers Johnny Logan nach seiner Vorstellung. „Danke“, antwortete Logan freundlich. "Wenn ich gewinne, ist es gut für mich. Aber wenn du gewinnst, ist es gut für die Musik". Und Telex war in der Tat sehr gut für die Musik.....

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