Deutsche Redewendungen Von Puppen und Katern

Sprichwörter und Redewendungen – keine Sprache kommt ohne sie aus. Sie bringen Dinge beeindruckend genau auf den Punkt, machen unser Sprechen lebendig und abwechslungsreich. Dabei reichen ihre Ursprünge oft Jahrhunderte zurück.

Unsere Sprache, schreibt der Philosoph Ludwig Wittgenstein in seinen Philosophischen Untersuchungen, ist wie eine alte verwinkelte Stadt aus Straßen, Gässchen und Plätzen, alten und neuen Häusern aus verschiedenen Zeiten. Die vielleicht interessantesten Bauten dieser Stadt, um in Wittgensteins Bild zu bleiben, sind Sprichwörter und Redewendungen. Wie die Fassaden alter Häuser sind sie ständig präsent, ohne dass wir uns bewusst sind, wie alt das Gemäuer eigentlich ist, an dem wir jeden Tag vorbeigehen – und wie viele interessante Geschichten es zu erzählen hätte, wenn wir nur genauer hinschauen würden.
 

  • Blaumachen Zeichnungen: Till Laßmann
    Blaumachen

    Die Redensart geht zurück auf den freien Tag der Handwerksgesellschaften. Diese mussten ab dem späten Mittelalter bis in die Neuzeit hinein am Montag nicht arbeiten, sie konnten „Montag halten“. Das Adverb blau hat in diesem Zusammenhang nichts mit übermäßigem Alkoholgenuss zu tun. Zu seinem Ursprung gibt es unterschiedliche Deutungen. Eine davon geht auf das Färber-Handwerk zurück. Wolle wurde früher mit Waid, einem indigoartigen Farbstoff, blau gefärbt – ein langwieriger Prozess, im Zuge dessen die Wolle oft den ganzen Montag über an der Luft getrocknet werden musste. Die Gesellen hatten während dieser Zeit nichts zu tun und konnten den Montag frei- oder eben blaumachen.
  • Bis in die Puppen Zeichnungen: Till Laßmann
    Bis in die Puppen

    Mitten im Berliner Tiergarten gibt es einen Platz namens Großer Stern. Heute steht dort die Siegessäule, ein Wahrzeichen der Stadt. Zu Zeiten des Preußenkönigs Friedrich II. aber – und hier liegt der Ursprung dieser Redewendung – wurde der Bereich mit doppelten Alleen eingefasst und mit Statuen geschmückt. Diese wurden von den Berlinern spöttisch Puppen genannt. Früher lag der Große Stern noch verhältnismäßig weit außerhalb des historischen Stadtzentrums. Man musste also einen langen Spaziergang unternehmen, um bis zu den Puppen zu gelangen. „Bis in die Puppen gehen“ wurde zunächst zu einem Synonym für eine weite Strecke und dann, nach und nach, als Umschreibung einer sehr langen Dauer gebräuchlich.
  • Einen Kater haben Zeichnungen: Till Laßmann
    Einen Kater haben

    Die Redewendung hat nichts mit dem Haustier zu tun, sondern bezieht sich auf das griechische Wort Katarrh, das eine unangenehme Schleimhautentzündung bezeichnet. Im 19. Jahrhundert wurde es unter Studenten üblich, den Brummschädel nach einer durchzechten Nacht mit den Wortspiel „moralischer Katarrh“ zu umschreiben. Daraus entwickelte sich dann der „Kater“ der heutigen Redensart.
  • Jemandem einen Bären aufbinden Zeichnungen: Till Laßmann
    Jemandem einen Bären aufbinden

    Ursprung ist wahrscheinlich eine Missdeutung des Wortes Bär für Last, die sich aus den mittelhochdeutschen Begriffen bern (tragen) und bér (Schlag) ergab. Lange Zeit wurde „einen Bären anbinden“ als Synonym für „Schulden machen“ benutzt. Hinzu kommt, dass der echte Bär in der Jägersprache des Hochmittelalters eine wichtige Rolle spielte. Die Wendung „ich habe einen Bären gefesselt“ wurde als Synonym für eine besondere Heldentat verwendet, bei der es sich aber, eben weil es als absurd galt, einen Bären tatsächlich zu fesseln, wahrscheinlich um Aufschneiderei handelte.
  • Nur Bahnhof verstehen Zeichnungen: Till Laßmann
    Nur Bahnhof verstehen

    Nur Bahnhof verstehen Diese Redensart reicht in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurück. Damals waren Züge die wichtigsten Transportmittel, nicht nur für Privatleute. Sie brachten auch die Soldaten zum Urlaub oder bei ernsthaften Verletzung nach Hause. Deswegen wurde der Bahnhof für die Soldaten zum Sinnbild für die Heimat – und das ganz besonders zum Endes des Krieges hin, als die anfängliche Euphorie längst verflogen war und man schwer unter den Strapazen des Krieges litt. Der Wunsch, gesund nach Hause zurückzukehren, wurde so stark, dass Gespräche, die sich nicht um dieses Thema drehten, mit den Worten „Ich verstehe nur Bahnhof“ abgewehrt wurden.
  • Unter aller Kanone Zeichnungen: Till Laßmann
    Unter aller Kanone

    Die Redensart entwickelte sich aus der lateinischen Floskel sub omni canone, übersetzt etwa „unterhalb jedes Maßstabs“. Der Begriff Kanon bezieht sich dabei weniger auf seine Bedeutung des Überlieferungswürdigen als vielmehr auf das gleichnamige Bewertungssystem für Zensuren, wie es in mittelalterlichen Schulen gebräuchlich war. War eine abgelegte Klausur außerordentlich schlecht, war sie demnach „unter allem Kanon“. Im Volksmund wurde aus dem Kanon im Lauf der Jahrhunderte die Kanone.
  • Der springende Punkt Zeichnungen: Till Laßmann
    Der springende Punkt

    Die Redewendung geht zurück auf den griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.) und dessen Abhandlung Historia Animalium. Darin schildert er, wie sich im Weißen eines Vogeleis das Herz eines werdenden Vogels zeigt, nämlich „so groß wie ein Punkt, blutfarben im Weißen“. Dieser Punkt springe und bewege sich, so der Philosoph, wie ein lebendiges Wesen. In der lateinischen Übersetzung heißt es: Quod punctum salit iam et movetur ut animal, was schließlich zum punctum saliens verkürzt wurde.
  • Treulose Tomate Zeichnungen: Till Laßmann
    Treulose Tomate

    Der Ursprung dieser Redensart ist wahrscheinlich der Erste Weltkrieg. Damals war Italien, seit 1882 mit Deutschland und Österreich-Ungarn zum sogenannten Dreibund verbündet, zunächst nicht in den Krieg eingetreten. Doch dann traf Italien im Londoner Vertrag 1915 eine geheime Absprache mit den alliierten Mächten Großbritannien, Frankreich und Russland und galt demnach aus deutscher Sicht als wortbrüchig. Da in Italien aufgrund des günstigen Klimas schon damals viele Tomaten gezogen und gegessen wurden, das Gemüse in Deutschland aber noch sehr selten und darüber hinaus auch nicht ganz einfach zu kultivieren war, wurde aus dem treulosen Italien die treulose Tomate.