Leeuwarden 2018 Gut gewappnet ins Kulturhauptstadt-Jahr

Sense of Place
© Ruben Hamelink

Am letzten Januar-Wochenende fällt der Startschuss für Leeuwarden als europäische Kulturhauptstadt. Für 2018 hat sich die Stadt viel vorgenommen. ​
 

„Bisher kamen die Leute zum Segeln und wegen der Kühe. Ab dem nächsten Jahr werden sie auch wegen der Kultur kommen.“ Oeds Westerhof gibt sich zuversichtlich. Gemeinsam mit Kollegen war er angereist, um vor Medienvertretern in Köln das kulturelle Programm für Leeuwarden vorzustellen. Die Stadt hat sich viel vorgenommen für 2018, wenn für sie am letzten Januar-Wochenende der offizielle Startschuss als neue Kulturhauptstadt Europas fällt. Neben hunderten Projekten – häufig mit Bezug zu Umwelt und Natur – sollen 60 Großveranstaltungen zeigen, dass die Region rund um die friesische Provinzhauptstadt mehr ist als nur plattes Land.

Westerhof ist Leiter des Bewerbungsbüros. Erst 2012 ist er zum Projekt gestoßen. Zuvor war er drei Jahre lang Direktor eines beliebten Kino-Kultur-Zentrums in Nimwegen, nahe der deutschen Grenze. Mit Leeuwarden kehrte er zurück in seine Heimat an die Waterkant. Keiner hatte die knapp 109 000 Einwohner zählende Stadt wirklich auf dem Schirm, als sie 2013 den Zuschlag bekam. Dem Vorwurf, dass von der EU-Kommission zunehmend kleinere Städte für die Wahl als Kulturhauptstadt berücksichtigt würden, entgegnet Westerhof: "In Europa sind wir sehr auf die großen Städte fokussiert. Aber die Hälfte der Europäer wohnt in kleineren Kommunen wie der unsrigen. Für die suchen wir eine Zukunft.“ Und hier gelte es, besonders im Hinblick auf die Landflucht für die nachfolgende Generation, kulturelle Anreize zu schaffen.

WeltNATurerbe Wattenmeer

Namhafte Mitbewerber wie Den Haag, Utrecht und die limburgische Region rund um Maastricht hatte die Stadt förmlich „in den Wind geschlagen“. Wind und Wasser waren unter anderem die Pfunde, mit denen die als Urlaubsdomizil bekannte Region beim Wettbewerb wuchern konnte. Große Teile der Provinz Friesland liegen unter dem Meeresspiegel. Zahlreiche Seen, Kanäle und Grachten sowie das Wattenmeer summieren sich auf über 2400 Quadratkilometer Wasserfläche bei einer Gesamtfläche Frieslands von 5700 Quadratkilometern. Was Wunder, dass das Element Wasser bei der Kulturplanung für 2018 eine tragende Rolle spielte.

So wird das im Jahr 2009 zum UNESCO-Weltnaturerbe gekürte Wattenmeer zum „Sense of Place“. In dem auf zehn Jahre angelegten Projekt werden sukzessive rund 50 Kunstobjekte längs der Küste installiert, die als architektonische Landmarken auch über das Kulturhauptstadt-Jahr hinaus die „nordische Einöde“ aufwerten sollen. Darüber hinaus werden Anfang August zu einem mit „The Sea! The Sea!“ betitelten Literatur-Festival in der Hafenstadt Harlingen poetische Verse auf Schiffen erklingen. Als Krönung schließlich passieren dort ebenfalls im August nach einer zweiwöchigen Regatta in internationalen Gewässern 80 Großsegler die Zielgerade. Ein Ereignis, zu dem allein schon mehr als 200 000 Besucher erwartet werden. Ab September dann gleich ein weiterer Höhepunkt, wenn hundert Friesen-Pferde einen Monat lang den Kampf mit den Gezeiten aufnehmen. In dem Musical „De Stormruiter“ (frei nach Theodor Storms „Der Schimmelreiter“) werden – neben den Pferden – auch die niederländische Rockröhre Ellen ten Damme und zwei Chöre ihr Bestes geben.

 
  • Friesisches Museum © Ruben van Vliet
  • Fountains Sneek © Stephan Balkenhol
    Fountains Sneek
  • Fountains Stavoren © Mark Dion, USA
    Fountains Stavoren
  • Der Schimmelreiter © De Stormruiter, Fryslân
  • Der Schimmelreiter © De Stormruiter, Fryslân
 

Basis-Kultur

Künstler, Landwirte, Energieexperten, Wissenschaftler und Anwohner brachten Ideen ein, um sich Motto gemäß als „Iepen mienskip“ („Offene Gesellschaft“) zu präsentieren. Entsprechend musste auch Kuratorin Anna Tilroe bei einzelnen Bürgerkomitees, die „Bottom-up-like“ von der Basis aus über das Programm mitentscheiden durften, Überzeugungsarbeit leisten. Für ihr Projekt „11 Fountains“ werden nun elf Springbrunnen von Künstlern aus aller Welt (u. a. dem Deutschen Stephan Balkenhol) in elf friesischen Städten entlang der historischen, rund 200 Kilometer langen Eislaufstrecke „Elfstedentocht“ gestaltet. Und dies mit einer Bestandsgarantie von 25 Jahren. „Die Brunnen schaffen eine neue Verbindung zwischen den Städten“, so Tilroe. Das traditionelle Langstreckenrennen auf zugefrorenen Kanälen und Seen fand 1997 zum letzten Mal statt – die Winter werden zu warm, die Eisdecke erreicht ihre Mindestdicke von 15 cm nicht mehr.

Publikumsgaranten

Siebzig Millionen Euro sind für das Kulturhauptstadt-Jahr veranschlagt, wozu die EU mit den üblichen 1,5 Millionen Euro den geringsten Beitrag leistet. Den Löwenanteil stemmen Stadt, Provinz, Euregio sowie diverse Sponsoren. Unter anderem kommt das Budget den beiden Ausstellungen Mata Hari und M.C. Escher zugute, die sich nacheinander im Fries Museum ein Stelldichein geben. Erstere wuchs als Margaretha Geertruida Zelle in Leeuwarden auf, bevor ihre wechselvolle Geschichte als Offiziersgattin und Kurtisane begann, um 1917 mit der Exekution in Frankreich als vermeintliche Spionin zu enden. Als „Sohn der Stadt“ wird der Grafiker Maurits Cornelis Escher gefeiert. International bekannt wurde der 1898 in Leeuwarden Geborene durch seine perspektivischen „Unmöglichkeiten“, fantastischen Figuren und Metamorphosen, die seine Kunst bis heute unvergessen machen.
  
Schließlich wird der Auftritt der Riesen Mitte August im Wortsinn einer der Hauptstadt-Höhepunkte sein. Drei Tage lang werden dann 15 Meter hohe Marionetten entlang Jahrhunderte alter Giebelhäuser durch die kleinen Gassen Leeuwardens ziehen und für „magische Momente“ sorgen. Seit vielen Jahren touren die von Mitgliedern des französischen Straßentheaters Royal de Luxe gesteuerten Riesen, durch Europa, Afrika und Südamerika. Als „Weltbürger“ und Publikumsgaranten werden sie 2018 erstmals auch einer niederländischen Stadt die Ehre erweisen.

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