Nachbarländer Leben an der niederländisch-deutschen Grenze

Für die meisten Menschen ist eine Landesgrenze nicht mehr als eine gestrichelte Linie auf der Karte. Barrieren, Grenzkontrollen, wer erinnert sich noch daran? Seit der Gründung der Europäischen Union ist der Grenzverkehr viel einfacher geworden. Aber bedeutet das auch, dass die Kontakte zu unseren deutschen Nachbarn häufiger oder intensiver geworden sind?
 

Grenzweg Niederlande
Grenzweg Niederlande | © Brigitte de Veld

Euregio

Es ist immer noch schwierig, die Barrieren zwischen den verschiedenen Ländern abzubauen. Die Euregio-Partnerschaft versucht deswegen, die Zusammenarbeit zwischen den Niederlanden und Deutschland zu vereinfachen und Kontakte im wirtschaftlichen und kulturellen Bereich zu fördern, unter anderem in der Grenzregion Achterhoek. Meine Suche nach dem, wie das in der Praxis aussieht, beginnt genau dort an einem grauen Tag im Dezember.

Arbeiten auf der anderen Seite der Grenze

Die Zahl der Niederländer, die auf der anderen Seite der Grenze arbeiten, ist nach Angaben des CBS (Zentrales Amt für Statistik Niederlande) in Deutschland deutlich geringer als in Belgien. Dennoch gibt es auch in dieser Region viele Arbeitnehmer, die im nahegelegenen Ausland beschäftig sind, berichtet Ben Peters aus der grenznahen Stadt Wehl. In seiner Jugend nahm er oft Ferienjobs in Gewächshäusern kurz hinter der Grenze an. Genau wie sein Nachbar Bennie Vonk, der sich noch daran erinnert, dass vor der Schaffung des Schengenraums Waren an der Grenze verzollt werden mussten.

Und noch immer haben viele der Jugendlichen einen Ferienjob jenseits der Grenze. Aber inwieweit kooperieren deutsche und niederländische Unternehmen seit der Grenzöffnung auf wirtschaftlicher Ebene? Gibt es Initiativen in diesem Bereich?
Ben und Dorine Peters in Wehl (Oude IJsselstreek) Ben und Dorine Peters in Wehl (Oude IJsselstreek) | © Brigitte de Veld Myriam Bergervoet aus Oude IJsselstreek erklärt, dass ihre Gemeinde und die deutsche Gemeinde Bocholt einen ersten Schritt in diese Richtung unternommen haben: Im Jahr 2016 richteten sie unterstützt durch staatliche Zuschüsse das Internationale Netzwerkbüro ein. Bei informellen Treffen zwischen den beiden Gemeinden entstand der Plan, ein Projekt für bestehende und/oder neue kleine und mittlere Betriebe und Selbständige ins Leben zu rufen, das diesen kostenlose Beratung zu grenzüberschreitenden Geschäften bieten sollte.

Myriam erzählt: "Studien zeigen, dass die verschiedenen Sprachen das größte Hindernis für grenzüberschreitende Geschäfte darstellen. Das scheint für die Deutschen ein größeres Problem zu sein als für die Niederländer. Darüber hinaus sehen sich die Unternehmen in beiden Ländern mit steuerlichen Hindernissen konfrontiert. Sie laufen Gefahr, plötzlich in zwei Ländern steuerpflichtig zu werden, wenn Sie nicht wissen, wie Sie dies verhindern können. Im Bereich von Human Resources besteht das Problem darin, dass Diplome und Prüfungszeugnisse nicht gegenseitig anerkannt werden. Öffentliche Verkehrsmittel sind oft nicht gut miteinander verbunden, was für Studenten und Auszubildende ein Problem ist, um nur einige Schwierigkeiten zu nennen.“
 
Das Internationale Netzwerkbüro verfügt über Servicestellen in beiden Gemeinden, an die Unternehmen sich wenden können. Sie organisieren außerdem Netzwerktreffen und Informationsabende. Das Projekt war ein solcher Erfolg, dass die Kommunen selbst nach Auslaufen der Förderung Ende 2018 diese Initiative seit dem 1. Januar 2019 fortsetzen wollen.
 

Mit gutem Beispiel voran

Zusammenarbeit im kommunalen Bereich findet sich nicht nur in der Achterhoek, sondern beispielsweise auch in den beiden Städten Herzogenrath (D) und Kerkrade (NL) statt. Seit dem 1. Januar 1998 bilden diese den „Zweckverband Eurode“, eine öffentlich-rechtliche Körperschaft mit einer gemeinsamen Verbandsversammlung. Diese besteht aus Mitgliedern beider Stadträte und die jeweiligen Bürgermeister übernehmen abwechselnd für je zwei Jahre den Vorsitz. Ziel ist es, die (Lebens-) Bedingungen der Bürger der beiden Grenzstädte zu verbessern.

Auch die Dörfer Dinxperlo (NL) und Suderwick (D) zeigen, wie gut das Zusammenleben funktionieren kann. Els Henke, geboren in Megchelen und heute ansässig in Oude IJsselstreek, sagt: „Beide Dörfer teilen die Grenze, aber unter anderem auch die Polizeiwache, die Feuerwehr und den Krankenwagen." Ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit ist die ‚Taverne‘, findet Els. „Diese gläserne Fußgängerbrücke verbindet das niederländische Pflegezentrum Careaz Dr. Jenny mit dem deutschen Pflegeheim Bültenhaus auf der anderen Seite der Grenzstraße, sodass die Bewohner sich gegenseitig besuchen können.“
 

Kulturelle Kontakte überwinden Grenzen

Im kulturellen Bereich gibt es seit langem Freundschaften zwischen benachbarten Gemeinden im Grenzgebiet. Traditionen, die es dort schon immer gab, wie Musik-, Karnevals- und Schützenvereine, bilden die Brücke für kulturelle Kontakte. Nienke Schieven, die an der Grenze bei 't Lohr in Voorst lebt, sagt: „Zwischen den Schützenvereinen von Voorst (NL) und Anholt (D) besteht enger Kontakt und sie laden sich gegenseitig zu Festen und Kirmessen ein.“ Eine lokale Tradition, die von beiden Nationalitäten in Ehren gehalten wird, ist die sogenannte ‚nacht van de Oude Wijven' (Altweiberfastnacht. Die Feier findet am Donnerstag vor Karneval statt. Es ist Brauch, dass als ‚alte Weiber‘ verkleidete Frauen die Krawatten der Männer abschneiden.

Die Grenzen wurden traditionell durch Grenzpfahle markiert. Diese befinden sich noch immer in der Landschaft und die Interessenvereinigungen der Dörfer auf beiden Seiten der Grenze haben beschlossen, einen Wanderweg entlang der alten Grenzsteine anzulegen, bei dem neben dem Genuss der  Natur auch das Treffen mit den Nachbarn im Mittelpunkt steht.

Aber auch im sportlichen Bereich werden Kontakte geknüpft. Zum Beispiel wurden die Schnellradwege von Emmerich nach Doetinchem und von Nimwegen nach Kleef verbunden. Diese Maßnahme der beiden Bürgermeister von Weeze und Nimwegen ist nicht nur eine sportliche, sondern auch eine sehr praktische Initiative.
 

Spreek je buurtaal - Sprich deine Nachbarsprache

Bennie Vonk, geboren und aufgewachsen in Wehl, erzählt, dass bis 1819 ein Teil der Achterhoek eine preußische Enklave mit der Sprache Niedersächsisch war. Noch heute spricht die ältere Bevölkerung in diesem Gebiet einen Dialekt, der auch im benachbarten deutschen Raum gut verstanden wird.
Bennie bedauert, dass unter den Jugendlichen immer weniger Deutsch gesprochen wird. Er sagt: "Das schränkt die Chancen junger Menschen ein, einen Arbeitsplatz auf dem für die Region wichtigen deutschen Arbeitsmarkt zu finden.“ Sein Plädoyer findet Gehör, denn die Euregio Rhein-Waal hat sich für die nächsten vier Jahre die Vermittlung der deutschen Sprache auf die Agenda geschrieben. An sieben Grundschulen in der Region Oude IJsselstreek erhalten die Schüler derzeit eine halbe Stunde Deutschunterricht pro Woche. Auf spielerische Weise werden die Kinder so wieder in Kontakt mit der deutschen Sprache gebracht. Das Projekt „Spreek je buurtaal“ läuft mittlerweile seit zweieinhalb Jahren erfolgreich. Die Hoffnung besteht, dass die Schüler auch auf dem Gymnasium das Fach Deutsch wählen und damit ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt in der Region erhöhen. Auch auf einer Schule in Emmerich (D) ist Niederländisch in den Sprachunterricht aufgenommen worden.
 
Insgesamt kann man sagen, dass Deutsche und Niederländer ein gutes Nachbarschaftsverhältnis haben und dass sich die Zusammenarbeit nicht auf rein wirtschaftliche Angelegenheiten beschränkt, sondern die Menschen vor allem im kulturellen und zwischenmenschlichen Bereich gut zueinanderfinden.
 
 

Mit Dank an: Ben und Dorine Peters, Bennie Vonk, Nienke Schieven, Hans Bongers, Els Henke, Myriam Bergervoet.
Quellen: AD Achterhoek 01.12.18 Thed Maas ‚met de e-bike van Emmerik naar Doetinchem‘ (mit dem E-Bike von Emmerik nach Doetinchem).  AD Achterhoek 28.11.18 - Erik Meuleman ‚Politiek wil Duitse lessen op Montferlandse basisscholen‘ (Politik will Deutschunterricht an Grundschulen von Montferland).