Interview 5 plus 1 Von Frank Castorf inspiriert

Hege Randi Tørressen
Hege Randi Tørressen | Foto: ©Per Oskar Skjellnan

Hege Randi Tørressen ist eine der Dramaturgen des Nationaltheaters Oslos. Auf deutschen Bühnen kennt sie sich bestens aus. Für das Ländermagazin wird sie künftig über aktuelle Theaterwelten schreiben.

1. Du bist im NT für deutsche Dramen  zuständig. Was hat dich dazu gebracht?
 
Ich habe 16 Jahre in München gelebt und dort Theaterwissenschaften und englische Literatur studiert. Und ich habe viel in Deutschland gearbeitet, u.a. als Regie-Assistentin und eigenen Regiearbeiten. Die Stelle der Dramaturgin am National-Theater in Oslo brachte mich dann 1998 zurück in mein Heimatland. Mit deutschen Dramen und Literatur kenne ich mich gut aus.
 
2. Was muss ein Stück alles aufweisen, damit du es gerne auf die Bühne des NT bringen möchtest?
 
Da muss man erst einmal zwischen moderner und klassischer Dramatik trennen. Wenn ich ein Stück lese, frage ich, was uns dieses Stück heute erzählen will. Z.B. haben wir jetzt eine neue Gruppe im Torshov-Theater. Dorthin geht immer eine Gruppe Schauspieler für zwei Jahre und wählen ihre eigenen Stücke und Regisseure aus.  Die haben mich gebeten, ob ich ein Stück von Anja Hilling lese, Nostalgie 2175. Das ist eine Liebesgeschichte nach der Klimakatastrophe, auf einer runden Bühne. Das Publikum sitzt sehr nahe. Der rote Faden ist für diese Gruppe Science Fiction.

Hege Randi Tørressen Hege Randi Tørressen | Foto: Per Oscar Skjellnan
3. Gibt es  für dich so etwas wie deutsche Lieblingsbühnen und wenn ja, welche sind es und warum?
 

Da gibt es mehrere. Und die sind in Berlin. Was Frank Castorf in mehr als 25 Jahren auf der Deutschen Volksbühne zustande gebracht hat, finde ich sehr spannend. Ich habe ihn 1987 in München entdeckt, mit einem Gastspiel Das trunkene Schiff. So etwas hatte ich auf noch keiner Bühne gesehen – eine wundervolle Inszenierung. Später hat er auch Ibsen gemacht, Borkman etwa im Zuge der Wende. Borkman war Metapher für den Staat DDR. Lustig, traurig. Das ist das Theater, das ich mag. Ein anderes Theater ist die Schaubühne mit Thomas Ostermeier. Wir hatten ihn mehrmals hier in Oslo mit seinen Stücken.
Ein drittes Theater ist das Deutsche Theater, die ein sehr inspirierendes Programm haben. Dann finde ich derzeit auch Maxim Gorki Theater viel versprechend.
 
4. Nicht zuletzt durch die jüngsten Entwicklungen mit Flüchtlingen tut sich in der europäischen Theaterwelt einiges. Welche Entwicklungen findest du persönlich besonders spannend?
 

Ich habe in letzter Zeit oft Work-Shops in China gehalten, mit dem Thema Migration und Teilnehmern aus der ganzen Welt. Alle Hauptthemen der Welt führen zu Migration – Krieg tut das, Genderfragen, soziale Fragen, Klima und Naturkatastrophen führen dorthin. Das war also der Regenschirm für die Work-Shops. Jeder von uns hat auf kleiner oder großer Skala eine Migrationsgeschichte. Mein Urgroßvater kam nach zwanzig Jahren aus Australien und ich wäre nicht geboren hätte er nicht in Norwegen meine Urgroßmutter getroffen. Wir kommen alle aus Ost-Afrika. Grenzen zu ziehen ist nicht die Lösung. Die Probleme sind global. Dazu sind sehr viele Stücke auf der ganzen Welt geschrieben worden.
 
5. Was sind die wichtigsten Aufgaben einer Dramaturgin?
                                                 
Mein Beruf lässt sich in zwei Teile gliedern. Ich berate die künstlerische Leitung, welche Stücke wir auswählen. Wir lesen viel, wir haben ja vier Bühnen, die bespielt werden müssen und über sechzig Schauspieler. Die aufgeführten Theaterstücke müssen auch gut zusammen und auf die einzelnen Bühnen passen. Der andere Teil von meinem Job ist es, mit dem Regisseur zusammen zu arbeiten. Wenn in Deutschland z.B. vor Jahren ein Faust Teil 1 und 2  über 19 Stunden ging und wir haben das in 2,5 Stunden gemacht, dann müssen wir sehr viel weg schneiden. Diese Bearbeitung macht die Dramaturgin dann oft mit dem Regisseur zusammen. Oder man dramatisiert Romane. Bei neuen Texten aus Deutschland arbeiten wir dann auch mit den Übersetzern Wenn die achtwöchigen Proben beginnen, sind wir auch die Beraterinnen des Regisseurs. Mit der Premiere ist unsere Arbeit beendet. Zudem haben wir laufenden Dialog mit den Dramatikern, die von uns Auftragsarbeiten haben, z.B. Arne Lygre. Und wir lesen natürlich die Stücke, die wir unaufgefordert geschickt bekommen.  Eine zentrale Aufgabe für Dramaturgen am Nationaltheater ist auch das Ibsen-Festival, das wir jedes zweite Jahr veranstalten. Wir laden Produktionen aus der ganzen Welt ein und machen Ibsen-Produktionen auf unseren Bühnen.
           
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Vorausgesetzt, du könntest deine Karriere noch einmal ganz von vorn beginnen. Welchen Beruf hättest du auch wählen können?
 

Wenn du als Dramaturgin arbeitest, geht es die ganze Zeit um die Psychologie der Figuren. Ich denke, dass ich vielleicht ein Talent habe in Richtung Psychologie. Psychologin wäre ein interessanter Beruf für mich.