Interview 5 plus 1 Für eine echte europäische Öffentlichkeit

Andre Wilkens
Andre Wilkens | Foto: ©Gerlind Klemens

Andre Wilkens ist Autor des Buches: „Der diskrete Charme der Bürokratie – Gute Nachrichten aus Europa", das sich für ein offenes, demokratisches und tolerantes Europa ausspricht.

Sie schreiben in Ihrem Buch von der für Sie legendären Autofahrt 1991, kurz nach der Wende, mit dem Lada von Ostberlin nach Brüssel, auf dem Weg zu Ihrer Praktikantenstelle bei der Europäischen Kommission. Wodurch entwickelte sich danach Ihr Gefühl weiter, ein leidenschaftlicher Europäer zu sein?
 
Von hinter der Berliner Mauer betrachtet war an Europa eigentlich fast alles wunderbar cool, einschließlich der schönen blauen Fahne mit den goldenen Sternen, nicht immer nur dieses nationale Streifen Allerlei.  Dann habe ich in London Europa studiert und mich in eine glühende britische Europäerin verliebt. Ich habe in Italien gelebt und die schönsten Seiten Europas kennengelernt. In Genf habe ich verstanden, dass Europa mehr Geduld mit sich selbst haben sollte, die Schweiz hat Jahrhunderte zu ihrer Vereinigung gebraucht. Und in Brüssel habe ich begriffen, dass Europa dem diskreten Charme der Bürokratie eine ganze Menge zu verdanken hat. Nicht alles lief immer rund bei Europa und mir, aber im großen und ganzen eigentlich wunderbar.
 
Was sagen Sie Ländern, die außerhalb der EU glücklich sind wie Norwegen oder die Schweiz? Wäre es nicht riskant als stabiles, wohlhabendes Land einem politischen Gebilde beizutreten, in dem immer mehr populistische Regierungen an die Macht kommen?
 
Nicht jedes Land braucht die EU um glücklich zu sein. Manche Länder sind ganz happy in einer Art wilden Ehe, mit fast allen Vorteilen aber ohne Heiratsvertrag. Wie die Schweiz und Norwegen. Aber den allermeisten europäischen Ländern geht es besser seit es die EU gibt. Früher war Krieg ein europäischer Sport, jetzt leben wir schon undenkbar lange im Frieden zusammen. Die EU hat Europa zivilisiert und davon haben die Europäer profitiert, ob sie nun in der EU sind oder in wilder Ehe mit ihr leben. Und beim Abschütteln der erwähnten Populisten ist es sicherlich auch besser man ist europäisch gebunden als ein freier Radikaler ohne Bindung.
 
Unterhaltsam ist an Ihrem locker und anekdotisch geschriebenen Buch auch, dass es zu jedem Kapitel einen zum Inhalt passenden Song gibt, der für sie persönlich eine Rolle spielt. Nach welchen Kriterien haben Sie diese Lieder ausgesucht?
 
Anfangs war das unbewusst, da mir beim Schreiben oft Songs oder auch Filme in den Kopf kommen, die etwas mit der Zeit oder dem Ort des Geschriebenen zu tun haben. Manchmal ist es aber auch der Titel eines Songs, der ein Thema kristalisiert. So ist fast automatisch eine recht eklektische Playlist entstanden, die von Punk bis Schlager, Jazz bis Hymne reicht.
 
Sie haben Visionen für Europa entwickelt. Welche liegt Ihnen besonders am Herzen?
 
Ganz besonders wichtig ist mir eine echte europäische Öffentlichkeit, die Menschen verbindet und nationale Filterblasen aufbricht. Denn ohne die bleiben wir in unserer von nationalem Denken gefangen und können den europäischen Wald vor lauter nationalen Bäumen nicht sehen. Ich glaube, dazu muss Europa im ganz großen Stil in europäische Medien mit utopischen Übersetzungstechnologien investieren. Es ist Zeit für eine europäische BBC, eine europäische Le Monde, und ein europäisches Facebook, alles natürlich viel besser als die hier genannten. Europa hat vor fast 50 Jahren mit Airbus gezeigt wie man Utopien mit Industriepolitik umsetzt. Let’s do it again. Ein funktionierende europäische Öffentlichkeit ist in Zeiten von digitaler Wahlmanipulation und Fake News mindestens so wichtig wie europäisch Fliegen damals, wahrscheinlich sehr viel wichtiger.
 
Welche politische Agenda scheint Ihnen derzeit am besten geeignet, eine Kehrtwende gegen Europaverdrossenheit einzuleiten, anders ausgedrückt: Was muss nun dringend getan werden?
 
Wir müssen dringend die zunehmenden Ungleichheiten in Europa reduzieren, geographisch und sozial. Es ist doch verrückt wie sich auch in Europa immer mehr Reichtum und Macht in den Händen der oberen 10% konzentriert. Das regt die anderen 90% zu recht auf und manche fallen dann auf die einfachen Sprüche der neonationalen Populisten herein. Unser Ziel sollte es deshalb sein, allen Europäer ein Bürgereinkommen zu garantieren, mit dem sie ein gutes und sinnvolles Leben führen können. Finanzieren können wir das über eine digitale Dividende und die faire Umverteilung nach skandinavischen Vorbild. Wenn die Bürger sehen, dass Europa sich ganz konkret um ihre Belange kümmert, wird es die Europaverdrossenheit  immer schwerer haben.

Plus 1: Wenn Sie Ihre Karriere neu beginnen könnten, welchen Beruf würden Sie dann wählen?

Ich würde wahrscheinlich Architekt werden. Es ist ein kreativer Job, trotzdem praktisch. Es kommt etwas Konkretes dabei heraus. Man kann im Ergebnis seiner Arbeit wohnen, arbeiten, Kunst aufhängen, Theater aufführen, schwimmen, einkaufen, Bücher sammeln, Kongresse abhalten, Kaffee trinken. Man kann Gebautes sehen und anfassen, idealerweise für Generationen, manchmal Jahrhunderte, oder länger. Man kann Geschichte bauen. Und in der Architektur ist Europa ein Weltmeister.