Interview 5 plus 1 „Sexuelle Übergriffe müssen endlich Konsequenzen haben“

Hans-Werner Meyer
Hans-Werner Meyer | Foto: ©Oskar Graf

#metoo wird weltweit diskutiert. Was meinen eigentlich die Männer dazu? Ein Interview mit dem Schauspieler Hans-Werner Meyer. (Tv-Serie: „Letzte Spur Berlin“)

Hans Werner Meyer,  du bist Schauspieler, Musiker und seit 2006 im Vorstand des Bundesverband Schauspiel. Wie würdest du #metoo jemandem erklären, der nichts davon mitbekommen hat?
 
Der Begriff Metoo kommt ursprünglich aus Hollywood, aus der Filmwelt. Wenn ein Film erfolgreich ist, sagen die anderen „Me too!“. Eigentlich bezeichnet der Begriff Filme die andere, erfolgreiche Filme nachmachen. Als der Weinstein-Skandal aufkam wurde das umdefiniert. Jetzt bedeutet es: “Ich bin auch betroffen.”
Die Bewegung ist aus meiner Sicht ein historisch notwendiger Prozess geworden, der das Ausmaß von sexuell konnotiertem Machtmissbrauch weltweit auf eine Weise deutlich macht, dass man dem nicht mehr ausweichen kann. Es ist eine Revolution, eine echte Umwälzung.
 
Wie es für dich als Mann und Schauspieler diese Revolution mitzuerleben?
 
Ich empfinde es als Befreiung. Es führt zu mehr Klarheit. Es geht ja in erster Linie nicht um Sexualität, sondern um Macht. Diese Vermischung von Macht und Sexualität ist ins Bewusstsein gerückt. So kann Missbrauch nicht mehr als Kavaliersdelikt gesehen werden.
 
Und im Bereich der Sexualität ist durch diese Vehemenz auch endlich unmissverständlich klar geworden: Erlaubt ist, was gefällt, aber eben allen Beteiligten. Das wiederum führt zu mehr Ehrlichkeit im Miteinander.
 
Warum halten sich manche männliche Kollegen merkwürdig bedeckt, wenn es um #metoo geht? 
 
Wer selbst bisher keinen sexuell konnotierten Machtmissbrauch erlitten hat oder jemanden kennt, dem es passiert ist, der kann diese lang anhaltende Debatte leicht als hysterisch oder maßlos missverstehen oder schlicht unsicher sein, wie er sich dazu verhalten soll. Ich kenne übrigens auch Frauen, denen es so geht. Und wenn man keine Haltung hat, fängt  jede Debatte irgendwann an zu nerven.
 
Sie rutscht ja auch immer wieder in die stereotype geführte Geschlechterdebatte ab. Dabei geht es nicht in erster Linie um ein Thema zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen Menschen, die Macht ausüben und solchen, über die sie ausgeübt wird. Nur sind die ersteren halt momentan in erster Linie Männer. Aber eben nicht nur. Ich habe als junger Schauspieler z.B. den Machtmissbrauch einer Regisseurin erdulden müssen. Der war zwar nicht sexuell konnotiert, sondern der „schwarzen Pädagogik“ geschuldet, der zufolge Menschen gebrochen werden müssen, um etwas Brauchbares aus ihnen herauszuholen, aber es war trotzdem ein Missbrauch, weil ich diesem Verhalten mir gegenüber nicht zugestimmt hatte und von ihr abhängig war.
 
Was muss sich ändern? Was können Frauen tun? Was Männer? Was tust du?
 
Vor allem müssen Institutionen geschaffen werden, an die Menschen, die Opfer eines Missbrauchs oder einer Diskriminierung werden, sich wenden können. Genau das tut der Bundesverband Schauspiel gerade mit der Einrichtung einer überbetrieblichen Beschwerdestelle.
 
Sehr schnell waren andere relevante Filmverbände wie ProQuote Film und die Filmakademie mit im Boot und wir hatten eine Anschubsfinanzierungszusage des BKM. Inzwischen sind auch die Sender dabei. Die breite Unterstützung, die wir bekommen, wäre ohne die metoo-Debatte nicht möglich gewesen.
 
Machtmissbrauch und sexualisierte Übergriffe werden wir vermutlich nicht aus der Welt schaffen, aber sie müssen endlich Konsequenzen für die Täter haben. Und das kann nur eine Institution wie dieses Beschwerdestelle gewährleisten. Wir arbeiten mit Hochdruck daran und hoffen, dass sie noch in diesem Jahr mit ihrer Arbeit beginnen kann.
 
Wie sieht die Struktur einer solchen Beschwerdestelle aus?
 
Inhaltlich orientieren wir uns an dem Leitfaden den die  Antidiskriminierungsstelle des Bundes für betriebliche Beschwerdestellen vorgibt. Allerdings müssen wir ihn auf unsere Strukturen übertragen, da wir in der Regel befristet beschäftigt sind und beispielsweise die Sanktionsmöglichkeiten diesem Umstand angepasst werden müssen.
 
Wer glaubt, Opfer eines Missbrauchs, eines Übergriffs oder einer Diskriminierung geworden zu sein, kann sich an die Stelle wenden und wird von Fachleuten beraten. Der Fall wird eingeordnet, weitere Schritte werden besprochen. Die Vorgänge kann man alle im Leitfaden der Antidiskriminierungsstelle nachlesen.
 
Zusätzlich soll sie einen Verhaltenskodex erarbeiten, der die Besonderheiten in unserer Branche (Casting-Situation, Umgang am Set, auf der Probe, etc.) berücksichtigt.
 
Schon jetzt gibt es übrigens auf der Homepage des BFFS die Rubrik „Unter der Gürtellinie“, auf der Betroffene ihre Fälle anonym schildern können, was uns einen Überblick ermöglicht. Je mehr Fälle geschildert werden, desto besser können wir strukturelle Missstände von Einzelfällen unterscheiden.
 
Plus 1: Welchen anderen Beruf hättest du gewählt, wenn du nicht Schauspieler geworden wärst?
 
Ich wollte mal Arzt werden. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee gewesen wäre. (lacht)