Interview 5 plus 1 Jeder hat eine Art Privileg

Peace
Peace | Foto: © colourbox

„Es geht nicht nur um Hautfarbe, Ethnizität oder Geschlecht. Wir müssen Lebensgeschichten begreifen, um die Ebenen der Ungleichheit zu verstehen“, davon ist die Forscherin Cindy Horst vom Peace Research Institute Oslo überzeugt. Julia Thurnau sprach mit ihr über kulturellen Wandel.
 
 

Was denkst du über kulturellen Wandel?
 
Mit Kultur können gemeinsame Normen und Bedeutung schaffende Praktiken
oder kulturelle Produkte und Ausdrucksformen wie Poesie, Malerei oder Film gemeint sein.
 
Ich leite mit anderen ein Zentrum für Kultur und gewalttätige Konflikte. Wir erforschen kulturelle Aspekte in der Gesellschaft, die Beziehungen von Gewalt und Unterdrückung reproduzieren. Wir suchen auch nach neuen Wegen der Zusammenarbeit zwischen Akademikern, Künstlern und Aktivisten. Wir untersuchen, wie sich Veränderungen vollziehen.
 
Für mich als Anthropologin haben Muster, die Gewalt reproduzieren, damit zu tun, dass andere nicht gesehen, das Individuum und dessen einzigartiger Beitrag zur Gemeinschaft nicht gewürdigt werden.

  Cindy Horst, Prio Foto: ©Prio
Die feministische Wissenschaft hat sich darauf konzentriert, wie Öffentlichkeit und Privatleben unterschieden werden und wie Pflegearbeit nicht wertgeschätzt, nicht in das Wirtschaftssystem eingeordnet und somit größtenteils unsichtbar wird.
Das Gleiche gilt für Unterschiede in Klasse, Ethnie und Religion. Nur bestimmte Dinge werden in der Gesellschaft wertgeschätzt. Das ist eine Form von struktureller Gewalt, die zu Widerstand führen, der wiederum zu Gewalt werden kann.
 
Wie kann der Strukturwandel am besten gefördert werden? Ist #metoo ein erster Schritt?
 

Die #metoo-Initiative ist sehr wichtig. Sie bewirkt viele konstruktive Prozesse, doch indem sie Machthierarchien und Ungleichheiten herausfordert, erzeugt sie auch Widerstand. Diejenigen, die die eigene privilegierte Position, von der aus sie sprechen, nicht begreifen, versuchen, den Initiativen die Legitimität zu entziehen.


Was sich strukturell ändern muss, ist natürlich das Rechtssystem. Was überall in der Welt immer wieder klar wird, ist, dass das Rechtssystem die Frauen nicht schützt, die an die Öffentlichkeit gehen und keine Gerechtigkeit schafft, weil es Täter sexueller Gewalt oder Ausbeutung nicht bestraft. Solange dieses Rechtssystem bestehende Stereotypen reproduziert, ist es von den Frauen zu viel verlangt, anzutreten, um Straftaten ans Licht zu bringen. Wir können keine kulturellen Veränderungen innerhalb der bestehenden Strukturen erwarten.

 Ist „Genre“ eine Box, aus der wir uns mit der Change-Welle herausdenken?

In der Wissenschaft ist unser Verständnis der Welt und des Wissens die Art von Denken, die daraus entsteht, dass wir unsere Gedanken in Worte fassen.
Doch beziehen wir zunehmend die Bildenden Künste mit ein, weil sie uns auf unterschiedliche Weise bewegen.

Als Akademikerin interessiere ich mich für alle Arten von Wissensproduktion.
Ich arbeite mit bildenden Künstlern an Filmen, Animationen und grafischen Illustrationen. Wir forschen und statt eines Artikels produzieren wir einen Cartoon. Den diskutieren wir mit den Menschen, die darin abgebildet werden. Gegebenenfalls ändern wir das Ende. Diese Co-Kreation von Wissen ist als Methode sehr interessant.

Wie stehst du zu feministischer Führung?

Meine Führung konzentriert sich darauf, zu wissen, was all die verschiedenen Menschen beitragen, welche einzigartige Expertise es dem Kollektiv ermöglicht, etwas Größeres zu bewirken als die Summe der Individuen.
Es ist nicht vorhersehbar, wohin das führt. Doch können diese Individuen ihr Leben und ihre Institutionen verändern. Ein solches Mentoring ist für mich eine Form feministischer Führung. Es unterscheidet sich sehr von einer Führungsform, die sagt: Ich habe eine Vision, stelle sicher, dass ich das Team habe, das die Aufgabe erfüllen kann und delegiere, was diese Aufgaben sind.

Bei gesellschaftlicher Transformation geht es darum, Menschen zu stimulieren, die etwas verändern wollen, sei es die De-Kolonialisierung der Akademie oder die #metoo-Kampagne.
 
Gibt es etwas, das deine Sicht auf die Welt radikal verändert hat?

Nicht ein bestimmtes Ereignis, sondern allmähliche Erkenntnis, brachte mich dazu, die vielfältigen Arten zu verstehen, in denen wir ungleich sind. Ich stamme aus der Arbeiterklasse. Es war nicht sehr offensichtlich, dass ich in der Wissenschaft enden würde, weil die ziemlich elitär ist. Deren Selbstverständlichkeit darüber, was Menschen erreichen können oder wie sie aktive Bürger sein können und sollen machte mich eine Zeitlang sehr wütend.

Wenn wir wirklich ganzheitlich denken, gibt es vielfältige Möglichkeiten, wie Menschen bevorzugt oder benachteiligt werden und über Privilegien nachzudenken. Es geht nicht nur um Hautfarbe, Ethnizität oder Geschlecht. Wir müssen Lebensgeschichten begreifen, um die Ebenen der Ungleichheit zu verstehen. Jeder hat eine Art von Privileg, und wir sollten bescheiden unser eigenes begreifen, bevor wir uns äußern.

+1: Was wärst du geworden, wenn nicht Forschungsprofessorin?

Ich würde dennoch im kreativen Bereich arbeiten, Menschen zusammenbringen, die innovative Ideen haben, die zum Handeln anregen. Ich würde coachen und Veränderungsprozesse unterstützen.
Ich denke, dass es möglich ist, die Welt zu verändern, in dem wir Menschen so sensibilisieren, dass sie etwas bewirken können.