Interview "5 plus" "Ich fühle mich auch ein wenig als Norwegerin"

Literaturhus Oslo
Literaturhus Oslo | Foto: ©Litteraturhuset/Trygve Indrelid

"Die 1920er Jahre sind generell eine Zeit, in der so viele Ideen, Themen und Utopien herumschwirren, die heute immer noch absolut relevant sind", so die Autorin Theresia Enzensberger im Interview. Ihr erster Roman "Blaupause" spielt in dieser Epoche. Am 26.4. ist sie im Litteraturhus, Oslo.

Mit welchen Wünschen reisen sie nach Oslo zum Literaturfestival „Auf dem Weg nach Frankfurt“?

Hauptsächlich freue ich mich darauf, ein bisschen mehr über die zeitgenössische norwegische Literatur zu erfahren und vielleicht auch ein paar Vertreter dieser kennenzulernen. Gutes Wetter kann man sich natürlich auch immer wünschen.
 
Ihr erster Roman „Blaupause“ ist in der spannenden Epoche des Bauhaus angesiedelt. Was fasziniert Sie besonders an dieser Zeit?

Die 1920er Jahre sind generell eine Zeit, in der so viele Ideen, Themen und Utopien herumschwirren, die heute immer noch absolut relevant sind. Im Mikrokosmos des Bauhauses geht es viel darum, wie sich Künstler und Architekten zu den gesellschaftlichen Veränderungen der Zeit verhalten soll. Das politische Potential von Architektur, die Reaktionen der Menschen auf technologische Neuerungen, die Verantwortung der Kunst, das sind alles Dinge, die mich schon immer interessiert haben.

Theresia Enzensberger Theresia Enzensberger | Foto: ©Rosanna Graf Oft ist von der Architektur eines Romans die Rede. Wie „räumlich“ haben Sie während des Schreibens von „Blaupause“ gedacht?

Ich habe Film studiert, und der szenische Aufbau des Buches ist ja auch ein bisschen filmisch, also auch räumlich. Das Buch besteht aus zwei Teilen, und innerhalb derer gibt es auch eine gewisse Symmetrie – da kann man dann vielleicht wirklich von einer räumlichen Konstruktion sprechen.
 
Was würden Sie gerne aus der Zeit der 20er Jahre, in der ihre Protagonistin Luise Schilling sich bewegt, wenn Sie es könnten, in unserer Epoche übernehmen?

Ich bin eigentlich keine Nostalgikerin, ich finde die Gegenwart ganz gut. Worum ich meine Protagonisten manchmal beneidet habe, ist diese historische Naivität, dieser offene Blick auf bestimmte Ideen, deren Problematik wir jetzt viel besser kennen. Damit einher ging wohl auch eine Aufbruchsstimmung, die mir, zumindest aus der Ferne, beneidenswert erscheint.
 
Ihr Vater hat in „Ach Europa“, einem unvergesslichen Blick von der Peripherie her auf Europa geworfen und dort auch über Norwegen geschrieben. Haben auch Sie ein spezielles Verhältnis zu Norwegen?

Meine Schwester ist Norwegerin, ich bin seit frühester Kindheit jeden Sommer dort. Mein Schwager, meine Nichte und mein Neffe sind Norweger. Zu sagen, dass ich mich dadurch auch ein wenig als Norwegerin fühle, geht vielleicht zu weit, aber ich fühle mich dem Land und der Kultur auf jeden Fall sehr verbunden.
 
Plus 1:
Welchen anderen Beruf hätten Sie gewählt, wenn Sie nicht Autorin geworden wären?  

Anwältin! Nach der Schule wusste ich: Ich will auf keinen Fall BWL, Medizin oder Jura studieren, das haben damals nur die Langweiler gemacht. Jetzt finde ich das schade. Wahrscheinlich verkläre ich da auch etwas, aber ich finde die Vorstellung, mich mit Paragraphen und Klagen auseinanderzusetzen, überhaupt nicht langweilig – hinter jedem Fall steckt ja eine Geschichte.