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Terézia Mora über Flüchtlinge
Schnee und Orangen

Schnee und Orangen
Schnee und Orangen | © Creative Commons

Es war ein aufwühlender Sommer, wir erinnern uns alle noch an die Bilder. Unter dem provisorischen Grenzzaun durchkriechende Familien. Vor dem Keleti Bahnhof in Budapest campierend. Und den Kühlwagen, der an dem Tag, an dem ich am Ende meines Urlaubs nach Deutschland zurückfuhr, nur eine Autobahnauffahrt entfernt mit 71 Leichen im Laderaum am Wegesrand stand, werde ich mein Lebtag lang nicht vergessen.

Dieses Jahr fiel der erste Schnee in Berlin am 22. November. Meine Tochter war euphorisch: „Das war ein perfekter Tag!“ Wir kauften neue Winterstiefel für sie, rot und leicht wie Federn. Die Schuhe vom letzten Winter und die warme Hose, die sie nie getragen hat, kamen zur Kleiderspende. Das tun wir jedes Jahr. Es gibt die allgemeinen Sammelstellen und die, die speziell für Flüchtlinge eingerichtet werden. Die allgemeine ist näher, ich gehe meist dorthin. Aber, natürlich, besonders in diesem Winter, da in unserem Bezirk eine Notunterkunft nach der anderen entsteht, stelle ich mir vor, dass das kleine Mädchen, das die lila Stiefel und die Hose mit den Glitzersteinen bekommt, eine von den Geflüchteten sein würde. Vielleicht hat sie am 22. November den ersten Schnee ihres Lebens gesehen. Ob sie wohl auch dachte: „Ein perfekter Tag“? Warum sollte sie es nicht gedacht haben? Der Mensch ist einer, der selbst in der bittersten Lebenslage fähig ist, Freude zu empfinden.

Ich rede über den Schnee nicht, weil ich ihm einen hohen konkreten Wert zumesse. Man kann auch ohne Schnee leben. So, wie man auch ohne Orangen leben kann. Wenn mein Urgroßvater als einzige Erinnerung an den Ersten Weltkrieg immer nur erzählte: "Da habe ich das erste und letzte Mal Orangen am Baum gesehen“, dann ging es ihm auch nicht um die konkreten Orangen. Was er in Wahrheit sagte, war: „Ich habe überlebt.“ Ich erzähle von den Orangen meinen Kinder, die nach dem Krieg geboren worden sind, die es gar nicht gäbe, hätte ich nicht überlebt. „Ich habe das erste Mal Schnee gesehen“ bedeutet: ich habe es nach Europa geschafft, ich war am Leben. Der vollständige Satz heißt vermutlich: „Ich habe den ersten Schnee in Deutschland aus dem Fenster einer Flüchtlingsunterkunft gesehen.“ Wenn es gut lief, war es in einem richtigen Heim, nicht in einer notdürftig umgerüsteten Schulturnhalle.

Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte

Das kleine Mädchen und ihre Angehörigen (damit ihr die Sachen passen, kann sie nicht älter als 7 sein) haben ihre Reise vielleicht am Anfang des Sommers angetreten. Sie haben die Balkanroute genommen und waren im August in Ungarn angekommen. Ich stamme aus Ungarn und mache jedes Jahr im August Urlaub dort, nahe der österreichischen Grenze, dort, wo bis 1989 der Grenzzaun stand und wo er heute nicht mehr steht. Heute steht er einige hundert Kilometer weiter südlich, an der serbisch-ungarischen Grenze, nicht mehr der einzige mittlerweile. Eine Pioniertat, mal wieder. Es war ein aufwühlender Sommer, wir erinnern uns alle noch an die Bilder. Unter dem provisorischen Grenzzaun durchkriechende Familien. Vor dem Keleti Bahnhof in Budapest campierend. Und den Kühlwagen, der an dem Tag, an dem ich am Ende meines Urlaubs nach Deutschland zurückfuhr, nur eine Autobahnauffahrt entfernt mit 71 Leichen im Laderaum am Wegesrand stand, werde ich mein Lebtag lang nicht vergessen. Etwa zur selben Zeit wurde ich gefragt, ob ich etwas zur „Flüchtlingssituation“ schreiben würde. Ich bat darum, es mit etwas Abstand tun zu dürfen. Wenn der Sommer vorbei und der erste Schock überwunden ist.

Die Situation ist seitdem tatsächlich etwas alltäglicher geworden, aber dieser Alltag besteht immer noch vor allem aus Erstversorgung. Deutschland ist, genau wie man es annimmt, ein gut organisiertes Land, mit mitfühlenden und pragmatischen Offiziellen und Zivilisten. Wir können das ruhig so stehen lassen, denn es gilt für die Mehrheit. Natürlich stehen auch 222 Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte in diesem Jahr mit auf der Rechnung. Aber alles in allem leben wir in einer Zeit, einer Kultur, in der eine schwierige Situation  nicht im großen Stil und wenigstens nicht von den Regierenden dafür genutzt wird, all das in den Menschen anzustacheln, was schlecht ist: die Angst, den Neid, den Geiz, den Hass. Es war nicht immer so. Jetzt ist es so. An der Schule meiner Tochter gibt es nicht erst seit diesem Sommer, sondern mittlerweile seit 3 Jahren eine sogenannte „Willkommensklasse“. Meine Tochter sagt, sie kennt niemanden, der dort hingeht. Im Gespräch mit der Schuldirektorin stellt sich heraus, dass sich die beiden Klassenräume in unmittelbarer Nachbarschaft befinden und dass außerdem zwei der Klassenkameraden meiner Tochter aus der nämlichen Willkommensklasse kommen. Dass meiner Tochter nichts davon bewusst wurde, ist als gutes Zeichen zu werten. Nicht: hier sind „wir“ und dort sind „sie“.
Die Direktorin unserer Schule ist eine pragmatische und optimistische Person. Wenn etwas nicht gut läuft, sagt sie mit leiser Ironie: „Wir können nur besser werden.“ Einerseits sei die Situation seit diesem Sommer schwieriger geworden, weil es mehr kriegstraumatisierte Kinder gibt, andererseits auch ein wenig besser, denn die syrischen, afghanischen, irakischen Kinder kommen mit einer guten Schulausbildung. Sie sind auch diejenigen, die sich auf eine weitere Schulkarriere hier einstellen können, da ihnen, anders als den Kindern vom Balkan, am wenigsten die Abschiebung nach einigen Monaten droht. Mittlerweile gelingt auch die Verabschiedung der abgeschobenen Kinder besser. Sie werden nicht mehr von einem Tag auf den anderen herausgegriffen. Sie können ihre Arbeiten, die sie hier angefertigt haben, mitnehmen.

Die Schwere, die ich in diesem Moment fühle („sie können ihre Arbeiten mitnehmen“), halten die Lehrerinnen und die anderen, die sich um die Flüchtlinge kümmern, jeden Tag aus. Sie nehmen die auf, die kommen. Den Jungen, dessen Hand an die Bauchdecke genäht ist, um eine Kriegsverletzung provisorisch zu verschließen, bevor er weiter operiert werden kann. Die Kinder, die Angst haben, wenn die Mutter wieder geht. Sie bringen ihnen bei, was sie können, und verabschieden sie wieder. Wenn es gut läuft, in eine Regelklasse an einer deutschen Schule, wenn es nicht so gut läuft, in die fortgesetzte Flucht. In einem einzigen Fall musste unsere Willkommensklasse aufgeben, weil ein Kind so tief islamistisch indoktriniert war, dass eine Grundschule nicht die Verantwortung übernehmen konnte. Was ist aus ihm geworden? Wir wissen es nicht. Wenn es gut lief, wurde er nicht einfach aufgegeben.

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Dann kommt der Krieg eben zu dir. Manchmal mit Jahrzehnten Verzögerung, wie im Falle der Masernwelle, die letztes Jahr unter wegen des Bürgerkriegs ungeimpften bosnischen Flüchtlingen ausbrach. Das war ein Schock für die wohlsituierten Impfgegner in meinem Stadtteil. Zu erfahren, dass man, nur weil man privilegiert ist, nicht grundsätzlich in einer anderen Welt lebt als der Rest der Menschheit. Dass „wir“ und „sie“ wie der Kreis im Quadrat sind und umgekehrt.

Die Kinder in unserer Klasse, die zuvor in der Willkommensklasse waren, heißen Aida und Leo. Es gibt noch einen zweiten Leo in der Klasse, der kein Geflüchteter ist. Bis ich gelernt haben werde, wer von ihnen wer ist, wird das hoffentlich schon egal geworden sein.

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