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Interview 5 plus 1
Das Schreiben ist das Eigentliche

Ferdinand von Schirach
Ferdinand von Schirach | Foto: ©KarinaHalvorsenGravdahl

"Warum entsteht Literatur? Niemand schreibt, der ganz zufrieden und glücklich in dieser Welt lebt. Weil es für den keinen Grund ergibt, neue Figuren zu erfinden", sagt der deutsche Schriftsteller Ferdinand von Schirach. Im Interview erzählt er von seiner Motivation zu schreiben. 
 

Sie haben in Oslo mit Vigdis Hjorth über Sprache und Verbrechen diskutiert. Vor gut zehn Jahren haben Sie das Schreiben zu Ihrem Beruf gemacht. Gibt Ihnen die Tätigkeit als Autor etwas, das Sie früher als Strafverteidiger eher vermisst haben?

Die großen Linien unseres Lebens verstehen wir ja immer nur in der Rückschau. Und für mich ist es im Grunde genommen so, ich habe mit 13 Jahren mein erstes Theaterstück geschrieben, übrigens ein sehr schlechtes Stück (lacht). Es war eine Adaption der drei Musketiere, aber ich hatte nur zwei Schauspieler, deswegen waren es nur zwei Musketiere.
Alle hatten mir gesagt, dass Schriftsteller an Lungenentzündungen in dunklen, engen Kellern, die feucht sind, sterben und bettelarm sind. Und das konnte ich nicht. Und weil es so viele Juristen in meiner Familie gibt, lag das Jurastudium nah. Doch dann hat es mich komischerweise nicht besonders interessiert. Bis auf Verfassungs- und Strafrecht.
Irgendwann habe ich mit dem Schreiben angefangen. Wenn ich heute zurückschaue, dann sind das Juristische und die 20 Jahre als Anwalt eher ein Zwischenschritt gewesen zum Eigentlichen. Das Schreiben ist das Eigentliche.

In ihrem neuen Buch „Kaffee und Zigaretten“ bringen Sie Biografisches mit Notizen und Erkenntnissen zusammen – ein besonders persönliches Buch. Nach welchen Prinzipien haben Sie die Kapitel inhaltlich komponiert?

Alle wirkliche Kunst ist neue Kunst, und in dem Buch schreibe ich in einer ganz neuen Form. Es ist anders aufgebaut, mehr parallel. So wie wir die Dinge wahrnehmen entspricht nicht mehr der Romanform von Theodor Fontane. Es geht um das Zusammenbringen von zwei Dingen. Wir gehen über die Straße, wir sehen etwas in einem Schaufenster, und wir denken an etwas vollkommen Anderes. Diese Art von Montage habe ich bei "Kaffee und Zigaretten" probiert.
Warum entsteht Literatur? Niemand schreibt, der ganz zufrieden und glücklich in dieser Welt lebt. Weil es für den keinen Grund gibt, neue Figuren zu erfinden. Nur wenn Sie mit irgendetwas unzufrieden sind und Sie nicht ganz in dieser Welt ruhen, erfinden Sie neue Figuren.

In einer Talkshow mit Giovanni de Lorenzo haben Sie gesagt, dass Schreiben jenseits von Wahrhaftigkeit sinnlos sei.

Das ist ganz einfach der Punkt. Sie können ja auch töpfern oder Batik-Tücher machen, in Ihrem Keller Blumenvasen anmalen oder sonst irgendwas. Und das ist in Ordnung und sei Ihnen auch erlaubt. Wenn es Ihnen Freude bereitet, dann machen Sie das. Aber wenn Sie ernsthaft schreiben, dann müssen Sie wahrhaftig sein, weil es sonst Hotelkunst ist oder Aufzugsmusik und vollkommen bedeutungslos. Nur wenn das, was Sie schreiben, vollkommen Ihrer Sicht entspricht, und wenn Sie sich dort eben nicht anlügen und nicht irgendwas tun, weil es gerade gut klingt, oder weil es einen bestimmten Effekt hat, dann bedeutet es etwas. Und auch erst in diesem Moment bedeutet es etwas für die Anderen, also für die Leute, die es lesen. Da kann man nicht täuschen.

Ihr neuestes Buch erzählt nicht zuletzt von einer gewissen Einsamkeit. Und das ist nichts Neues, sondern gilt als Kennzeichen des digitalen Zeitalters: Alle Welt vernetzt sich, doch ihre Bürger scheinen mehr und mehr, ihre emotionale Ausgeglichenheit zu verlieren. Das Glück der persönlichen Begegnung wird rarer. Wissen Sie ein Gegenmittel?

Ich kann Ihnen, außer so Zeugs, das niemand hören will, keinen Rat geben. Das, was am meisten hilft gegen diese Art von Einsamkeit, ist zu wissen, dass Andere es auch sind. Das Teuflische an der Einsamkeit ist, dass man immer glaubt, man sei der Einzige. Aber das ist nicht so.

Wenn es um Etiketten geht, um die Zuordnung von gut oder böse geht, haben Sie sich schon oft gegen das Schwarz-Weiß-Denken ausgesprochen. Deshalb würde ich Sie gerne Fragen: Warum halten Sie Zwischentöne für wichtig?

Warum es wichtig ist? Weil es menschlich ist - ganz einfach. Anders ist es einfach unsinnig. Das gibt es nur in Comics, dieses Gut und Böse. Der Pinguin zum Beispiel, das weiß man auf zehn Kilometer Entfernung, der ist der Böse.
Wir brauchen oft auch diese Urteile, um durch die Welt zu kommen, doch es ist trotzdem falsch. Das hat man als Strafverteidiger, aber ebenso als ganz normaler Mensch irgendwann begriffen. Es gibt da nur einen Unterschied, und den finde ich dann schon interessant. Der ist allerdings extrem und ganz selten. Die Rede ist von Staatsverbrechen. Die sind noch was Anderes, weil sie kalt begangen werden. 

Plus 1:
Wenn Sie nicht Jurist oder Autor geworden wären, welchen anderen Beruf hätten Sie sich auch für sich vorstellen können?

Musiker. Mein Instrument wäre das Klavier gewesen. Musik ist unmittelbar und sie wird universell verstanden.
 

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