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Literarischer Kulturaustausch
Jeden Abend Ehrengast

Der deutsch-norwegische Literaturaustausch befindet sich im Aufwind. Norwegen ist Gastland der Frankfurter Buchmesse 2019. Lesungen gehören dazu. Was macht ihren Charme aus?

Einer der stärksten Reize von Lesungen ließe sich als der „Lagerfeuer-Effekt“ bezeichnen. Zusammenzusitzen, während jemand ein Geschichte erzählt. Dabei die Veränderungen in der Stimme, der Mimik zu erleben. Ein Zögern hier, ein Aufleuchten der Augen da. Das alles verstärkt die Wirkung des Erzählens. Dazu noch die gleichzeitige Präsenz anderer Menschen, deren Reaktionen – ihr Lachen, ihr gespanntes Schweigen, ihr Applaus – auf das Erzählen zurückwirken, es anfeuern. Publikum und Erzählende werden eine Einheit, ihr Miteinander.

Wenn zuweilen nach dem Erfolg von Lesungen in den letzten Jahren gefragt wird, könnte in diesem Gefühl einer der Hauptgründe gefunden werden. In einer Welt, in sich immer mehr „vermittelt“, am Bildschirm abspielt, sind Lesungen ein Erlebnis der Unmittelbarkeit, der Präsenz.  
Wie groß das Bedürfnis nach (norwegischen) Geschichten ist, zeigte sich bei der Leipziger Buchmesse März 2019 in einer Langen Nacht der norwegischen Literatur im Haus des Buches, an der Geir Gullikson, Johan Harstad, Mona Høvring, Lars Mytting,  Anne B. Ragde teilnahmen. Fünf AutorInnen ganz unterschiedlicher Bekanntheit und Schreibweisen. Sie lockten 350 BesucherInnen ins Literaturhaus, so viele, dass die Stühle des nahegelegenen Restaurants hereingetragen wurden, um allen Gästen eine Sitzgelegenheit zu bieten.

Internationaler Kulturaustausch par excellance

Eine ähnliche Stimmenvielfalt wie bei der Langen Nacht der norwegischen Literatur gab es in Leipzig an einem zweiten Abend, der unter dem Motto: „Ein Abend der Meinungsfreiheit“ stand. Dort ging es um die Geschichte der Frauenemanzipation, um „Negative Sozialkontrolle“, Terrorismus als politisches Mittel, die Vielfalt des Publizierens und um Zensur in der Musik. In diesen Kontexten zeigte das Format der Lesung ein anderes Potential: Sie wurde zu einem Versuchslabor: des Nachdenkens, Darstellens und Sprechens über gesellschaftliche Herausforderungen. Dabei dienten die Bücher als Gesprächsauslöser. Die in ihnen aufgeworfenen Fragen, die in ihnen entwickelten Geschichten, Ausdrücke, Antworten wurden zur Diskussion gestellt.

Und mehr noch: Sie überwanden Grenzen, zeigten, dass zur Auseinandersetzung mit den Problemen der Gegenwart alle Nationen der globalisierten Welt beizutragen haben.  An diesem Abend in der „UT Connewitz“ – einem Filmpalast aus den Anfangszeiten des Kinos – begeisterte sich das Publikum an Büchern der norwegischen  AutorInnen. An den großartigen Ideen, überzeugenden Argumenten, kühnen Projekten. In Augenblicken wie diesen werden Lesungen zum Ort des Kulturaustausches par excellance. Zumal, wenn dann (wie an diesem Abend geschehen) VertreterInnen der Medien und anderer gesellschaftlicher Institutionen vertreten sind, dafür sorgen, dass die Ideen und Projekte noch weitere Verbreitung finden.
  Thomas Böhm Foto: ©privat In einem solchen Klima des Austausches und des gegenseitigen Zuhörens ist auch Platz, um über Verbrechen, Wunden und Verluste zu sprechen. So stellte Bjarte Bruland in Leipzig sein Buch „Holocaust in Norwegen“ vor, die erste wissenschaftliche Monografie über dieses Thema, in der Bruland auch zeigt, wie die deutschen und norwegischen Täter kooperierten. Und Sigurd Sørlie gab Einblick in ihr Werk „Sonnenrad und Hakenkreuz“, in dem sie das Schicksal jener 4.500 Norweger nachzeichnet, die als Freiwillige für das „Dritte Reich“ als Soldaten kämpften – größtenteils in Einheiten der Waffen-SS an der Ostfront.
Bei solchen Themen können Lesungen den Charakter von „Geschichtsstunden“ annehmen: neue wissenschaftliche Erkenntnisse werden vorgestellt, die das Bild der historischen Vorgänge vervollständigen.  Zum Nachdenken anregen. Und die Anwesenden – gemeinsam – aus der Geschichte lernen lassen.

Die Geschichte einer Kulturfreundschaft

Kehren wir am Ende dieser kleinen Übersicht über die Aspekte von Lesungen noch einmal zurück in die Lange Nacht der Norwegischen Literatur in Leipzig. Dort stellte Lars Mytting sein Buch „Die Glocke im See“ vor, das von einer Stabkirche im norwegischen Butangen handelt. Diese ist zum Zeitpunkt der Handlung – wir befinden uns im Jahr 1880 – baufällig geworden, der Pfarrer will sie abreißen und eine neue Kirche bauen lassen.
Die Kunstakademie Dresden schickt einen jungen Architekturstudenten, der dabei helfen soll, die alte Kirche zu bewahren. Der Autor erklärte dazu:
„Dass die Deutschen großes Interesse am norwegischen Kulturerbe hatten, ist belegt“, sagt Mytting. „Man darf nicht vergessen, dass es vor den Kriegen des letzten Jahrhunderts eine starke freundschaftliche Verbindung zwischen Norwegen und Deutschland gab, was sich nach dem Zweiten Weltkrieg änderte. Es ist schön, darüber schreiben zu können“.
Und genauso schön ist es, davon zu lesen und davon erzählt zu bekommen.
 
In diesem Sinne dürfen wir gespannt sein auf das norwegisch-deutsche Literaturfest in Oslo. In deren Veranstaltungen wir gemeinsam Teil der Geschichte sind.

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