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Berlinale Blogger 2019
Von mystischen und modernen Wegweisern

Die norwegische Kulturministerin Trine Skei Grande
Foto: ©norsk filminstitut

Norwegen steht bei der diesjährigen Berlinale im Fokus – und feiert dies im „Norway House“. Wichtige Themen sind dabei die Diversität, zu der auch die Sámi-Kultur gehört
 

Von Alva Gehrmann

„Bures boahtin“, sagt Anne Lajla Utsi, „das bedeutet ‚Willkommen’ auf Nordsamisch.“ Sie ist die Direktorin des International Sámi Film Institute (ISFI) in Kautokeino. „Es liegt in der Tundra Finnmarks und ich denke, wir sind wohl eines der kleinsten Filminstitute der Welt. Wir haben nur zwei Angestellte und nicht so viel Geld, dafür aber Millionen Geschichten und ebenso viel Leidenschaft.“

Utsi ist eine der Teilnehmerinnen bei der Eröffnung des „Norway House“ in Berlin. Rund 200 geladene Gästen waren am Freitag dabei, als Trine Skei Grande, die norwegische Ministerin für Kultur und Gleichberechtigung, das Haus offiziell eröffnete.   

Norwegen ist in diesem Jahr „Country in Focus“ beim European Film Market (EFM) der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Das EFM-Programm wurde 2017 ins Leben gerufen und soll die Filmindustrie sowie das Filmschaffen eines Landes umfassend vorstellen und ihm eine besondere Plattform bieten. Die Norweger nutzen diesen Moment und bauten gegenüber von der EMF-Venue gleich ihr eigenes Haus. Nun ja, eigentlich ist es ein riesiges Zelt.

Diversität und die Sami-Kultur

Es sei eine große Ehre, als erste europäische Nation das Privileg „Country in Focus“ gewährt zu bekommen, sagte die Ministerin bei ihrer Eröffnungsrede, und dass der Berlinale-Fokus den Anfang eines besonderen Jahres für Norwegen markiere, schließlich wird ihre Heimat im Oktober auch Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein.  

Anne Lajla, Direktorin des International Sámi Film Institute (ISFI) in Kautokeino Anne Lajla, Direktorin des International Sámi Film Institute (ISFI) in Kautokeino | Foto: ©International Sámi Film Institute
„Der europäische Filmmarkt ist ein Fest der Vielfalt und zeigt uns, dass Geschichten keine Grenzen haben. An kulturellen Aktivitäten wie Filme schauen oder Bücher lesen teilzunehmen sind wertvolle Erfahrungen, die unsere Perspektiven erweitern“, so Skei Grande. Bei Kunst und Kultur gehe es im Wesentlichen um Meinungsfreiheit. „Sie hat das Potenzial, uns aufzuklären, zu fordern und zu entwickeln. Die Meinungsvielfalt in Kunst, Kultur und in der Gesellschaft bringt uns als Nationen voran.“
Am ersten Tag im Norway House ging es in den Diskussionsrunden vor allem um das Thema Diversität. Und zu der gehört eben auch die Sámi-Kultur. Wenn Anne Laija Utsi auf internationalen Veranstaltungen ist, muss sie bis heute oft Aufklärungsarbeit leisten. Nur wenige wissen, dass das Heimatgebiet der indigenen Bevölkerung, Sápmi, sich über den gesamten Norden Norwegens, Schwedens, Finnlands und über Teile Russlands erstreckt und es neun verschiedene Sprachen gibt.
Für die 45-Jährige aus Kautokeino, die an diesem feierlichen Tag in Berlin ihre Gákti, die traditionelle Sámi-Kleidung, trägt, ist es wichtig, dass ihre Kultur präsent ist – und die Sámi ihre Geschichten mit ihrer eigenen Stimme erzählen können.

„Ofelaš“ von Nils Gaup war 1987 der erste Kinofilm in samischer Sprache. Er wurde unter dem Titel „Pathfinder“ ein nationaler und internationaler Erfolg und war für den Auslands-Oscar nominiert. Die Geschichte beruht auf mehreren Sámi-Legenden, die über Jahrhunderte mündlich weitergetragen wurden. Sie spielt vor rund 1000 Jahren im winterlichen Sápmi, wo ein junger Mann mit ansehen muss, wie seine Familie von einem rivalisierenden Stamm ermordet wird. Im Laufe der abenteuerlichen Handlung sucht er Hilfe bei einem Schamanen und bei befreundeten Sámi. Die Feinde sind ihm auf der Spur, doch dank seiner Kenntnisse als Fährtensucher und seines Mutes, schafft er es, Rache an den Mördern zu üben und seine Leute zu retten. Sie ernennen ihn zum neuen Ofelaš, eine Art Schamane und Anführer.

In eine andere Welt eintauchen

Utsi kann sich noch genau daran erinnern, wie sie mit 14 Jahren zur Premiere in Kautokeino ging. Der Kinosaal war voll und viele Zuschauer trugen Gákti.

„In der Anfangsszene fährt der junge Mann mit seinen Ski durch den tiefen Schnee in der Tundra. Dies war ein symbolischer Moment, denn zum ersten Mal konnten wir uns selbst auf der großen Leinwand sehen“, erzählt Utsi. „Der Filmemacher Nils Gaup ist quasi für uns durch den Schnee gelaufen und hat uns den Weg bereitet“, fügt die ISFI-Direktorin hinzu.

Zum dreißigjährigen Jubiläum wurde der Klassiker beim Tromsø International Film Festival als Stummfilm gezeigt und mit neu komponierter Musik von jungen Sámi-Künstlern unterlegt. Zur Berlinale zeigten sie nun ihre Interpretation im Kino Babylon Berlin. Die Band spielte live und Sängerin Marja Mortensson hauchte mit ihrer klaren Stimme den mystischen Melodien eine besondere Atmosphäre ein. Und so konnten die Besucher in eine andere Welt eintauchen. 

Bereits 2017 wurde auf der Berlinale der schwedische Spielfilm „Samiblod“ gezeigt und in diesem Jahr läuft mit „The Body Remembers When the World Broke Open“ eine kanadisch-norwegische Produktion. Besonders stolz ist Utsi auf eine neue Kollaboration zwischen NRK und ISFI – sie produzieren demnächst die erste Sámi-Dramaserie. Gaups Weg wird also fortgeführt beziehungsweise betreten seine jungen Kollegen neue Pfade, um ihre reichhaltige Kultur für die Zuschauer sichtbar zu machen.
 
 
 

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