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Berlinale-Blogger 2019
Der goldene Handschuh von Fatih Akin

Jonas Dassler   Sektion: Wettbewerb
Jonas Dassler Sektion: Wettbewerb | Foto: © Gordon Timpen / 2018 bombero int./Warner Bros. Ent.

„Lachen und Kotzen sitzen nebeneinander in der Kehle“, sagt Gerda, eine alternde Prostituierte zu Fritz Honka. Die beiden lernen sich in der Hamburger Kiezkneipe Zum Goldenen Handschuh kennen. Die Spelunke im St. Pauli der Siebzigerjahren ist ein Biotop skurriler Gestalten. 
 

Soldaten-Norbert, Cola-Rum-Waltraud und Tampon-Günther, der Tampons ins Schnapsglas tunkt, um sie anschließend genüsslich auszusaugen, haben hier ihr Zuhause gefunden. „Einmal hing einer zwei Tage und zwei Nächte bewegungslos auf seinem Hocker, der war schon tot, wegen des Schichtwechsels hat aber keiner was gemerkt“, sagt der Wirt im feinsten hamburgischen Platt.
 
Zu den Stammgästen zählt auch Honka, Fiete genannt. Er ist ein kleiner, gebückt laufender Mann Mitte Dreißig mit verunstaltetem Gesicht. Hier trifft er auf verwahrloste Prostituierte wie Gerda, die er mit Alkohol gefügig macht und in seine siffige Wohnung lockt. Wenn die Frauen ihm sexuell nicht gehörig sind, schlägt er sie. Manche kommen davon, andere erwürgt er, zerstückelt ihre Leichen und versteckt ihre Überreste in seinem Kabuff. In einer der ersten Szenen sägt Honka seinem Opfer den Kopf ab, während im Hintergrund der Schlager „Es geht eine Träne auf Reisen“ erklingt. Man sieht es zwar nicht, die Geräusche reichen zum Gruseln.

: Margarethe Tiesel, Jonas Dassler   Sektion: Wettbewerb : Margarethe Tiesel, Jonas Dassler Sektion: Wettbewerb | © Boris Laewen / 2018 bombero int./Warner Bros. Ent.
 
Die Geschichte basiert auf dem realen Fall eines Serienmörders, der damals vier Frauen ermordete. 2016 schrieb Heinz Strunk in seinem preisgekrönten Roman „Der Goldene Handschuh“ die Story auf; nun hat Fatih Akin sie verfilmt. Der Regisseur(*) zeigt seinen neuesten Film im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale.
 
Akin und Strunk sind beide Hamburger, und sie vereint ihre Vorliebe für das Gebrochene und Absurde. Im Roman gibt es weitere Erzählstränge, der Film konzentriert sich auf die Kneipe und die Wohnung. Und so wird der Zuschauer hineingezogen in den ewigen Kreislauf der Alkoholexzesse, der Abstürze, des Missbrauchs und der Leichenentsorgung. Zum Glück lockern wunderbar bizarre Szenen im Goldenen Handschuh das Drama auf. Im Realen lagen Jahre zwischen den Morden, im Film spielt Zeit keine Rolle. Und so macht die Handlung einen nach einer Weile ein bisschen mürbe. Vielleicht wollte Akin uns die Trostlosigkeit seiner Protagonisten spüren lassen, das Gefühl, dass es einfach immer so weitergeht – oder noch schlimmer wird.
 
Mit der Anzahl der Leichenteile steigt auch die Zahl der Wunderbäume, die den Gestank übertünchen sollen. In einer Szene wirft Honka zwei Duftbäume auf die eingewickelten Leichenteile. Es ist ein Moment, in dem Lachen und Kotzen nah beieinander liegen.
 
 

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