Bericht einer Residentin
Zeit zum Durchatmen

In einem Gedicht habe ich geschrieben, dass »ich uns einmal ein Land dichten werde, in dem nur das Beste in uns wohnt«. Und dieses Land wird sehr an Dale erinnern ...

2020 war ein Jahr, in dem alles auf den Kopf gestellt wurde. Und mittendrin in all dem sollte das Leben gelebt werden. Wir sollten zu Hause bleiben, aber weiter arbeiten. Wir sollten Abstand und nicht Hände halten. Wir sollten auf uns achtgeben, aber am besten mit mindestens 1,5 Meter Abstand.
Vielleicht war es das, was dabei half, Ruhe zu finden? Worte zu finden? Zeit zum Atmen zu finden? Jemanden zu finden, der zuhören wollte. Eine knappe Flugstunde von Oslo entfernt sowie eine halbstündige Autofahrt zwischen Bergen und Tälern hindurch fand ich es: Einen Ort, der Ruhe, Worte und Atem hatte. Einen Ort, der eine Hofanlage hat, auf der ein Haus steht, und in dem Haus gibt es Wände, die zuhören wollen.
 
«Willkommen im Jakob-Sande-Zentrum für Erzählkunst» begrüßt mich die Hauswirtin Margrete Reisæter lächelnd, was sich in meinen Ohren anhört wie «Willkommen zu Hause». Ich trage mein Gepäck hinauf in die erste Etage. Nach einer kleinen Führung weiß ich bereits, dass sich meine Worte hier wohlfühlen werden. Hier werde ich Ohren finden, die zuhören. Hier werde ich erzählen können.
 
Der Fußboden knarrt still unter meinen Füßen, als ob er kein Gespräch mit mir führen will. Als Erstes stelle ich den Schreibtisch so um, dass er vor der Verandatür stehen kann. Durch die Fensterscheibe sehe ich zu einem hoch aufragenden Berg. Es ist, als sei der Berg eines Morgens früh aufgestanden und hätte seine besten Kleider angelegt, als wüsste er, dass er sich Malern, Schriftstellern, Erzählern und Dichtern zur Schau stellen sollte, Jahr für Jahr. Und dieses besondere Jahr, 2020, sollte keine Ausnahme sein. Denn hier stand ich, eine 25-jährige Erzählerin und Dichterin, um eine Geschichte zu bekommen und eine Geschichte zu geben. Und nicht zuletzt: um eine Sprache auszuprobieren, nämlich Nynorsk.
 
Denn man kann wohl nicht, wie ich, zum Nynorsk-Haus gehören, ohne auch nur einmal eine kleine Strophe auf Nynorsk zu summen? Ich kam mit dem Wunsch nach Dale, mich selbst in der Sprache zu finden. Ich habe gehofft, dass das Herz dieses Ortes mit einem Nynorsk-Rhythmus schlägt und dass der tänzelnde Sunnfjord-Dialekt meinem Herz lernt, im gleichen Takt zu schlagen. Und Dale sollte sich nicht lange bitten lassen. Bereits am selben Abend hatte ich die erste Gelegenheit, als der Dialekt mein Gedicht zum Tanz auffordern wollte.
 
Denn vor dem Zentrum war ein Feuer entzündet. Zwei desinfizierte Mikrofone standen seitlich. Ein kleines Publikum, das an zehn mit Handschuhen bekleideten Fingern abgezählt werden konnte, war bereit zuzuhören. Ich wage zu behaupten, dass selbst die Sterne nicht im Takt mit Sigrid Høgseth Feldes Stimme an diesem Abend glitzern konnten, als sie das Weihnachtslied von Sande «Det lyser i stille grender» (Es leuchtet in stillen Gegenden) sang. Vier Strophen voller Hoffnung. Ich habe noch nie einen solchen Klang vernommen, aber ich konnte nicht anders als meine Geschichte erzählen. Ich wagte, den Platz hinter meinem eigenen Mikrofon einzunehmen und hoffte zu berühren, ohne anzurühren. Denn selbst wenn Jakob Sande meinte, dass «man die Dunkelheit nicht binden kann», konnten wir an diesem Abend vor dem Zentrum einen Lichtschimmer ans Ende dieses dunklen Jahres binden.
 
Die nachfolgenden Tage waren wohlig und angenehm. Ich schlief, bis ich erwachte, schrieb, bis ich erzählte und hörte zu, bis ich schlief. Ich sah durch die Scheibe der Verandatür hinauf zum Berg und fragte mich, ob jemals jemand auf die Idee gekommen war, dem Berg eine Dankeskarte zu schreiben. Um zu danken für die vielen Jahre, die er im Dienst stand. Was kann man sonst von einem Residenzdichter im Jakob-Sande-Zentrum erwarten?
 
In Dale lebte ich so, wie ich mir ein inspirierendes Künstlerleben vorstellen kann. Ich kostete den Milchreis vom Fjordland mit etwas zu viel Zucker. Ich führte besänftigende Gespräche mit Anders Nybø, bei denen seine Kamera heimlich mithören durfte, und die Zeit stand fast still. Ich hatte den gütigen Bürgermeister Kjetil Felde als «lydmann» (»Hörmann«) und fragte mich, ob nicht alle Bürgermeister so sein könnten wie er. Und weil ich das Glück habe, einen Chef zu haben, der mehr Mitmensch als Chef ist, war ich in bester Gesellschaft. Liv Hege Skagestad hatte nämlich mit einer fast kindlichen Begeisterung gesagt: «Dale ist ein Ort, den man erleben muss«, und endlich konnten wir das zusammen tun. Wir spazierten zur Mädchenschule der norwegischen Reformpädagogin Nikka Vonen und träumten mit offenen Augen von einer Zukunft, die mit den guten Seiten der Vergangenheit geschmückt war.
 
Und mitten in all dem Dichten und all den gemächlichen Spaziergängen kam ich sogar zu der Einsicht, dass mein neues Gedicht «Velkommen hjem» (Willkommen zu Hause) vorzugsweise auf Nynorsk war, am allerbesten im Sunnfjord-Dialekt.
In dem Gedicht sage ich «ein gong skal eg dikte eit land der berre det beste i oss bur»(einmal werde ich ein Land dichten, in dem nur das Beste in uns wohnt). Und ich wage zu behaupten, dass dieses Land sehr an Dale erinnern wird ...