Interview mit Liv Hege Skagestad
Seine künstlerische Stimme finden

Die Leiterin des Jakob Sande-Centers Liv Hege Skagestad ist überzeugt, dass durch die künstlerische Zusammenarbeit im Sande-Center viele neue Stimmen gehört und Erzählungen erschaffen werden, die der ganzen Gesellschaft zugute kommen. Webredakteurin Jutta Martha Beiner hat Ihr drei Fragen über das neu etablierte Center for Narrative Art gestellt.

Norwegen hat sein erstes Zentrum für Erzählkunst bekommen. Wie lautet die wichtigste Botschaft daraus?

Wir hoffen, dass sich das neu gegründete Zentrum auch zu einem internationalen Fachzentrum entwickelt, in dem alle Seiten der Erzählkunst beleuchtet werden. Wir möchten mit Leuten und Organisationen aus anderen Städten der Welt zusammenarbeiten, die dasselbe wollen wie wir: zuhören und erzählen. Neue und bereits etablierte Künstlerinnen und Künstler sollen zur Residenz zu uns in den Klokkargarden kommen, sich inspirieren und herausfordern lassen und sich hier zu Hause fühlen. Das Zentrum Klokkargarden soll ein Ort der Begegnung für die Besucher sein, wo wir auch Bühnenprogramme präsentieren. Jung und Alt, egal mit welchem Hintergrund, sollen ihre Stimme erheben und die Dichtungen Jakob Sandes und die besondere westnorwegische Erzählkunst erleben dürfen. Wir hoffen, dass wir gemeinsam die Stimmen und Erzählungen zu Gehör bringen können, die wir als Gesellschaft und als Individuen brauchen.
Der Klokkargarden, in dem Jakob Sande geboren wurde, liegt in Dale am Sunnfjord. Als ich an einem Dezembertag das erste Mal dort war, ging ich allein durch die weiß gestrichene Eingangstür hinaus, die Steintreppe hinunter durch das Gras voller Raureif und über mir funkelten die Sterne in der dunklen Nacht. Das Fjell, das Meer und die Kirche schimmerten im Mondschein und in der Kälte und aus den Fenstern der umliegenden weißen Häuser schien warm das Licht. Da erkannte ich, dass es hier an stillen Orten leuchtet, hier sind so stille Orte. In diesem Augenblick fühlte ich mich zurückversetzt in meine Kindheit.


Was werden die Künstlerinnen und Künstler, die dort eine Zeit verbringen dürfen, erleben und wie können sie dort arbeiten?

Liv Hege Skagestad
Liv Hege Skagestad | Foto: ©David Zadig/Jakob Sande-Senter

Bühnenkünstler, Filmschaffende, Journalistinnen und Journalisten sowie Erzählerinnen und Erzähler aller Art können zur Residenz in das Geburtshaus von Jakob Sande kommen. Es gibt gute Wohnmöglichkeiten in kultureller Umgebung mit schöner Natur, in der man Kraft schöpfen kann – auch Du bist herzlich willkommen auf unserem Klokkargarden. Die jeweiligen Residenzprogramme können wir individuell zuschneiden. Wer einfach Ruhe zum Arbeiten haben will, dem bieten wir gute Schreib- und Arbeitsplätze. Wer Räumlichkeiten für Produktionen und Bühnen benötigt, um eigene Projekte zu proben, dem stellen wir diese zur Verfügung. In der Gemeinde finden regelmäßig Veranstaltungen, Meisterkurse, Vorführungen und Festivals statt, an denen man teilnehmen kann. In der Nähe befindet sich auch das Nordische Künstlerzentrum // Nordic Artists‘ Centre, das United World Collage und andere interessante Natur- und Kulturerlebnisse, die alle einen Besuch wert sind. Jeden unserer Residenzgäste bitten wir, eine kleine Abendveranstaltung zu machen, zu der man eine Suppe serviert und ein wenig über die eigene Arbeit erzählt.
 
Wie siehst Du die Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut? Du hast ja auch beim Projekt FREIRAUM mit uns zusammengearbeitet.
Durch FREIRAUM kamen ein junger Künstler vom Osloer Kinder- und Jugendtheater »Den mangfaldige scenen« und ein Künstler aus Milano zusammen und erzählten unter der Regie von Jan Bosse ihre Geschichten auf einer Bühne. Durch FREIRAUM durften wir an Gesprächen teilnehmen und erhielten Einblicke in andere Produktionen und Gedanken. Die junge norwegische Künstlerin Camara Lundestad Joof hat ihre Zusammenarbeit mit dem deutschen Dramatiker Jan Bosse fortgesetzt und ist nun seit November Chefdramaturgin am Nationaltheater in Norwegen. Und ich könnte noch mehr solcher Geschichten erzählen.
Während des FREIRAUM-Treffens 2019 in Berlin wuchsen auch den Gedanken an ein Zentrum für Erzählkunst Flügel. Im Sommer 2019 war das Goethe-Institut dann Mitveranstalter bei einem Seminar im Klokkargarden in Dale und zusammen mit Massamba Gueye, Ana Pejovic, EV Crowe und anderen wurden die Grundlagen für das Zentrum und ein Profil für die internationale Zusammenarbeit entwickelt. Ich bin dem Goethe-Institut sehr dankbar für sein Engagement, seine kluge Unterstützung unserer gemeinsamen Arbeit, um Wissen und Freiräume aufzubauen, in denen wir uns begegnen, erzählen und schaffen können.
 

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