Interkulturelles Projekt Hallo Oper! – Kulturvermittlung heißt Partizipation

Logo Komische Oper Berlin; Foto: © normanposselt.com
Logo Komische Oper Berlin | Foto (Ausschnitt): © normanposselt.com

„Selam Opera!“ ist türkisch und heißt „Hallo Oper!“. Dahinter steckt ein interkulturelles Projekt, mit dem die Komische Oper Berlin versucht, sich neuen Publikumsgruppen zu öffnen. Ein deutsch-türkischer Kinderchor, verschiedene Workshops und die Übersetzung sämtlicher Stücke des Repertoires ins Türkische haben gezeigt, dass hier auch etwas für die kulturelle Bildung getan wird. Dem Opernhaus wurde dafür viel Beachtung geschenkt. Ein Gespräch mit Mustafa Akça, dem Projektleiter von „Selam Opera!“.

Herr Akça, warum haben Sie einen deutsch-türkischen Kinderchor ins Leben gerufen?

Begonnen hat alles damit, dass wir an einer Kinderoper gearbeitet haben, Ali Baba und die 40 Räuber. Die Idee für eine türkisch-deutsche Kinderoper kam von unserem Chefdramaturgen Ulrich Lenz. Komponiert und arrangiert wurde sie dann von dem türkischen Komponisten Taner Akyol. Bei der Arbeit daran ist uns aufgefallen, dass es in unserem 80- oder 90-köpfigen Kinderchor nicht ein Kind mit Migrationshintergrund gab. Aber wenn es schon eine türkisch-deutsche Kinderoper gibt, ist es doch eigentlich selbstverständlich, dass auch türkische Kinder dabei sind.

Wir haben dann über verschiedene Kanäle Aufrufe gestartet, zum Beispiel über den türkischen Radiosender Metropol FM. Ich bin sogar mit Flyern von Tür zu Tür gegangen und habe mit den Familien gesprochen. Am Ende haben wir 40 Kinder zusätzlich in unseren Kinderchor aufgenommen. Die Teilnahme ist übrigens kostenlos.

Den Kinderchor gab es natürlich auch schon vor dieser Aktion, aber irgendwie bekamen das nur die deutschen Eltern mit. Im Selbstverständnis der Komischen Oper waren die Türen eigentlich offen. Uns wurde dann bewusst, dass es ein Kommunikationsproblem zwischen der migrantischen Bevölkerung und dem Opernhaus gab.

Auf Augenhöhe kommunizieren

Offene Türen reichen also nicht, um ein neues Publikum zu erreichen?

Ein wichtiger Teil meines Jobs ist es zu fragen: Was können wir vermitteln, damit uns mehr Menschen besuchen und unsere Angebote wahrnehmen? Neue Projekte werden natürlich intern abgesprochen, damit sie auch zur Institution passen. Dazu gehört zum Beispiel das Projekt Operndolmuş, mit dem wir niedrigschwellige Musikvermittlung machen. Wir fahren mit Sängern, Musikern und einem Dramaturgen direkt zu den Menschen, zu ungewöhnlichen Orten und geben kleine Konzerte, manchmal sogar in Wohnzimmern.

Dolmuş bedeutet „gefüllt“ auf Türkisch – so werden die kleinen Sammeltaxen in der Türkei genannt. Die Dolmuş-Konzerte sind keine Veranstaltungen mit dem erhobenen Zeigefinger der Hochkultur. Es geht einfach darum, auf Augenhöhe mit den Menschen zu kommunizieren. Da passieren unglaubliche Dinge. Es haben schon Leute geweint, als sie bei einer solchen Gelegenheit die Habanera, die berühmte Arie aus der Oper Carmen, auf Türkisch gehört haben.

Bildung mit kulturellen Mitteln

Manche Kritiker meinen, dass Projekte zur kulturellen Bildung nur darauf abzielen, das Image der Institution aufzupolieren und so mehr Tickets zu verkaufen.

Es gibt den ökonomischen Blick, und es muss Leute an einer Oper geben, die diesen Blick haben. Aber mir selbst liegt die soziale Öffnung der Institution viel mehr am Herzen. Kulturelle Bildung, im Sinne von Teilhabe an der ortsüblichen Kultur, erhöht erst einmal die Lebensqualität jedes Einzelnen.

Bei unserem Kinderchor ist kulturelle Bildung tatsächlich auch Bildung mit kulturellen Mitteln, also mit den Mitteln der Oper. Inzwischen kommen Eltern zu mir, die mir sagen: „Herr Akça, es ist unglaublich, was mit dem Kind passiert!“ Das Kind kommt nach Hause und erzählt was über Notenschlüssel, Noten und über die Kernszenen der Opern. Es ist für mich immer toll zu sehen, wie sich nicht nur die Kinder entwickeln, sondern auch die Eltern. Das ist ein Riesenprojekt und gehört zum Rückenmark dieser Initiative. Gehört das auch zur kulturellen Bildung? Auf jeden Fall!
 

Mustafa Akça ist gebürtiger Berliner, hat nach der Schule zunächst eine Ausbildung zum Gas-Wasser-Installateur gemacht. Es folgten ein Fachhochschulstudium, der Besuch einer Schauspielschule und eine Stelle als Entertainer auf einem Kreuzfahrtschiff. Nach einer kurzen Zwischenstation beim Fernsehen arbeitete Akça acht Jahre als Quartiersmanager, bevor er zur Komischen Oper Berlin kam.