Literatur zum Ersten Weltkrieg Sigmunds Sorgen

Bücher zum Thema Erster Weltkrieg
Bücher zum Thema Erster Weltkrieg | Foto (Ausschnitt): © normanposselt.com

Der Beginn des Ersten Weltkriegs jährt sich 2014 zum 100. Mal. Wer jetzt etwas über den Großen Krieg lesen möchte, wird sich vor lauter Angeboten kaum retten können. Zu den zahlreichen Neuerscheinungen des Jubiläumsjahrs gesellen sich neu aufgelegte Standardwerke sowie Publikationen der letzten zwei Jahre.

100 Jahre Erster Weltkrieg: Ohne Mühe lässt sich ein großer Stapel lesenswerter Literatur zusammenstellen. Fortgeschrittene mit viel Zeit wenden sich den Werken des Berliner Historikers Herfried Münkler und des australischen Preußen-Spezialisten Christopher Clark zu. Die beiden herausragenden Publikationen (Der Große Krieg und Die Schlafwandler) garantieren dem Leser neue Erkenntnisse, sind aber mit ihren jeweils knapp 1.000 Seiten echte Herausforderungen. Doch es gibt auch Alternativen.

Europa zwischen Erkältungskrankheiten und hoher Diplomatie

Einen weitaus leichteren – und auch beschwingteren – Zugang zum Thema liefert das bereits 2012 erschienene Sachbuch 1913 von Florian Illies. Der Journalist und Herausgeber der Kunstzeitschrift Monopol Illies, der 2000 mit seinem Generationenporträt Generation Golf bekannt wurde, spürt in 1913 der Stimmung europäischer Geistesgrößen am Vorabend des Ersten Weltkriegs nach. Ganz privat, geradezu intim, kann der Leser miterleben, wie Franz Kafka mit seiner Schüchternheit ringt und welche Sorgen Sigmund Freud das Jahr über plagen. Rilke hat eine Grippe, und der europäische Hochadel schwankt zwischen romantischen und diplomatischen Verwicklungen. Auch Stalin und Hitler, die die Geschicke der Welt erst später prägen sollten, treten auf. Illies wahrt, bei aller Nähe, eine ironische Distanz zu seinen Protagonisten. Beinahe vergnügt, jedoch mit einer dunklen Vorahnung, wird der Leser in das Jahr des Kriegsbeginns entlassen.

Eine wissenschaftliche, jedoch ebenfalls unterhaltsame Lektüre ist August 1914 der 1989 verstorbenen amerikanischen Historikerin Barbara Tuchman. Bis ins kleinste Detail schildert Tuchman den euphorischen Eintritt der europäischen Großmächte in den Krieg. Es wird deutlich, wie akkurat der Krieg geplant war – aber auch, dass er auf militärischen und politischen Fehleinschätzungen und Irrtümern fußte. Für August 1914 erhielt die Autorin internationale Anerkennung und den Pulitzer-Preis. Tuchmans methodischer Ansatz der erzählenden Geschichtsschreibung war zwar schon beim Erscheinen der Erstauflage 1962 wenig innovativ, doch das hervorragend recherchierte und meisterhaft geschriebene Werk gilt bis heute als Klassiker.

Blicke auf den Krieg aus Wien und Kabakon

Zwischen dem Silvesterabend 1913, mit dem Illies’ Buch endet, und dem August 1914 liegen sieben Monate. Genau diesen Zeitraum hat Schöne Tage. 1914 von Gerhard Jelinek zum Gegenstand, der ähnlich wie Illies eine Art Tagebuch über die Geschehnisse vom Neujahrstag bis zum Ausbruch des Kriegs führt. Bei Jelinek liegt der Fokus jedoch stärker auf der Wiener Gesellschaft, was interessante Einblicke in die untergehende Monarchie Österreich-Ungarns ermöglicht. Lediglich der Schreibstil des hauptberuflichen Fernsehjournalisten Jelinek ist nicht so leichtfüßig wie der von Illies.

Wer sich mit dem Roman Imperium von Christian Kracht beschäftigt, kann über den Tellerrand des europäischen Festlands hinaus blicken. Kracht macht den Leser mit dem Nürnberger August Engelhardt bekannt, der in der deutschen Südsee-Kolonie Deutsch-Neuguinea ein naturverbundenes Leben führen will. Auf der Insel Kabakon, die heute zu Papua-Neuguinea gehört, lässt sich Engelhardt im Jahr 1902 nieder, ist fortan nackt und ernährt sich ausschließlich von Kokosnüssen. Auch in diese Welt bricht der Erste Weltkrieg in Gestalt einer kleinen Gruppe australischer Soldaten ein. Außenseitertum und Kolonialgeschichte prallen bei Kracht aufeinander, erzählt im Stil eines Abenteuerromans. Nicht immer ganz einfach zu lesen, aber durchaus empfehlenswert.