Future Perfect Kleidung mit gutem Gewissen

Ein Model posiert mit Mode aus der Space Between Kollektion
„Wir müssen viel Zeit für das Zuschneiden aufbringen, da jedes einzelne Stück anders ist“, erklärt Jennifer Whitty. | Photo (BY-NC-ND): Nikita Brown

Das neuseeländische Sozialunternehmen Space Between engagiert sich gegen Verschwendung und Ausbeutung in der Bekleidungsindustrie. Die erste eigene Kollektion verwandelt ausgemusterte Post-Uniformen in strahlende, neue Mode.

Jennifer Whittys Kleiderschrank ist ein Spiegel ihres abenteuerlichen, energiegeladenen Lebensstils. „Ich liebe Mode, weil sie die eigene Persönlichkeit ausdrückt. Man kann die Stücke anfassen und spürt dabei ihren eigenen Charakter, ihre Magie und ihre Kraft“, so die Modewissenschaftlerin und Designerin.

Jennifer weiß allerdings auch um die Schattenseiten der Modebranche, die diese mit anderen Verbrauchsgüterindustrien teilt. „Die Mode ist ein Spiegel unserer Zeit. Unser Bestreben nach Wachstum um jeden Preis fordert seinen Tribut und hat Auswirkungen auf unser Fühlen, unser Denken und letztlich unseren ganzen Planeten“, erklärt Jennifer, die als Dozentin am University College Of Creative Arts im neuseeländischen Wellington tätig ist.

Laut Witty kaufen wir zu viele und zu billige Kleidungsstücke. Dadurch wachsen die Müllberge, die Ressourcen des Planeten werden übernutzt, der Klimawandel wird rasant vorangetrieben und die Arbeiter ausgebeutet. Weil sie diesen Problemen entgegenwirken möchte, hat Jennifer Space Between mitbegründet: Das neue grüne Geschäftsmodell für Mode will mit der Methode des Design Thinking Wege identifizieren, wie sich die Bekleidungsindustrie zum Besseren hin verändern lässt.

Space Between wird von Mitarbeitern, Studierenden und Absolventen der Massey University geführt und hat sich zum Ziel gesetzt, aus Altkleidern und anderen überschüssigen Materialien neue Kleidungsstücke zu erschaffen. Das Unternehmen setzt sich außerdem dafür ein, dass in der Modeproduktion kein Müll mehr anfällt, und möchte Denkanstöße für die Modewelt der Zukunft liefern.


Neues Leben für alte Kleidung

Ein Standbein von Space Between ist die Fundamentals Range, eine Produktlinie von Upcycling-Bekleidung: Kleidungsstücken, die aus getragenen oder ausgemusterten Stoffen hergestellt werden. Die neun Teile der ersten Fundamentals-Kollektion setzen auf modernste Design-Techniken und sind so angelegt, dass sie vielfältige Tragemöglichkeiten erlauben. So sind sie flexibel einsetzbar, was eine lange Lebensdauer sicherstellen soll.

Im Jahr 2012 hat die neuseeländische Post festgestellt, dass in ihrem Lager bis zu 9.000 gut erhaltene Uniformen darauf warteten, zu Lappen zerschnitten oder geschreddert zu werden. Gemeinsam mit der Uniformherstellungsfirma Booker Spalding trat die Post daraufhin an Jennifer und ihre Kollegin, die Wissenschaftlerin Holly McQuillan, heran und gab bei ihnen eine Pilotstudie in Auftrag. Sie sollten herausfinden, ob es nicht auch möglich wäre, die Uniformen auf nachhaltige Weise zu entsorgen.

Jennifer und Holly entwickelten daraufhin eine Reihe von Upcycling-Konzepten und Techniken, um aus nicht mehr benötigten Kleidungsstücken tragbare Mode für jeden Tag zu machen. Die Stücke der ersten Kollektion von Fundamentals wurden in Zusammenarbeit mit Earthlink produziert. Bei dem lokalen Textilhersteller arbeiten Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt sonst Schwierigkeiten haben, etwa Personen mit psychischen Erkrankungen oder Drogen- oder Alkoholproblemen.

Zu den Hinguckern der Kollektion gehören ein „zusammengespleißtes“ Pullikleid, ein am Rücken zusammengenähter Cardigan und stylische rot-gelbe Leggings aus Merinowolle. Die Kollektion ist ungewöhnlich und originell, und doch ist jedes einzelne Stück aus alten neuseeländischen Postbeamten-Uniformen entstanden.

Neue Mode aus existierenden Kleidungsstücken herzustellen und nicht wie üblich aus Stoffrollen – laut Jennifer eine echte technische Herausforderung: „Es herrscht der Irrglaube, dass Recycling-Mode günstiger sein sollte als neue. Dabei müssen wir viel mehr Zeit für das Zuschneiden aufbringen, da jedes einzelne Stück anders ist.“

Jennifer hofft nun, dass Space Between den Sprung schafft von der Umarbeitung bereits existierender Stücke zur Produktion auf Bestellung – die Kundin soll in Zukunft auf der Webseite des Unternehmens vorbestellen können, was dann speziell für sie angefertigt wird.

Als soziales Unternehmen, das von der Designfakultät der Massey University geführt wird, verkauft Space Between seine Produkte in Pop-Up-Shows und über seine Webseite. Die Organisation der Shows sowie die Bestellungsabwicklung übernehmen die Mitarbeiter, Studierenden und Absolventen der Universität.

Nachdem Space Between ein einmaliges Startkapital von der Universität erhalten hat, um die Webseite zu entwickeln, wählt man nun den Weg des Crowdfunding, um einen Designer finanzieren, der zum Unternehmenswachstum beitragen soll.

Die Welt der Zero-Waste-Kleidung

„Die Bekleidungsindustrie befindet sich auf Platz Zwei der am meisten die Umwelt belastenden Industriezweige”, erklärt Jennifer. „Wir möchten Alternativen zu Kleidung finden, die in Massenproduktion hergestellt wird und ein hohes Müllaufkommen erzeugt, und ethische Geschäftsmodelle für Designer entwickeln. Kurz, es geht ums gute Gewissen beim Thema Kleidung.“

Der Grundstein für Jennifers persönliches Interesse an nachhaltiger Mode wurde in ihrer Kindheit gelegt, denn sie war sehr tierlieb. „Ich war schon als kleines Kind verrückt nach Tieren und wurde mit vier oder fünf Jahren Vegetarierin“, erinnert sie sich. „Vegetarisch zu leben war für mich der Auslöser, mich für die bestehenden Systeme und die damit zusammenhängende kognitive Dissonanz zu interessieren – die Art und Weise, in der bestimmte Dinge einfach vor uns verborgen werden, egal, ob das die Aufzucht von Nutztieren ist oder die Verhältnisse in der Bekleidungsindustrie.“

Space Between produziert nicht nur Upcycling-Kleidung, sondern betreibt auch ein Fashion Lab, in dem man nach Wegen sucht, Kleidung gänzlich ohne Müllaufkommen zu erschaffen, und verschiedenste Modelle für die Mode der Zukunft entwickelt.

Das Fashion Lab möchte sich mit Veranstaltungen, Filmen, Forschungs- und Bildungsangeboten zu den Produkten, Dienstleistungen und Systemen der Bekleidungsindustrie äußern. Hinterfragt wird dabei nicht nur die Art und Weise, wie Kleidungsstücke derzeit hergestellt werden, sondern auch unsere Nutzungsgewohnheiten. Ein Space-Between-Projekt ist etwa der Wardrobe Hack, eine Einladung, sich dem eigenen Kleiderschrank gegenüber als Hacker zu verhalten. Designer unterstützen die Aktion mit Hinweisen, wie man seine vorhandene Garderobe wiederbeleben kann, anstatt Neues zu kaufen.

„Wir müssen uns fragen, warum die Leute so viele Kleidungsstücke wegwerfen oder die Sachen, die sie kaufen, gar nicht tragen. Mode schürt sehr stark die Ängste der Menschen; die Modeindustrie verbreitet die Vorstellung, dass nur diejenige die eigene Persönlichkeit durch die Kleidung ausdrücken kann, die auch den neuesten Trends folgt“, so Jennifer. „Genau da müssen die Modedesigner ansetzen. Wir sollten nicht einfach schnelle Mode produzieren, sondern lieber mit wachem Verstand den Menschen dabei helfen, sich in der Kleidung, die sie bereits besitzen, wohlzufühlen.“

Mode mit Verantwortung

Das erklärte Ziel von Space Between ist es, so Jennifer weiter, eine Art Knotenpunkt für die Modewelt zu werden, in der Design, Forschung und Produktion unter Berücksichtigung von Richtlinien zur fairen Bezahlung von Arbeit sowie ethischen Praktiken vereint werden. Als nächsten Schritt könnte man sich dann mit ähnlich ausgerichteten Netzwerken in anderen Städten und Ländern verbinden.

Die Energie, die Jennifer in das Projekt Space Between investiert, rührt aus ihrer Überzeugung, dass es immer mehr Menschen gibt, die wie sie nicht die Augen vor den Zuständen in der Konsumgüterindustrie verschließen wollen.

„Konsumenten kriegen ja die wahren Geschichten hinter den gekauften Gegenständen nicht zu hören“, erklärt sie. „Wir wollen die Kraft der Mode wieder auferstehen lassen und dafür sorgen, dass die Verantwortung in der Mode wieder Einzug erhält.“