Kalendergeschichten
Dezember

Catherine Chidgey: The Wish Child

Buchtitel © Victoria University Press „Wo ist denn der Feind?“, fragt sich die sechsjährige Sieglinde Heilmann, während sie sich in dem vorbildlich angelegten Straßensystem ihres Viertels in Berlin umschaut. Der Führer hat Polen den Krieg erklärt, aber in der Stadt ist alles wie immer. Man sieht weder Soldaten noch Flugzeuge in der Hauptstadt. Dafür gibt es neue Regeln. Jeder Haushalt befolgt die Regeln für den Ernstfall und stapelt Sandsäcke vor den Kellertüren.

Als später die Bomben fallen, werden sogar die Konversationsregeln verschärft: Im Bunker herrscht Redeverbot, um keinen Sauerstoff zu verschwenden. Die Sprache wurde also eine ganze Zeit lang reguliert und rationiert. In der Schule lernt Sieglinde, Gutes, Anständiges und Deutsches von dem als mangelhaft gewerteten Rest zu trennen. Wie Millionen andere auch soll sie durch die Zensurbehörde, in der auch ihr Vater arbeitet, vor schädlicher Sprache bewahrt werden. Manchmal findet Sieglinde vermeintlich unangemessene Texte, die ihr Vater aus Dokumenten ausgeschnitten hat. Diese Schnipsel, auf denen sich Wörter wie besiegen, Mitleid, Sorgen, Versailles oder vergeben befinden, bewahrt sie in einer Dose auf.
 
Auch Erich Kröning beschäftigt sich viel mit verbotener Sprache. Er ist ein Einzelkind und lebt mit seiner Mutter auf einem Bauernhof. Insgeheim grüßt er die ausländischen Arbeiter immer auf Polnisch, auch wenn diese Sprache seiner guten deutschen Herkunft nicht würdig ist. Manchmal scheint es, als erlebe nicht er selbst die Geschichten, sondern ein anderer Junge an einem anderen Ort.

Seine Mutter sorgt dafür, dass Erichs Erinnerungen mit der vorgegeben offiziellen Version übereinstimmen und kontrolliert die Briefe, die er seinem Vater an die Front schreibt. Während des gesamten Kriegs betet sie eine Bronzebüste des Führers an; am Ende ist es jedoch Erich, der Hitler treu bleibt und sich nach Berlin aufmacht, um gegen die einmarschierenden Truppen zu kämpfen. Dort trifft der 10-jährige Junge auf Sieglinde, womit die beiden Handlungsstränge des Romans auf wunderbar geschickte Weise zusammenlaufen.  
 
The Wish Child setzt raffiniert historische Details ein, um das verzerrte Weltbild Hitler-Deutschlands aus der Perspektive zweier Kinder zu zeigen, die ihrem Führer bestmöglich dienen wollen. Alltagsgegenstände wie Erichs wertvolle Sammlung von Zigarettenkarten mit dem Abbild des Führers, Sieglindes Leitfaden vom Bund Deutscher Mädel oder diverse Propagandaposter verdeutlichen dabei die innere und äußere Wirklichkeit einer Jugend unter Hitler.
 
In der vielschichtigen Erzählung finden sich viele Beispiele für Ausgrenzung und Unterdrückung. Durch die Zensur von Gedanken entstehen oftmals Lücken auf den Seiten. Erzählt wird die Geschichte von einer Figur, deren traurige Existenz ganz langsam erhellt wird. Am Ende greift der Roman gleichzeitig vergangene und zukünftige Ereignisse auf und der Leser erfährt nicht nur, wie die Geschichte von Sieglinde und Erich endet, sondern auch, wer sich hinter dem bislang unbekannten Erzähler verbirgt.  
 
Victoria University Press, 2016, 384 ff.

Über die Autorin

Catherine Chidgey, Portrait, Frau mit langen Haaren, blaues Kleid Photo: Fiona Pardington Catherine Chidgey ist für ihre Romane bereits vielmals ausgezeichnet worden, u.a. mit dem Best First Book Preis bei den New Zealand Book Awards, und stand mehrfach auf der Auswahlliste für den Orange Prize. Ihr Roman In A Fishbone Church brachte ihr international Anerkennung, danach erschienen Golden Deeds, The Transformation und zuletzt The Wish Child. Sie hat Kreatives Schreiben, Psychologie und Deutsch an der Victoria University studiert und schreibt hier über die Bedeutung von Fremdsprachen. Zu dem Roman The Wish Child wurde sie bereits während ihrer Studienzeit inspiriert, als sie diverse Begegnungen mit der deutschen Geschichte hatte. Sie lebt in Ngāruawāhia in der Regaion Waikato in Neuseeland.

Bücherregal

In Deutschland gibt es schon am 6. Dezember einen Vorgeschmack auf Weihnachten, wenn der Nikolaus dort den Kindern Süßigkeiten, Nüsse und Plätzchen bringt. Weihnachten wird traditionell am 24. Dezember gefeiert, und dann gibt es auch Geschenke, die viele Kinder und manche Erwachsene vorher sorgsam auf einem Wunschzettel notiert haben. Hier ein paar Vorschläge, was sich auf einer solchen Liste gut machen würde …
 
Buchtitel © Moritz Verlag Tickle My Ears/Nur noch kurz die Ohren kraulen
von Jörg Mühle
Übersetzung ins Englische: Catherine Chidgey
Moritz Verlag, 2015


Das Kaninchen muss ins Bett. Kannst du ihm dabei helfen? Dieses lustige Bilderbuch ist genau das Richtige für kleine Mümmler, die sich gerne noch die Ohren kraulen lassen, bevor die Gute-Nacht-Geschichte losgeht.
 
 
Buchtitel © Hanser Verlag The King And The Sea/Der König und das Meer
von Heinz Janisch mit Illustrationen von Wolf Erlbruch
Übersetzung ins Englische
: Sally-Ann Spencer
Hanser Verlag, 2015


Kleine Geschichten über einen König, der um die Welt reist und dabei mehr lernt, als er eigentlich dachte. Die Begegnungen des plumpen Monarchen mit verschiedenen Dingen – einer Trompete, dem Regen, einem Hund und natürlich dem Meer – sind auf doppelseitigen Kollagen wunderschön illustriert.
 
Buchtitel © Dressler Verlag The Parent Trap/Das doppelte Lottchen
von Erich Kästner mit Illustrationen von Isabel Kreitz
Übersetzung in Englische: Anthea Bell
Dressler Verlag, 2016


Luise wohnt in Wien und hat lange geringelte Locken. Lotte kommt aus München und trägt eng geflochtene Zöpfe. Ansonsten sind die beiden jedoch absolut identisch. Als sie sich im Sommerferienlager zufällig begegnen, beschließen sie, die Plätze zu tauschen: Luise fährt als Lotte nach München und Lotte als Luise nach Wien … Neuausgabe des Kinderklassikers, illustriert von Isabel Kreitz, einer der erfolgreichsten deutschen Comic-Zeichnerinnen.
 
Buchtitel © Dressler Verlag Reckless: Das goldene Garn
von Cornelia Funke
Übersetzung ins Englische: Oliver Latsch
Dressler Verlag 2015


Angst, Eifersucht, Verlangen: Das sind die Zutaten für den dritten Band von Cornelia Funkes spannender Fantasy-Reihe über die Reise der Reckless-Brüder durch die Spiegelwelt.  
 
 
 
Text: Sally-Ann Spencer
Übersetzung: Sabine Bode
Copyright: Goethe-Institut New Zealand 2016