Kalendergeschichten
Mai

Jenny Erpenbeck,  eine Frau mit kurzen blonden Haaren und vollen Lippen © Katharina Behling

Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend


Buchcover Aller Tage Abend © Random House Germany Ein junges Mädchen stirbt in ihrer Krippe in einem kleinen ost-europäischen Dorf in der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert. Ihre Mutter ist von Trauer überwältigt; ihr Vater versucht dieser Trauer zu entkommen, indem er mit dem Ziel Amerika, an unbekannten Landschaften entlangfahrend, in See sticht.

Die Geschichte einer Familie ist Vergangenheit – es sei denn, das Kind überlebt. Was wäre, wenn seine Mutter es retten könnte? Vielleicht würden Mutter und Vater zusammen bleiben, ein weiteres Kind zeugen und nach Wien ziehen. Dort würden sie zusammen den Kampf gegen die Hungersnot im Ersten Weltkrieg antreten. Vielleicht würde das Kind – nun schon eine eigensinnige Jugendliche – sich unsterblich verlieben und ihrem Leben aufgrund eines Selbstmordpaktes mit ihrem Geliebten ein Ende setzen.

Oder vielleicht würde das Mädchen einen anderen Weg einschlagen und gar nicht erst auf den jungen Mann mit der fatalen Pistole treffen. Dann würde sie am nächsten Morgen wieder erwachen und ihr Tod wäre abermals verschoben worden. Vielleicht würde sie dann der Kommunistischen Partei beitreten und daraufhin im Zuge einer stalinistischen Säuberung verenden, oder sie würde eine Treppe in Ost-Berlin herunterfallen und in einem Pflegeheim im wiedervereinigten Deutschland sterben.

Jenny Erpenbeck’s „Aller Tage Abend“ verfolgt viele mögliche Lebenswege einer Frau, sodass zum Schluss der Erzählung das Mädchen, was auf der ersten Seite verstarb nun zu einer neunzigjährigen Frau mit eigenen Enkelkindern herangewachsen ist. Das ständige Umstrukturieren der Narration ist zugleich spielerisch und ernst. Zwar gibt es viele verschiedene Möglichkeiten für den Verlauf des Lebens des Mädchens, doch endet jeder in ihrem Tod. Derweil wird Geschichte mit oder ohne sie weitergeschrieben: „Sie weiß schon sehr lange, was ihre Tochter von heute auf morgen lernen wird: Am Ende eines Tages, an dem gestorben wurde, ist längst nicht aller Tage Abend.“

Dieses Buch kann mit der Behandlung von neunzig Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts aus unterschiedlichen Perspektiven beschrieben werden: als Beobachtung einer persönlichen Tragödie, als indirekte geschichtliche Chronik, als Untersuchung universeller Themen und schließlich als ein Meisterwerk der Erzählung.

Knaus Verlag Random House Germany, 2012, 288 Seiten.
 

Über die Autorin


Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Ost-Berlin geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Buchbinderin besuchte sie Theatervorlesungen an der Humboldt Universität und entschied sich für ein Oper und Regie/ Musiktheater-Studium an der Hanns Eisler Akademie für Musik. Seitdem hat sie bei Musik- und Opernproduktionen in Graz und Berlin mitgearbeitet. Ihre bisherigen Werke beinhalten „Geschichten vom alten Kind“ und „Heimsuchungen“. Ihr jüngster Roman „Gehen, ging, gegangen“ wird nächstes Jahr auf Englisch erscheinen.
 

Über die Übersetzerin


Susan Bernofsky lebt in New York und arbeitet  als Übersetzerin, sowie als Dozentin an der Universität. Sie hat schon Werke von Robert Walser, Yoko Tawada, Hermann Hesse und Dichterin Uljana Wolf übersetzt. Zusammen mit Jenny Erpenbeck wurde ihr der Independent Foreign Fiction Preis  für die Englische Übersetzung von „Aller Tage Abend“ verliehen. Susan Bernofsky führt auch einen Blog zum Thema Übersetzung.

Bücherregal

 

Diesen Monat ist das Thema unserer Auswahl Konterfaktizität. Simon Urbans „Plan D“ ist ein Thriller, der im Ost-Berlin der 2010er spielt, indem die Mauer noch steht. Urbans Roman beschäftigt sich also mit alternativen Verläufen der Geschichte, wohingegen Juli Zehs  „Schilf“ alternative Welten erkundet, die Quanten-Physik mit einer Detektivgeschichte, in der ein Kind auf mysteriöse Weise verschwindet, zusammenführt.


Buchcover Urban Plan D © Random House Germany Plan D
Simon Urban
Schöffling & Co., 2011


Detektiv Wegener arbeitet für die Ost-Deutsche Polizei in einer alternativen Realität, in der die Wiedervereinigung niemals stattgefunden hat. Durch den Auftrag, die Todesumstände eines ermordeten Mannes im Wald zu ermitteln, stößt er auf Hinweise, die ihn zu einer terroristischen Widerstandsorganisation führen. Eine politische Verschwörung zur Neuordnung beider deutschen Staaten, die einer neuen Vision für Deutschland entspricht, wird aufgedeckt. Die Verschwörungstheorie nennt sich Plan D.

Buchcover Schilf © Random House Germany Schilf
Juli Zeh
Schöffling & Co, 2007


Ein Kind wird entführt, Patienten sterben im Krankenhaus und ein Mann wird ermordet. Ein metaphysischer Krimnalroman, in dem nichts zu sein scheint, was es vorgibt – oder doch? Die Antwort liegt in dem Streit zweier Physiker über die Eigenschaften von Realität und die Kraft von Freundschaft.




Text: Sally Ann Spencer
Übersetzung: Goethe-Institut New Zealand
Copyright: Goethe-Institut New Zealand, 2016