Kalendergeschichten
November

Gregor Hens: Nikotin


Buchtitel © Fischer Verlag Als Gregor Hens fünf oder sechs Jahre alt war, durfte er zum ersten Mal bei der Neujahrsparty seiner Eltern die Feuerwerkskörper anzünden. Seine Mutter reichte ihm eine glühende Zigarette, und damit zündete er die erste Rakete an. Um die nächste ebenfalls anzuzünden, musste er einen Zug von der Zigarette nehmen. Das war der Beginn einer jahrzehntelangen Liebe zum Nikotin, von der er in diesem Buch erzählt.
 
In Nikotin verbindet Hens seine persönlichen Überlegungen mit allgemeinen Beobachtungen zur Rolle des Rauchens und reflektiert dabei das Thema Sucht sowie das Ausmaß unserer Fähigkeiten, Änderungen zuzulassen. Es ist eine Art meditative Betrachtung des Rauchens und gleichzeitig ein psychologischer Test.

Zu Beginn des Buches ist Hens seit sieben Monaten Nichtraucher und hat Zigaretten aus seiner Umgebung und aus seinem Kopf komplett verbannt. Dann beschäftigt er sich detailliert mit dem Objekt seiner Begierde: Er öffnet eine Packung Benson & Hedges, untersucht das Material, vergleicht die chemische Zusammensetzung verschiedener Marken und setzt sich mit Autoren auseinander, die sich bereits mit dem Thema Rauchen befasst haben.

Außerdem lässt er seine persönlichen Erinnerungen an das Rauchen Revue passieren und analysiert die Tätigkeit des Zigarettenanzündens bzw. die Art und Weise, wie sich der damit verbundene Symbolismus gewandelt hat. Gepaart mit den gezeigten Schwarz-Weiß-Fotografien fordern seine Betrachtungen den Leser dazu auf, seine Gewohnheiten, inneren Bilder und Denkmuster gründlich zu überdenken.
 
Heute ist sich jeder über die gesundheitlichen Risiken des Rauchens bewusst. Hens reist jedoch in die Vergangenheit zurück, in eine Zeit, als seine Eltern auf langen Autofahrten mit ihren drei Söhnen an Bord noch eine Zigarette nach der anderen rauchten.

Er erzählt von den vergilbten Tapeten in seinem Elternhaus und erinnert sich an eine Tante, deren Rente eine Monatsration Tabak beinhaltete. Das Überraschende daran: Er bedauert nichts und beschuldigt niemanden. Für Hens ist das Rauchen untrennbar mit den Ereignissen seines Lebens und der Struktur seiner Psyche verbunden.
 
Indem er verschiedene Theorien zum Thema Sucht erkundet und die Langzeiteffekte von Nikotin auf das Gehirn darstellt, veranschaulicht er die Persönlichkeit eines Rauchers und fragt: Wo sind die biologischen Grenzen unserer Kraft und in welchem Ausmaß kann man zwanghaftes Verlangen in eine andere Richtung leiten?
 
Am Ende des Buches sind zwei Jahre vergangen, seitdem Hens die letzte Zigarette geraucht hat. Das Werk ist jedoch durchdrungen von seinem Versprechen, eines Tages wieder rückfällig zu werden. Für Menschen, die dem Nikotin abgeschworen haben, ist dies wohl nicht das richtige Buch. Hens freimütige Betrachtung seiner persönlichen Obsession ist dennoch eine eindrucksvolle Studie der Faszination Nikotin, die sich sogar Nichtrauchern nachvollziehbar darstellt.
 
Fischer Verlag, 2011, S. 192 ff.

Über den Autor

Gregor Hens wurde 1965 geboren und ist in Köln aufgewachsen. Vor seiner autobiografischen Betrachtung des Rauchens Nikotin hat er bereits vier Romane geschrieben. Hens übersetzt auch Literatur aus dem Englischen ins Deutsche. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen David Ballantynes Sydney Bridge Upside Down, Kurt Vonneguts Schlachthof Fünf  und Will Selfs Shark.
 
Jen Calleja ist Autorin, Übersetzerin und Musikerin sowie Herausgeberin des englisch-deutschen Literaturmagazins Verfremdungseffekt. Momentan übersetzt sie Kerstin Hensels Tanz am Kanal (Dance By The Canal), das im Verlag Peirene Press erscheinen wird. In einem Interview mit dem Goethe-Institut berichtet sie von ihren Erfahrungen beim Übersetzen von Nikotin.

Bücherregal

Die Verbindung von Literatur und dem Genuss psychoaktiver Substanzen ist bereits aus vielen verschiedenen Perspektiven erforscht worden.
 
Eine neue Studie von Richard Millington von der Victoria University mit dem Titel Snow From Broken Eyes untersucht, in wieweit Kokain das Leben und Arbeiten dreier führender deutscher Dichter des frühen 20. Jahrhunderts beeinflusst hat: Gottfried Benn, Walter Rheiner und Georg Trakl.

Kokain wurde zur Zeit des Ersten Weltkriegs oft als Medikament verabreicht, und von allen drei Autoren weiß man, dass sie dieses Mittel konsumiert haben. Millington begibt sich in diesen drei Künstlerbiografien auf Spurensuche und beleuchtet die verschiedenen ästhetischen Ansätze, mit denen die genannten Autoren Sucht und Rausch beschreiben.

Am offenkundigsten sind die Verweise auf Drogenkonsum in den Gedichten von Gottfried Benn. Wer sich für dessen Werk interessiert, findet unter dem Titel Impromptus eine Auswahl seines Spätwerks in zweisprachiger Ausgabe, aufbereitet und übersetzt von Michael Hofmann.
 
Buchtitel © Peter Lang Verlag Snow From Broken Eyes: Cocaine In The Lives And Works Of Three Expressionist Poets („Schnee aus getrübtem Blick: Kokain im Leben und in den Arbeiten dreier expressionistischer Dichter“)
Richard Millington
Peter Lang, 2011

 







Buchtitel © Faber & Faber, 2014 Impromptus
Gottfried Benn
Übersetzung ins Englische: Michael Hofmann
Faber & Faber, 2014

 











Text: Sally-Ann Spencer
Übersetzung: Sabine Bode
Copyright: Coethe-Institut, 2016