Kalendergeschichten
Oktober

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Arno Geiger
THE OLD KING IN HIS EXILE / DER ALTE KÖNIG IN SEINEM EXIL
Übersetzung ins Englische: Stefan Tobler

Wie findet man nach Hause, wenn einem auf dem Weg so gar nichts bekannt vorkommt? Arno Geigers Vater August erkennt nicht einmal mehr das Haus, das er selbst auf dem Grundstück seiner Eltern gebaut hatte. Er redet mit seinen erwachsenen Kindern, als seien diese nur freundliche Fremde und verläuft sich in dem Dorf, in dem er seit 80 Jahren lebt.
 
Buchtitel © Hanser Verlag Der alte König in seinem Exil ist ein persönlicher Erfahrungsbericht zum Thema Demenz und Erinnerungsverlust. Zu Beginn seines Buches erzählt Arno Geiger, wie er und seine Geschwister die ersten Anzeichen der Erkrankung ihres Vaters zunächst als Faulheit oder Apathie fehlgedeutet hatten. Sie hielten ihn für träge und zwangen ihn regelrecht, doch lieber im Garten zu arbeiten, statt den ganzen Tag vor dem Fernseher zu sitzen. Im Nachhinein tut Geiger dieses Verhalten leid: „Wir haben den Menschen ausgeschimpft, dabei war doch die Krankheit schuld.“ Für die Familie bedeutete die Diagnose Alzheimer eine lang ersehnte Erklärung. Für den Vater allerdings bedeutete die Krankheit ein Leben in einer Welt, die einfach keinen Sinn mehr machte.
 
Arno Geiger spielt die Schrecken, die eine Demenz mit sich bringt, nicht herunter. Er beschreibt, wie panisch sein Vater und wie hilflos er selbst reagiert, als beide merken, dass er mit den einfachsten Alltagstätigkeiten nicht mehr zurechtkommt. Manchmal wird der Vater sogar extrem aggressiv: Nach einem Streit mit einem Pfleger schließt er sich im Badezimmer ein und „bewaffnet“ sich mit einer Bürste. Später schämt er sich dafür und entschuldigt sich, aber der Pfleger kündigt trotzdem.

Als Erklärungsversuch für den erregten Zustand seines Vaters vergleicht er die Demenz mit ständiger Obdachlosigkeit bzw. einem selbst gewählten Exil, in dem sogar das eigene Wohnumfeld verwirrend und merkwürdig anmutet. Nach einer Weile beschließt die Familie, den Vater nicht mehr mit einer fremden und beängstigenden Realität zu konfrontieren, sondern stattdessen bewusst mit seinem lückenhaften Gedächtnis zu arbeiten. Statt etwa darauf zu beharren, dass man doch bereits in seinem Haus angekommen ist, bieten sie an, ihn nachher noch nachhause zu fahren. Und wenn er sich sorgt, weil er glaubt, dass seine Mutter schon auf ihn wartet, versichern sie ihm, dass diese weiß, wo er ist.
 
Es gibt durchaus auch glückliche Momente. Wenn der Vater entspannt ist, kann er auch sehr höflich und fröhlich sein. Dieses freundschaftliche Miteinander von Vater und Sohn beschreibt Geiger mit viel Wärme und Humor. Erst zu diesem späten Zeitpunkt gelingt es ihm, seinen Vater besser zu verstehen, und anhand alter Fotos und Familiengeschichten rekonstruiert er dessen Leben: die Kindheit auf dem Bauernhof in den österreichischen Alpen, die Einberufung zum Wehrdienst noch zu Schulzeiten, die schrecklichen Erlebnisse in einem Krankenhaus für Kriegsgefangene und schließlich die Rückkehr ins Dorf. Auf den letzten Seiten finden sich dann kürzere Episoden: Auszüge aus Gesprächen zwischen den beiden Männern, scharfzüngige Kommentare, mit denen der Vater seinen Sohn überrascht und Gedanken über das Entstehen neuer Erinnerungen mit einem Vater, der diese nicht behalten kann. Mit Der alte König in seinem Exil ist Arno Geiger ein sehr einfühlsames und tief bewegendes Buch gelungen.
 
Hanser Verlag, 2011, S. 192 ff.

Über den Autor

Arno Geiger wuchs in den österreichischen Alpen auf. Seine Großeltern waren dort Bauern, und auch sein Vater stammt aus dem gleichen Dorf und heiratete eine Lehrerin der dortigen Dorfschule. Geiger hat Literaturwissenschaft studiert und 1997 seinen ersten Roman veröffentlicht. Im Oktober 2005 erhielt er den Deutschen Buchpreis für Es geht uns gut, eine Geschichte über drei Generationen einer Familie im Wien des 20. Jahrhunderts. Die autobiografische Erzählung Der alte König in seinem Exil erschien 2011 in Deutschland. Von seinen Erfahrungen beim Schreiben dieses Buchs berichtet er hier.

Bücherregal

In den vergangenen hundert Jahren gab es einen regelrechten Boom bei Erzählungen zum Thema Krankheiten, nicht zuletzt aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung und neuen Möglichkeiten der Behandlung und Genesung.

Die Freie Universität Berlin hat unter dem Titel PATHO / GRAPHICS sogar ein pathografisches Forschungszentrum eingerichtet, das sich eigens mit der Ästhetik und Politik solcher ausführlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema Krankheit befasst. Im nächsten Jahr will man sogar eine Ausstellung mit Comics organisieren, die sich ausschließlich mit diesem Thema beschäftigen. Anmeldungen dazu werden hier entgegengenommen. Die im Folgenden aufgeführten drei Bücher sind bislang noch nicht ins Englische übersetzt worden, es gibt jedoch einige Links zu Auszügen daraus in englischer Sprache.
 
Buchtitel © Rowohlt Verlag Leben (Life)
David Wagner
Rowohlt, 2013


Zu Anfang des Romans Leben kommt der Erzähler eines Abends nachhause, öffnet den Kühlschrank, isst ein paar Löffel Apfelmus und spürt auf einmal ein komisches Gefühl im Hals. Er blickt in den Spiegel, entdeckt zunächst nichts Ungewöhnliches, beugt sich danach aber über die Badewanne und spuckt Blut. Es ist die Geschichte eines Mannes, der fast sein Leben verliert, dafür aber ein anderes gewinnt. Der Autor hat seine eigens erlebte Lebertransplantation in eine fiktive Geschichte eingebettet: Sein Leben mit der alten Leber, die Operation, Genesung und schließlich das Leben mit einer fremden Leber.

Der deutsche Titel könnte mit „Leben“ oder „am Leben sein“ übersetzt werden und erinnert gleichzeitig an den Begriff „Leber“. Dach Buch ist sowohl ein persönlicher Erfahrungsbericht als auch eine kulturhistorische Betrachtung und zeigt uns all das Befremdliche, aber auch das Wunderbare, das mit dem Thema Organtransplantation verbunden ist. Ein Auszug in der Übersetzung von Katy Derbyshire findet sich hier.
 
Buchtitel © Kiepenheuer & Witsch, 2009 Du stirbst noch nicht (You’re Not Going to Die)
Katrin Schmidt
Kiepenheuer & Witsch, 2009


Katrin Schmidts bemerkenswerter Roman über eine Frau, die versucht, nach einem Schlaganfall ihr Leben sowie ihre Sprache zurückzuerlangen, ist bereits auf neun Sprachen erschienen. Eine englische Übersetzung lässt allerdings noch auf sich warten. Helene Weigand ist ans Krankenhaus Bett gefesselt und kann nicht sprechen. Sie ist damit gezwungen, ihre Identität, ihren Körper, ihr ganzes Leben zurückzuerobern. Die Autorin, die selbst im Jahr 2002 eine Hirnblutung erlitten hatte, verarbeitet in diesem Roman ihre Erfahrung, die Sprache, die unserer Welt erst Sinn gibt, zu verlieren und dann langsam zurückzugewinnen. Ein Auszug einer englischen Übersetzung von John Reddick findet sich hier.
 
Buchtitel © Rowohlt Verlag Arbeit und Struktur (Work And Structure)
Wolfgang Herrndorf
Rowohlt, 2015


Als Wolfang Herrndorf erfuhr, dass er Krebs im Endstadium hat, fing er an, Tagebuch zu schreiben. Dieses ist nun posthum als Buch veröffentlicht worden und dokumentiert die letzten Jahre seines Lebens: Hirnoperationen, Einweisungen in psychiatrische Kliniken, diverse Arzttermine, Krämpfe, Gedächtnislücken – aber auch unglaublich produktive Schaffensperioden. In dieser Zeit schrieb Herrndorf auch seinen preisgekrönten Jugendroman Tschick sowie seinen im postkolonialen Zeitalter angesiedelten Thriller Sand. Bald darauf ließ sein Sprachvermögen jedoch deutlich nach, bis er schließlich nicht mehr schreiben konnte. Sein letzter Tagebucheintrag besteht nur aus einem einzigen Namen. Arbeit und Struktur ist ein eindrucksvoller Erfahrungsbericht über das Leben von einem Tag zum nächsten im Angesicht einer tödlichen Krankheit.

 
Text: Sally-Ann Spencer
Übersetzung: Sabine Bode
Copyright: Goethe-Institut New Zealand, 2016