Kalendergeschichten
September

Buchcover © C. Bertelsmann Der Fjordland-Nationalpark in Neuseeland hat eine „Humboldt-Gebirgskette“, einen „Humboldt-Bach“ und die „Humboldt-Wasserfälle“. In Nordamerika gibt es vier Landkreise, die nach „Humboldt“ benannt wurden, dreizehn Städte namens „Humboldt“ und zusätzlich Humboldt-Buchten, -Seen und –Berge. In Kalifornien wachsen die so genannten „Humboldt-Lilien“, in Südamerika findet man die „Humboldt-Pinguine“, und entlang der Küste von Chile und Peru fließt der „Humboldt-Strom“, in dem der „Humboldt-Tintenfisch“ lebt. Die „Humboldts“ gibt es überall – sogar auf dem Mond, das Mare Humboldtianum – doch noch bis vor kurzem verschwand der unerschrockene Wissenschaftler hinter diesem Namen aus dem Gedächtnis der englischsprachigen Welt. Das Buch „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ von Andrea Wulf, ins Deutsche übersetzt von Hainer Kober, unternimmt den Versuch, den Ruf von Alexander von Humboldt als „Held“ der Wissenschaft der Neuzeit wiederherzustellen. Humboldt veränderte unser Denken und die Ansicht über unseren Planeten.
 
Wulf nimmt an, dass die Errungenschaften von Humboldt gerade aufgrund ihres immensen Umfangs in Vergessenheit gerieten. Humboldt erforschte die bis dahin wissenschaftlich unberührte Landschaft in Südamerika und Sibirien, bestieg höhere Gipfel als jeder Bergsteiger zuvor und vermaß, analysierte und sammelte, wohin er auch ging. Von seiner ersten Expedition kehrte Humboldt nicht nur mit neuen astronomischen und geologischen Erkenntnissen zurück, sondern auch mit etwa zweitausend neuen Pflanzenarten, die den europäischen Botanikern bis dato völlig unbekannt waren. Humboldt kam auf die Idee von Vegetationszonen zu sprechen und entdeckte das Magnetfeld am Äquator. Außerdem erfand der Wissenschaftler die Isothermen, Linien gleicher Temperatur, mit deren Hilfe die Temperaturen und der vorherrschende Druck gemessen werden konnten, und ermittelte den Klimawandel als vom Menschen verursachtes Phänomen.

Humboldts Beobachtungen und Ideen füllten zahlreiche Buchbände und deckten jedes Themenfeld ab, seien es der Weltraum oder die Zusammensetzung des Erdinneren. Die Autorin Wulf beschreibt seine zahlreichen Unterfangen als Ausdruck seines übergeordneten Projekts: Das Leben auf der Erde als Gesamtheit aller darauf befindlichen Lebewesen zu verstehen. Mit diesem Grundgedanken von Humboldt als „Erfinder“ unseres gegenwärtigen Naturbegriffes fasst Wolf das Lebenswerk von Humboldt unter einem einprägsamen Titel zusammen und untersucht gleichzeitig die Vielfältigkeit seines Lebens und seinen weitreichenden Einfluss.  

An ausreichend Material für die Biographie mangelt es kaum: Humboldt war nicht nur produktiv und unerschrocken, sondern befand sich auch in regem Kontakt und Austausch mit vielen der bedeutendsten historischen Persönlichkeiten seiner Zeit. Wulf beschreibt die Freundschaft zwischen Humboldt und Goethe, dem Meister der Literatur in Weimar, mit Thomas Jefferson, dem damaligen Präsidenten im Weißen Haus, mit dem bahnbrechenden Ingenieur Isambard Kingdom Brunel mit Sitz in London und mit Simón Bolívar in Paris, dem venezuelischen Unabhängigkeitskämpfer. Von dem preußischen König erhielt Humboldt ein jährliches Stipendium und Zar Nikolaus II. beauftragte ihn mit der Erforschung von Sibirien. Die Menschen standen dicht gedrängt entlang der Reiseroute, um die Reden des Forschers zu hören.

Wulf erzählt Humboldts Lebensgeschichte nach, angefangen bei seiner Geburt im Jahre 1769, bis zum Tag seines Todes in Berlin im Alter von 89 Jahren. Durch das gesamte Buch hinweg spürt die Autorin den Pfaden unterschiedlicher Einflüsse nach. Wulf zieht Verbindungen zu Darwin, der Dichtung zur Zeit der Romantik, dem „National Park Movement“ zur Erhaltung des Naturschutzes in den Vereinigten Staaten, zum Aufschwung der ökologischen Naturwissenschaften und zu vielen anderen möglichen Einflüssen. „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ bekam zu Recht zahlreiche Preise und Auszeichnungen verliehen. Es ist eine mitreißende Biographie und zugleich das farbenprächtige Portrait eines Zeitalters und eine Geschichte des Ideenreichtums.
 
C. Bertelsmann, 2016, Seite 560


Über die Autorin

 
Portrait Andrea Wulf © Antonia Gern Andrea Wulf wurde in Indien geboren, zog als Kind nach Deutschland und lebt nun in England. Ihre früheren Werke umfassen „The Brother Gardeners“ und „Die Jagd auf die Venus“. Die Biographie „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ erhielt diverse Preise und Auszeichnungen, unter anderem den „Royal Society Science Book Award“, den „Costa Biography Award“ und den „Royal Geographical Society’s Ness Award“.




 

Bücherregal


Die Leser von „Die Erfindung der Natur“ finden in Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ eine verspielte, fiktive Erzählung des Lebens von Alexander von Humboldt wieder, die im „Bücherregal“ im August vorgestellt wurde. Kehlmanns Buch bringt Humboldt mit dem Mathematiker Carl Friedrich Gauss zusammen und vergleicht ihre verschiedenen Ansätze, Wissen zu erwerben – und teilweise auch Weisheit. Diesen Monat richten wir unseren Blick auf andere, weniger „spitzbübische“ Biographien zweier Personen und auf ein ereignisreiches Jahr:

Buchcover © S. Fischer Verlag 1913: Der Sommer des Jahrhunderts
Florian Illies
Ins Englische übersetzt von Shaun Whiteside und Jamie Lee Searle
S. Fischer Verlag, 2012


Im Januar 1913 wird der zwölfjährige Louis Armstrong in eine Besserungsanstalt in New Orleans geschickt und erlernt das Trompetenspiel. In der Zwischenzeit führt Sigmund Freud den Vorsitz der „Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft“ in Wien, Franz Kafka verschickt zwischen Prag und Berlin zermürbende Liebesbriefe, Ernst Jünger schreibt seine Essays in der Schule, ein russischer Pilot feiert den ersten Looping in einem Jagdflugzeug, und ein Eiskunstläufer aus Österreich erfindet den Sprung „Lutz“. Stalin unternimmt einen Spaziergang im Schlosspark von Schönbrunn, ebenso wie Hitler - vielleicht kreuzen sich ihre Wege sogar. Niemand von ihnen weiß, was das Jahr 1914 für die Welt bereithält. Monat für Monat gibt Florian Illies Einblick in die Geschichten eines Jahres, das noch keine Hinweise auf die nahende Katastrophe zu geben scheint. Der Autor hält die Schauplätze des alltäglichen Lebens von Künstlern, Wissenschaftlern und Politikern ebenso wie epochale Ereignisse fest, noch bevor sie von dem Bevorstehenden überschattet werden.

Buchcover © Kiepenheuer & Witsch Ostend 1936, Sommer der Freundschaft
Volker Weidermann
Ins Englische übersetzt von Carol Brown Janeway
Kiepenheuer & Witsch, 2014


Der Schriftsteller Stefan Zweig verbrachte den Sommer 1936 in dem belgischen Badeort Ostend. Dort traf er sich täglich mit anderen Intellektuellen, die sich entlang der Küste zusammengefunden hatten. Unter ihnen befand sich auch der dreizehn Jahre jüngere Joseph Roth, der zwar deutlich ärmlicher und etwas heruntergekommen war, sich allerdings auch als mitreißender und gewandter Gesprächspartner und außergewöhnliches Schreibtalent erwies. Weidermanns Tatsachenroman erweckt die bewegte Freundschaft zweier Männer wieder zum Leben, inmitten einer Zeit, in der Europa in Dunkelheit versank und sich menschliche Tragödien abspielten.
 
Text: Sally-Ann Spencer
Copyright: Goethe-Institut New Zealand, 2016
Translation: Goethe-Institut New Zealand