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Hinemoana Baker

Ulrike Almut Sanding und Hinemoana Baker während des Filmdrehs
© Hinemoana Baker

Goethe-Institut Neuseeland und Contemporary HUM präsentieren eine Artikelserie über neuseeländische Künstler*innen, die in Deutschland physisch und künstlerisch ein neues Zuhause gefunden haben. Autor*in Claude Kempen traf Hinemoana Baker in Berlin.  

Von Claude Kempen

"He mokopuna ahau nō Ngāti Tūkorehe, Raukawa, Toa Rangatira, Te Āti Awa me Ngāi Tahu. Ich grüße Euch als Nachkomme der Stämme meines Vaters und der Herkunftsländer meiner Mutter - Deutschland, Australien und England. Mauri ora!"
Hinemoana Baker
Ich treffe Hinemoana Baker an einem dunklen und kalten Berliner Abend im Januar 2020. Zwei Monate bevor die Pandemie in Deutschland ausbricht, verabreden wir uns auf einen Drink in der Z-Bar in der Nähe ihrer Wohnung im Schokoladen, einem der bekannten Berliner Wohnprojekte. Ich sitze bereits und bin nervös, sie zu treffen. Ihr Bekanntheitsgrad als Dichterin, Schriftstellerin, Singer-Songwriterin und Performerin war ihr vorausgegangen, und ich hatte mich auf der Stelle in sie verliebt. Kurz bevor meine Nervosität völlig Überhand nehmen kann, betritt sie die leere, aber gemütliche Bar und begrüßt mich mit einem warmen Lächeln und einer großzügigen Umarmung. Ich fühle mich auf Anhieb wohl. Das ist eine ihrer geheimen Fähigkeiten: Sie schafft es, die Menschen mit ihrer witzigen und einfühlsamen Präsenz zu beruhigen. Ich werde noch erfahren, dass dies zwar stimmt, sie aber dennoch zu einer klaren und kompromisslosen Einschätzung politischer Ungerechtigkeiten und der Menschen, die sie aufrechterhalten, fähig ist. Diejenigen, die ihre Gedichte kennen, werden diese wertvolle Schnittmenge erkennen. Der Klappentext ihrer neuesten und vierten Sammlung, Funkhaus (Victoria University Press, 2020) erkennt dies auch an: Die Sammlug bestehe aus "großen, schlagkräftigen Gedichte und schimmernder Zartheit sowie [ihrem] typischen Humor" beschreibt.

Funkhaus, das 2021 in die finale Runde für den Ockham New Zealand Book Awards kam, entstand in Berlin und ist nach einem der Gebäude der Stadt benannt, in dem von 1956 bis 1990 der DDR-Rundfunk seinen Sitz hatte. Hinemoana lernte die Geschichte Berlins und speziell dieses Gebäudes kennen, als sie dort einen langen Winter lang hockte. Wie das Radiosignal, das von diesem historischen Ort ausging, reist Hinemoanas Poesie mühelos umher und erzählt Geschichten von ihren komplexen und verschiedenen whakapapa, ihren Genealogien und Zugehörigkeiten; den queer/takatāpui, ihrem Māori-Erbe und ihren Heimaten in Berlin und Aotearoa.

Your Berlin sends roots

down through its dead.
Its buildings and its total recall shake with trains.
Words are gold bricks of light in the season.

'Funkhaus', from Funkhaus

Betrachtet man eines ihrer Funkhaus-Gedichte, „The Typical Lightningbolt“ (zu deutsch "Der typische Blitz"), so erzählt ihre Poesie auch eine andere Geschichte. Das Gedicht verweist darauf, dass kreatives Schaffen eher das Produkt einer plötzlichen Eingebung, eines Blitzes aus heiterem Himmel ist, als das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit. Aber es ist auch ein wunderbares Beispiel für die Liebe dieser Dichterin und Musikerin zum Klang. Zur Veranschaulichung dieser klanglichen Neigung, können Sie versuchen den folgenden Auszug des Gedichtes langsam und laut vorzulesen:

The Typical Lightning Bolt

and the same could be said
for all surprises
is less of an emergency than it appears
a spoon standing straight up in sugar flashing
when you flick that big soft kitchen switch

a cake made of its own candle smoke
it disappoints you to death
fumbling with its gun
after burning a finger
filling the hot-water bottle…

'The Typical Lightning Bolt', from Funkhaus
  • Hinemoana Baker liest vor © Hinemoana Baker
    Hinemoana Baker liest vor
  • Funkhaus Buchtitel © Hinemoana Baker
    Funkhaus Buchtitel
  • Hinemoana Baker und ihr Vater, Otakou Marae © Hinemoana Baker
    Hinemoana Baker und ihr Vater, Otakou Marae
  • Ich liebe Berlin - Hinemoana Baker © Hinemoana Baker
    Ich liebe Berlin - Hinemoana Baker
  • Ulrike Almut Sanding und Hinemoana Baker, Collage, Filmstills © Hinemoana Baker
    Ulrike Almut Sanding und Hinemoana Baker, Collage, Filmstills
Hinemoana ist seit mehr als 30 Jahren als Künstlerin tätig und ihre zahlreichen Leistungen lassen sich nur schwer zusammenfassen. In ihrer Heimat hat Hinemoana fünf Studioalben aufgenommen und produziert und einige Jahre lang war sie Moderatorin bei Radio New Zealand. Seit sie nach Berlin gezogen ist, beweist sie immer wieder, wie vielseitig sie als Künstlerin ist. Gemeinsam mit der Multimediakünstlerin Ulrike Almut Sandig hat sie 2016 den Poesiefilm "It wasn't me und du warst es auch nicht" realisiert. Dieser Kurzfilm ist sowohl mehrsprachig als auch sehr dem Klang der Worte und der Stimmen aus dem Off zugewandt. Die beiden Künstlerinnen laufen in weißen Anzügen durch Berlin, die Arme mit aufblasbaren Globen beladen, während sich ihre Stimmen gelegentlich überlagern, und uns mit Bildern von der Antarktis, dem nicht existierenden Gegenteil von Waldbränden, dem Pazifik und der Liebe inspirieren. Hinemoana erzählt mir, dass sie vor ein paar Jahren, als sie noch in Wellington lebte, zu einem Team gehörte, dessen Film auf dem Zebra-Poesiefilmfestival in Berlin gezeigt wurde. Sie erinnert sich daran, wie aufregend es war, dort einen Film vorführen zu dürfen. Im November 2021 war es für sie daher eine umso größere Ehre und Freude, eine der Jurorinnen desselbigen jährlichen Poesiefilmfestivals und Wettbewerbs zu sein. Es war, wie sie lachend sagt, "ein Oprah-Winfrey-Moment, in dem sich der Kreis zu schließen schien".

Je länger ich mit ihr zusammensitze, desto mehr stelle ich fest, dass selbst ihre alltäglichen Gespräche von ihrem Talent zum Geschichtenerzählen geprägt sind. Ich lasse mich von ihrer Sprechstimme, ihrer Wortwahl und ihrem Timing bezaubern. Kein Wunder also, dass sie regelmäßig auf Berliner Bühnen zu Gast ist. 2019 lud sie der Gender-Sender-Podcast zu einer Live-Show ein. Dort erzählte sie eine fesselnde und zugleich lustige Geschichte über Scham und ihren ehemaligen Partner, einem selbst für deutsche Verhältnisse sehr großen und sehr begeisterten Fußballfan. Er ist viel jünger als sie und sie gibt zu, dass sie sich wegen des Altersunterschieds unsicher fühlte. Doch der schlaksige Deutsche überrascht sie, als er seine eigenen körperlichen Unvollkommenheiten und Schwächen mit ihr teilt. Die beiden waren einige Jahre lang ein Paar, bis die Beziehung zu Ende ging, dazu sagt sie: "Es gibt Grenzen zu wie viel Fußball eine Dichterin ertragen kann".

Seit dem Beginn der Pandemie ist Hinemoana seltener auf der Bühne zu sehen. Das erste Mal, dass ich sie auftreten sah, war fast zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung. Beim Internationalen Literaturfestival 2021 erschien sie neben anderen erstaunlichen indigenen Dichter*innen aus der ganzen Welt. Später im selben Jahr war sie zusammen mit ihrer Freundin und neuseeländischen Autor*innnenkollegin Alice Miller bei einer kleinen Dichtungslesung vor dem Hopscotch Reading Room zu sehen. Bei ihrem letzten Auftritt bei der beliebten Dead Ladies Show in Berlin erzählte sie aus dem Leben von Katherine Mansfield, das Bakers eigenem Leben gar nicht unähnlich ist.

Eine der vielen Gemeinsamkeiten dieser beiden Frauen ist ihre Liebe zur Performance. Katherine Mansfield ist zwar vor allem für ihre Kurzgeschichten bekannt, aber sie liebte es aufzutreten und tat dies auch regelmäßig. Im Mai 2005 tourte Hinemoana mit ihrem Freund und Tontechniker Andrew Dalziel durch Aotearoa. Sie veranstalteten eine Multimediashow mit Fotografie, Poesie, Gesang, einem Looping-Pedal und einer Tauchflasche für spezielle Soundeffekte. Sie erzählt mir, dass dies eine ihrer Lieblingstourneen war, vor allem wegen des kollaborativen Aspekts der Show. In Berlin wird ihre Liebe zu kollaborativen Performance besonders durch die fruchtbare Verbindung mit Ulrike Almut Sandig sichtbar. Die beiden haben nicht nur erfolgreich einen Film miteinander produziert, sondern auch ihre zahlreiche Shows und Performances gemeinsam gestemmt. Zurzeit arbeitet Ulrike auch an der Übersetzung ausgewählter Gedichte von Hinemoana, ein Projekt, für das die beiden noch nach Veröffentlichungsmöglichkeiten suchen.

Während Aotearoa immer ihr tūrangawaewae sein wird, schätzt Berlin sich glücklich, dass Hinemoana Baker diese Stadt ihr Zuhause nennt.
 
"Don’t ask me to speak for the nations, we shift the hate with the light from our fascinators"
'One Hit is not Enough', from Funkhaus


Biographie

Portrait Hinemoana Baker © Hinemoana Baker Hinemoana Baker (geb.1968 in Christchurch, Neuseeland) ist Lyrikerin und Musikerin. Sie lehrt Kreatives Schreiben und manchmal arbeitet sie auch beim Rundfunk. Baker hat einen Bachelor- und einen Masterabschluss von der Victoria University, wo sie 2014 auch Writer in Residence war.

Sie veröffentlichte mehrere Gedichtbände: mātuhi | needle (2004), kōiwi kōiwi / bone bone (2010), und waha | mouth (2014). Ihr Werke sind u.a. auch in den folgenden Sammlungen anthologisiert: The Best of Best New Zealand Poems (2011) und The Auckland University Press Anthology of New Zealand Literature (2012). Baker war 2009 Arts Queensland Poet in Residence und hatte die Creative New Zealand Berlin Writer’s Residency 2015-16 inne. Derzeit lebt sie in Berlin und schreibt an ihrer Doktorarbeit an der Universität Potsdam als Teil der Foschungsgruppe RTG Minor Cosmopolitanisms. 
 

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