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Ruth Buchanan

In einem gemeinsamen Workshop wurde in Zusammenarbeit mit Kolleg*innen des Museums Ruth Buchanans Arbeit Spiral Time, 2022, produziert. Detail.
Foto: Roger Meier

Goethe-Institut Neuseeland und Contemporary HUM präsentieren eine Artikelserie über neuseeländische Künstler*innen, die in Deutschland physisch und künstlerisch ein neues Zuhause gefunden haben. Die Kuratorin Maja Wismer arbeitet mit Ruth Buchanan an ihrer neuesten Ausstellung in Basel. 

Von Maja Wismer

Die Einladung an die neuseeländische Künstlerin Ruth Buchanan im Kunstmuseum Basel auszustellen, erfolgte im Wissen um ihre umfassende Arbeitsweise, die sich im Lauf der letzten zehn Jahre an den Schnittmengen gestalterischer, kuratorischer Methoden und künstlerischer Ausdrucksformen international profiliert hat.

Ruth Buchanan realisierte mehrere grosse Projekte, u.a. in der Tate Modern, London, an der Gwangju Biennale, Gwangju, im MASP São Paulo, im Badischen Kunstverein Karlsruhe, im Kröller-Müller Museum in Otterlo, im Hamburger Bahnhof Berlin und in der Adam Art Gallery, Wellington. 2019 fand eine umfangreiche Ausstellung in Form einer Inszenierung der Sammlung des Museums für zeitgenössische Kunst Govett-Brewster Art Gallery, Ngāmotu New Plymouth, Aotearoa Neuseeland, statt. Neben ihrer Ausstellungstätigkeit publiziert sie regelmäßig; zuletzt Where does my body belong? From institutional critique to infrastructural transformation Or Standards and Mothers (Artspeak, Vancouver) und die Webseite Evacuation Tapes, eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Lyrik J.C. Sturms. Außerdem unterrichtet Ruth Buchanan an verschiedenen Hochschulen als Gastdozentin. 2018 wurde ihr der renommierte Walters Prize in Aotearoa Neuseeland verliehen.

Ruth Buchanans bevorzugte künstlerische Form ist das Format Ausstellung geworden und dessen Eigenschaft, inhaltliche Bezüge und Geschichten räumlich erfahrbar zu machen. Wandtexte und Drucksachen werden dabei ebenso von ihr bestimmt wie  Auswahl, Hängung und Dramaturgie der Exponate; mittels einer szenografischen Palette, bestehend aus Wandfarben, Raumteilern, Vitrinen, Sitzgelegenheiten und Audio. Als „Tools“ führen solche den Exponaten seit der stillschweigenden Einigung auf den scheinbar neutralisierenden White Cube üblicherweise untergeordnete Komponenten, nun im Ausstellungsraum eine Doppelexistenz. Bei Ruth Buchanan sind sie sowohl die Wirkung von ausgestellten Werken unterstützende Mittel – Leitsystem –, als auch selbst ausgestellte Objekte. Ihre duale Existenz fordert Museumskategorien genauso heraus wie Ruth Buchanan uns als Künstlerin in ihren verschiedenen Rollen.

Seit Herbst 2020 leite ich das Kunstmuseum Basel | Gegenwart. Dieses Gebäude gehört zum Kunstmuseum Basel und ist seit seiner Eröffnung als eines der ersten Museen für zeitgenössische Kunst in Europa internation al bekannt. Im Museumssektor hat in den vergangenen zwei Jahren ein massives Wachstum stattgefunden, das eine Reaktion auf Black Lives Matter, #MeToo, und viele der Ungerechtigkeiten war, die durch den seit einiger Zeit andauernden Paradigmenwechsel aufgedeckt wurden, der wiederum durch die Pandemie spürbar in Bewegung gesetzt wurde. Dieses Besinnen ist sehr ermutigend. Es schien mir mehr als vierzig Jahre nach Eröffnung des Museumsgebäudes an der Zeit, gewisse etablierte Muster zu hinterfragen und offenzulegen. Ruth und ich hatten beide das Gefühl, dass jetzt die perfekte Zeit ist, um damit zu beginnen, das zu schärfen, was das Zeitgenössische innerhalb der Kunst und in weiter gefassten soziopolitischen Kontexten bedeuten könnte.

Im Kern von Ruths Arbeit steht ihr Interesse an der räumlich-politischen Dimension von Organisationssystemen. In ihrer Auffassung ist viel von dieser reflexiven Arbeit auf einer linguistischen Ebene geblieben und es gab wenig Gelegenheit, dieses artikulierte, dynamische Überdenken von Museen als – was die Räumlichkeit betrifft – implizierten gesellschaftlichen Bereich auszuprobieren.
 

  • Detail von Ruth Buchanans Arbeit 'Enclosure' (When the sick rule the world, reverb), 2019/22, während des Ausstellungsaufbaus zu „Heute Nacht geträumt. An exhibition by Ruth Buchanan“ im Kunstmuseum Basel. © Kunstmuseum Basel
    Detail von Ruth Buchanans Arbeit 'Enclosure' (When the sick rule the world, reverb), 2019/22, während des Ausstellungsaufbaus zu „Heute Nacht geträumt. An exhibition by Ruth Buchanan“ im Kunstmuseum Basel.
  • Do I want to come back (Frage 4) © Ruth Buchanan
    Do I want to come back (Frage 4)
  • Where does my body belong (Frage 3) © Ruth Buchanan
    Where does my body belong (Frage 3)
  • In einem gemeinsamen Workshop wurde in Zusammenarbeit mit Kolleg:innen des Museums Ruth Buchanans Arbeit 'Spiral Time', 2022, produziert sowie Teile der Uniformen des Besucherdienstes gefärbt. Foto: Roger Meier
    In einem gemeinsamen Workshop wurde in Zusammenarbeit mit Kolleg:innen des Museums Ruth Buchanans Arbeit 'Spiral Time', 2022, produziert sowie Teile der Uniformen des Besucherdienstes gefärbt.
  • Ruth Buchanan mit 'Spiral Time', 2022, im Gespräch mit der Künstlerin Sandra Knecht während des Aufbaus im Kunstmuseum Basel. Foto: Maja Wismer
    Ruth Buchanan mit 'Spiral Time', 2022, im Gespräch mit der Künstlerin Sandra Knecht während des Aufbaus im Kunstmuseum Basel.
  • Projektskizze zur Ausstellung „Heute Nacht geträumt. An exhibition by Ruth Buchanan“ © Ruth Buchanan
    Projektskizze zur Ausstellung „Heute Nacht geträumt. An exhibition by Ruth Buchanan“
Für die Ausstellung entwickelte Ruth also eine Reihe von  «tools» die dann innerhalb des musealen Raums zum Einsatz kommen. Und mit «tools» meine ich durchaus tatsächlich auch Werkzeuge, also konkrete Methoden und Formen, die physisch erfahrbar sind, nicht nur von all jenen, die im Museum arbeiten, sondern auch vom Publikum, und diese lassen sich immer wieder in den verschiedensten Kontexten oder Maßstäben anwenden.

Diese Perspektive wendet sie auf das Kunstmuseum Basel | Gegenwart an und taucht tief in dessen zeitgenössische Bestände ein. Die Sammlung, das Gebäude, die Ausstellungsgeschichte, sie alle dienen dazu, Prozesse zu reflektieren, die diese Institution geformt haben. Das Resultat von Ruths Arbeit für das Kunstmuseum Basel ist die das ganze Gebäude umfassende Ausstellung „Heute Nacht geträumt. Eine Ausstellung von Ruth Buchanan“ (19.03-14.08.2022). Ruth strukturiert das Ausstellungserlebnis durch Farben, Materialien, Texte und Einbauten, die sie den bestehenden Räumlichkeiten hinzufügt, und vor allem auch durch zahlreiche Werke aus der Sammlung des Kunstmuseums Basel.

Dreh- und Angelpunkt der Ausstellung sind vier Fragen: Wann beginnt die Gegenwart? Welche Geschichte wird gezeigt? Passt mein Körper hier hinein? Werde ich wiederkommen? Diese Fragen entstanden im Gespräch zwischen Ruth, der kuratorischen Mitarbeiter:in Len Schaller und mir. Sie leiten die Ausstellung als Wandmalereien über die vier Stockwerke des Gebäudes, die Fragen verleihen der Ausstellung Gestalt und stehen für das Bedürfnis, die Paradigmen neu zu denken, unter denen Museen heutzutage funktionieren könnten. Diese Fragen sind eine Einladung an die Besucher:innen ein Gespräch darüber zu beginnen, wie sie Museen allgemein erleben und auch wie sie einen Besuch im Kunstmuseum Basel | Gegenwart im Speziellen erleben.

Es sind offene Fragen, die sich auch auf viele andere Situationen und Orte anwenden lassen, die wir im alltäglichen Leben erfahren, vom Besuch bei Freund:innen, über die Interaktion mit der Schule unserer Kinder, bis hin zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Obwohl sie also als strukturierende Komponente für die Ausstellung dienen, sprechen sie auch die Einladung aus, sie beim Verlassen der Ausstellung mitzunehmen und dieses Gespräch außerhalb davon weiterzuführen. Es ist mein Wunsch, dass mit dem Abbau der physischen Bestandteile der Ausstellung die Schatten der von Ruth als violette Wandmalereien materialisierten Fragen für die kommenden Jahre meiner Verantwortung für das Kunstmuseum Basel | Gegenwart weiterhin spürbar sein werden.

Biografie

Ruth Buchanan Portrait © Eva Stenram Ruth Buchanan (*1980, Te Atiawa und Taranaki, Aotearoa Neuseeland, lebt und arbeitet in Berlin) studierte bildende Kunst am Piet Zwart Institute in Rotterdam und an der Elam School of Fine Arts/ University of Auckland in Aotearoa Neuseeland.

 

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