Daniel Beban Experimentelle und improvisierte Musik in New Zealand

Orchestra of Spheres
Orchestra of Spheres | © Chris Zwaagdyk

Zu jeder Zeit gab und gibt es in Neuseeland eine Handvoll von Leuten, die sich der experimentellen Musik verschrieben haben. Das ist hier nichts anders als an vielen Orten der Welt, wo solche experimentellen Kunstformen von einer kleinen Minderheit geschätzt und gefördert werden. 

Im Vergleich zu europäischen Künstlern aber, die in den großen Metropolen der zeitgenössischen Kunst Zugang zu einer größeren Öffentlichkeit haben, leben und arbeiten die Experimentalmusiker in Neuseeland auf einer Insel „am Ende der Welt“. Diese Abgeschiedenheit führte dazu, dass sich die experimentelle Musik in Neuseeland wie in einer einzigartigen kulturellen Petrischale entwickeln konnte, woraus so etwas wie “Folk-Experimentelles” entstand: kleine, lokale Musikszenen, in denen experimentelle Musik mit einem ausgesprochenen lokalen Einschlag entstand. Auch heute noch – in einer elektronisch vernetzten Welt, in der Künstler an jedem Ort der Welt von Musik von Nah und Fern beeinflusst werden und mancheiner mehr Einflüsse von außerhalb aufnimmt als aus seiner unmittelbaren Umgebung – arbeiten die neuseeländischen Musiker weit entfernt von der übrigen Welt der experimentellen Musik – und produzieren eine Musik, die ganz eigen klingt.

Primitive Art Group Braille Records concert poster | © witchdoctor.co.nz Im ganzen Land gibt es einzelne Szenen mit jeweils eigenen musikalischen Stilen. Dass diese entstanden, verdankt sich dem zufälligen Zusammentreffen einiger innovativer Köpfe an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten. In Wellington beispielweise entwickelte das Braille Collective in den Achtzigern einen freien Improv-Stil, der Einflüsse des US-amerikanischen Free-Jazz und europäischer improvisierter Musik aufnahm und mit einem eigenen Anstrich versah. In einer aus noch weiteren Namen bestehenden Gemeinde von Musikern waren es Stuart Porter (Saxophon) und Anthony Donaldson (Schlagzeug) als frühe Mitglieder des Kollektivs, die diesen neuen musikalischen Ansatz in Neuseeland bekannt machten. Zum Braille Collective gehörten eine ganze Reihe von Musikern, die sich dieser Musik verschrieben hatten und dann später in Bands wie Primitive Art Group, The Black Sheep, The Family Mallet und anderen auftauchten.
 

Audio: The Primitive Art Group, “Truck Driving Man” from Future Jaw Clap (Braille Records 03, 1985)

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Musiker: Anthony Donaldson, David Donaldson, Stuart Porter, Neill Duncan, David Watson


Die Musiker in Wellington waren mehrzählig Autodidakten und pflegten einen Stil, der auf Gruppenimprovisation setzte und die Suche nach einem individuell eigenwilligen Klang betonte. Verglichen mit improvisierter Musik aus Europa und den USA war die Musik von Braille verspielter, verarbeitete eine Vielzahl musikalischer Spielarten und erlaubte sich auch rhythmische Grooves. Dies war nicht die feurige Musik des afro-amerikanischen Free Jazz oder der verkopfte Intellektualismus der europäischen improvisierten Musik. Es war ganz sicher ernsthafte Musik, doch im vergleichsweise milden Klima der neuseeländischen Politik der frühen Achtziger Jahre war die Musik nicht von jener rohen und fordernden Kraft und den politischen und kulturellen Untertönen geprägt wie ihre Gegenparts in Übersee.

Braille Collective performing My Name is My Motto, with Gerard Crewdson dancing (foreground) Braille Collective performing My Name is My Motto, with Gerard Crewdson dancing (foreground) | © www.soundexplorers.co.nz Diese Ursprünge sind vor Ort noch heute spürbar. Die Tradition hat sich rein durchs Spielen erhalten (denn Aufnahmen und schriftliche Zeugnisse sind rar), die Einflüsse wurden direkt von Musiker zu Musiker weitergegeben. Es war dieser unmittelbare Kontakt, der dazu führte, dass eine Generation jüngerer Musiker in den Neunzigern und 2000er Jahren vom Ethos des Braille Collective beeinflusst wurde – unter ihnen Jeff Henderson, Chris O'Connor, Tom Callwood, Alphabethead, Riki Gooch, Leila Adu und viele weitere, die zu den führenden musikalischen Innovatoren in Neuseeland wurden.


Audio: Ecstasy Trio, Nails (2005)

Nails 

Musiker: Jeff Henderson (sax), Tom Callwood (bass), Chris O'Connor (drums)


Auf der Südinsel entwickelte sich eine verwandte und doch wieder ganz andere Spielart von heimischen Musiktraditionen, insbesondere in Dunedin. Viele der wichtigen Musiker in Dunedin und Christchurch aus den Achtzigern sind weiterhin aktiv, darunter Alistair Galbraith, Michael Morley, Peter Stapleton, Bruce Russell und andere. Russells Plattenfirmen Xpressway und Corpus Hermeticum wie auch seine Schriften sorgten für eine zunehmendes Interesse für diese Musik auch im Ausland und so wurde diese Szene für Hörer in anderen Ländern oftmals zum ersten Ausgangspunkt für weitere Entdeckungsreisen in die neuseeländische Musik dieser Art. Verglichen mit den vom Braille Collective verarbeiteten Jazz-Einflüssen entstammt der Xpressway-Sound einer Rockmusik-Tradition und nimmt verschiedenste Avantgarde-Formen auf.

Bruce Russell Bruce Russell performing | © Liquid Architecture

Audio: ​A Handful of Dust, The Mirror of Simple Soul, from In The House Of Voluntary Poverty (Siltbreeze, 1995)


Musiker: Bruce Russell, Alistair Galbraith, Peter Stapleton


Die in dieser Szene gepflegte besondere Spielart von Improvisation bekam die Bezeichnung ‘Free Noise’. Free Noise – wie am offenkundigsten in Aufnahmen der Band A Handful of Dust (Russell, Galbraith, Stapleton) präsentiert – ist ein Begriff, den Russell als erster in seinem ‘Free Noise Manifesto’ von 1994 prägte, wo es heißt:

Jenseits der “Musik” zu sein, ist noise.

Jenseits von “Regeln” zu sein, ist free.



Das Manifest ist ein schriftliches Bekenntnis, dabei zugleich eine bewusste Absage an Formalismen und der Ausdruck einer Punk-Haltung. Dies verbindet alle Musiker in Dunedin – wie auch eine jüngere Generation von experimentellen Musikern wie Clayton Noone, LSD Fundraiser, Murderbike und Negative Nancies, um nur einige zu nennen. Auch wenn sie sie sich nicht Wort für Wort an das Free Noise Manifesto halten mögen, sind sich diese Musiker dennoch einig in ihrer Ablehnung von Konventionen und in ihrem Willen, unerforschte Klanglandschaften zu entdecken – etwas, das seit langem kennzeichnend für die Musik aus dieser Stadt ist.
 

Xpressway artists. L to R: Bruce Russell, Peter Jefferies, Peter Gutteridge, and Alastair Galbraith in Dunedin, early 1989. Credit: Xpressway artists. L to R: Bruce Russell, Peter Jefferies, Peter Gutteridge, and Alastair Galbraith in Dunedin, early 1989. Credit: | © www.audioculture.co.nz Audio: LSD Fundraiser, Heavy Heavy Albatross Pt 1, from Heavy Heavy Albatross (2013)

Heavy Heavy Albatross Pt 1

Musiker: Dene Barnes


Das Braille Collective und die Xpressway-Künstler sind zwei Beispiele für eine heimische Experimentierfreudigkeit, die sich in Neuseeland in ganz eigener Weise entwickeln konnte. Beide zeichnen sich durch Entdeckungsfreude aus und lassen Musik entstehen, die sich nicht leicht in Schubladen packen lässt. Im Zentrum steht für die beiden musikalisch experimentellen Szenen in Wellington wie in Dunedin auch weiterhin die Idee, eigenwillige Klänge und Zugänge zur Musik zu finden und zu entwickeln.