Amy Jean Barnett Vom Poneke zum Bauhaus

Die Autorin beim Komponieren im SeaM (Studio für electroakustische Musik) in Weimar.
Die Autorin beim Komponieren im SeaM (Studio für electroakustische Musik) in Weimar. | © Amy Jean Barnett

2016 zog ich nach Weimar, einer kleinen Stadt mit reichen Bezügen in die deutsche Geschichte. Die Stadt ist nicht nur Namengeberin für die Zwischenkriegszeit, sondern war im 18. und 19. Jahrhundert auch ein Lieblingsort für die deutsche Intelligenz (namentlich Goethe, Schiller, Nietzsche, Liszt...). Später dann war sie ein Ort, an dem die Modernisten des frühen 20. Jahrhunderts eine neue Bewegung namens Bauhaus ins Leben riefen. Weimar ist auch ein Erinnerungsort an die dunkle Seit der deutschen Vergangenheit mit jenen architektonischen Spuren, die die Nationalsozialisten in Form von Verwaltungsgebäuden hinterließen, wie auch dem Konzentrationslager Buchenwald vor den Toren der Stadt.

Ich zog von London aus nach Weimar, nachdem ich in Neuseeland studiert hatte, um an der Bauhaus University weiter zu studieren. Seit längerem hatte ich mit dem Gedanken gespielt, meinen Master zu machen und bewarb mich an der Bauhaus-Universität wegen des dortigen einmaligen interdisziplinären Medien-Kunst-Programms, das auch Zugang zu den elektroakustischen Einrichtungen der Franz Liszt Hochschule für Musik anbietet. Es schien angesichts meines Interesses an neuen Technologien (mit Bezug zur Kunstpraxis) wie meinem Hintergrund in Computermusik und Klangkunst die richtige Wahl. Zentraler Gedanke für die Ausbildung ist die Bauhaus-Idee eines Gesamtkunstwerks, die das Miteinander verschiedener Medien betont.

An der Bauhaus-Universität entwarf ich im The Digital Bauhaus Lab mit 3D-Gestaltern responsive Audio-for-Motion-Capture. Ich komponierte Mehrkanal-Klangarbeiten für das 48-Kanal-Lautsprecher-Orchester und experimentiere derzeit mit Klanglandschaften für virtuelle Realitäten. Ich habe kreative Coding-Module belegt und in den DIY Elektronik-Labs gearbeitet. Außerdem gibt es in jedem Semester zusätzliche Workshops und Vorträge von Gastprofessoren und eingeladenen Künstlern. Die bekannte Philosophin Rosi Braidotti trug unlängst als IKKM Bauhaus-Fellow einen sehr informativen Vortrag über den Posthumanismus vor; 2017 besuchte der elektroakustische Komponist Francis Dhomont die Studios.
 

Audio: spectra_ephemera (pt. II), Amy Jean Barnett (Komponistin)

spectra_ephemera (pt. II)


Trotz seiner überschaubaren Größe ist Weimar ein Brutkasten für cross-disziplinäre Gemeinschaftsprojekte, die weit über die Universität hinausgehen und beispielsweise zu Konzerten in umgewidmeten Industriegebäuden und Außenarealen führen. In Weimar ist auch das rätselhafterweise berüchtigte deutsche Plattenlabel Giegling beheimatet.
 

AUDIO: KETTENKARUSSELL, GATE


Die geringe Entfernung zu anderen europäischen Zentren und Institutionen macht all diese Erlebnisse möglich und war für mich einer der Hauptgründe, hierher zu kommen. Außerdem sei erwähnt, dass es in Deutschland keine Studiengebühren gibt, nicht einmal für Nicht-EU-Bürger, und dass die vergleichsweise geringen Lebenshaltungskosten (in einigen Metropolen) Deutschland zu einem idealen Land für ausländische Studierende macht, die den enormen Kosten für Bildung anderswo entkommen wollen.

In meinem WG-Zimmer In meinem WG-Zimmer | © Amy Jean Barnett Die einmaligen sozialen Bedingungen – geringe Mieten und vorhandener Wohnraum – in ostdeutschen Städten wie Berlin und Leipzig nach der Wiedervereinigung ermöglichte das Aufblühen der Kreativität und machte Deutschland zu einem mythischen Anziehungspunkt für Kreative aus aller Welt. Das Aufeinandertreffen von Köpfen in einer aufgeladenen künstlerischen Atmosphäre macht diese Städte so anziehend – ständig gibt es Ausstellungseröffnungen, Events, Vorträge, Diskussionsrunden, Ausstellungen, Festivals und Konzerte, die für ein inspirierendes Umfeld sorgen.

Die Autorin im Gespräch mit der Turner-Preisträgerin und Klangkünstlerin Susan Philipsz bei der Vernissage der 9. Berlin Biennale 2016 Die Autorin im Gespräch mit der Turner-Preisträgerin und Klangkünstlerin Susan Philipsz bei der Vernissage der 9. Berlin Biennale 2016 | © Amy Jean Barnett Zusätzlich gibt es Möglichkeiten, eigene Arbeiten über die Universität auf professionellen Plattformen und bei Konferenzen zu präsentieren. Im letzten Jahr konnte ich so an Next Generation 7.0 teilnehmen – einem Symposium, zu dem alle deutschen Universitätsstudios und weitere aus den Nachbarländern für füfn Tage voller Aufführungen, Vorträge und Diskussionen an das ZKM in Karlsruhe eingeladen werden. Das ZKM ist ein der Medienkunst gewidmetes Museum, das die Aufgabe hat, ‘die klassischen Künste in das digitale Zeitalter zu führen.’ Im ZKM befindet sich der Sound Dome – ein Raum-Klang-Einrichtung mit 47 Lautsprechern, die in Kuppelform angeordnet sind. Es war ein ohren-öffendes Erlebnis!
 

Video: ZKM, next_generation 7.0, Open Panel Discussion

Open Panel Discussion


Die Autorin beim Komponieren im SeaM (Studio für electroakustische Musik) in Weimar. Die Autorin beim Komponieren im SeaM (Studio für electroakustische Musik) in Weimar. | © Amy Jean Barnett Angesichts der Abgeschiedenheit und der geringen Bevölkerungsgröße von Neuseeland war mein Umzug nach Europa ganz sicher von dem Wunsch bestimmt, mich in erweiterten Kontext zu treten und eine größere künstlerische Gemeinschaft für meine Arbeiten zu finden. Als kleine Nation im Südpazifik ist unser Zugang zu kulturellen Quellen begrenzt und deswegen kann man Neuseeland nicht so einfach mit Europa vergleichen. Neuseeland steht vor Herausforderungen, dennoch ich schaue ich optimistisch in die Zukunft. Ein Zeichen dafür ist die Tatsache, dass anders als früher, als Künstler die Inseln verließen und niemals zurückkamen, die heute ins Ausland gegangenen Künstler ihre Beziehung mit Neuseeland weiter pflegen (Simon Denny, Francis Upritchard als gegenwärtige Beispiele). Die letzten zwei von drei Nominierten für den Ars Viva, (einen renommierten deutschen Kunstpreis) waren Neuseeländer – Zac Langdon Pole und Oscar Enberg (der den Preis gewann). Ein solcher Kulturaustausch und diesen internationalen Verbindungen sind absolut positiv für Neuseelands kulturelle Zukunft, wodurch Poneke – der Name für (das heute als Wellington bekannte) Port Nicholson in Maori – Teil einer weltumspannenden künstlerischen Gemeinschaft wird.