Sam Longmore Hanno Leichtmann – Goethe Institut Neuseeland Residenzkünstler 2018

Hanno Leichtmann
© thewire.co.uk

Die gefeierten Musikwerke und Installationen des in Rumänien geborenen und in Berlin lebenden Künstlers und Kurators Hanno Leichtmann bringen diesen im März als Artist-in-Residence des Goethe Instituts nach Aotearoa. Für seine jüngeren Arbeiten bediente sich Leichtmann aus einer Vielzahl unterschiedlichster Klangarchive, die er als Soundsets benutzt, aus denen neue Arbeiten entstehen. Diese Arbeitsweise verschaffte Leichtmann viel Anerkennung im Feld der Minimal Musik, in dem seine Arbeiten unter dem Namen Static und in Gruppen wie Denseland (mit David Moss und Hannes Strobl) und Groupshow (mit Jan Jelinek und Andrew Pekler), als emblematisch für eine neue Welle von zerebraler elektronischer Musik stehen. Leichtmanns jüngstes Projekt ist sein Duo mit Valerio Tricoli, das auf dem einflussreichen Entr‘acte Label veröffentlicht.

Sam Longmore: Wie ist es für dich, in und zwischen ganz den verschiedenen Kontexten zu arbeiten, deren Teil zu jeweils bist? Zum einen bist du Teil der zeitgenössischen elektronischen Musik (als Musiker, Veranstaltungs- und Festivalorganisator und mit deinen Veröffentlichungen), daneben bist du auch aktiv in der Galeriekunstszene...

Hanno Leichtmann: Ich habe immer schon genre- und kontextübergreifend gearbeitet. Mich inspiriert es, in der Arbeit nicht nur einen einzelnen Fixpunkt zu haben. Selbst meine am deutlichsten konzeptuellen Arbeiten mit Klangarchiven unterscheiden sich aufgrund des jeweiligen Ausgangsmaterials, der gegebenen historischen Bedeutung, dem gegenwärtigen Kontext und so weiter untereinander sehr.


Wann hast zu damit begonnen, auf diesen verschiedenen Feldern zu arbeiten? Was waren die Motive? Verstehst Du Dich selbst eher als Musiker/Produzent oder als Galeriekünstler?

Ich begann 1999 als Schlagzeuger in verschiedenen Genres. Schließlich entwickelte ich mich zum Produzenten von elektronischer Musik. Eigentlich fing alles mit einer Roland TR-808 Schlagzeugmaschine an, die ich in einem Schrank an der Jazz-Schule entdeckte, an der ich studierte. Heute bin ich ohne Zweifel ein Produzent von elektronischer Musik – und in Folge dessen auch ein Festival- und Veranstaltungsorganisator.
 

Hanno Leichtmann mit Carolin Brandl, live im Plivka (Kiew, Ukraine, 27. Mai 2016)
Gibt es für Dich ein bevorzugtes Feld für dein Arbeiten – eine Lieblingsspielwiese?

Ich bin ein klassischer „Studio-Typ“. Ich liebe es, im Studio zu arbeiten, Klänge aufzunehmen, um sie in Installationen, Radiostücke oder ein Techno-Tracks zu verwandeln. Installationen sind mir, denke ich, am liebsten. Von Zeit zu Zeit genieße ich es, auf der Bühne zu stehen und in einer konzert-ähnlichen Situation aufzutreten. Das gefällt mir ich besonders in anderen Ländern und so freue ich mich schon auf das Erlebnis in Neuseeland!


Leichtmanns Live-Version seines Minimal Studies-Albums, das er mit einem Akai MPC, ausgewählten Modulatoren, einem Mischpult, verschiedenen Effekt-Boxen und einem aus einer Zither gebauten Ebow-Ton-Generator einspielte. Leichtmanns Live-Version seines Minimal Studies-Albums, das er mit einem Akai MPC, ausgewählten Modulatoren, einem Mischpult, verschiedenen Effekt-Boxen und einem aus einer Zither gebauten Ebow-Ton-Generator einspielte. | © Hanno Leichtmann Wie unterscheidet sich eine Musikveranstaltung, bei der du vor einem Publikum auftrittst, von der Präsentation von Klangarbeiten im Galeriekontext?

Beim Live-Konzert geht es um den Raum und das Publikum, die Galerie hingegen ist fast immer von den Rahmenbedingungen des White Cube geprägt, erscheint also wesentlich neutraler, was manchmal aber auch irgendwie nervig ist. Meist aber gefällt mir das. Das Publikum für die Installationen ist auch ein anderes. Die Leute sind in ihrem Denken oft viel abstrakter, würde ich sagen, und sind nicht so engstirnig in ihrem Denken wie manche Berufsmusiker.

Hanno Leichtmann führt “Christoph Schlingensief´s African Twintowers (Re)Played” beim 2016 CTM Festival for Adventurous Music and Art auf. Hanno Leichtmann führt “Christoph Schlingensief´s African Twintowers (Re)Played” beim 2016 CTM Festival for Adventurous Music and Art auf. | © Udo Siegfried Welche Erwartungen hast du für den Aufenthalt am Goethe Institut in Wellington? Welchen Einfluss wird der dortige Kontext auf dein Arbeiten während der Residency haben?

Das Goethe Institut war so freundlich, verschiedene Konzerte zu organisieren, darunter eines mit Dir in Auckland an der Audio Foundation Das ist super! Im besten Fall werde ich ein Archiv mit interessanten neuseeländischen Klängen entdecken, mit denen ich arbeiten kann. In Wellington werde ich ein privates Studio nutzen können, in dem ich an der derzeit in Arbeit befindlichen Installation für die Ausstellung 100 Years of Beat am Haus der Kulturen der Welt weiterarbeiten kann.


Deine Installationen sind oft durch die Auseinandersetzung mit bestimmten Klangarchiven entstanden. Kannst du etwas zu deiner Arbeitsmethode sagen?

Ich bin sehr glücklich, einen Weg gefunden zu haben, vorgefundene Klänge aus einem spezifischen Kontext – Roedelius, Ferienkurse Neue Musik, Primitiva – in neue Klänge und Arbeiten zu verwandeln. Der ursprüngliche Kontext liefert dabei natürlich den thematischen Rahmen und bestimmt die jeweils eigene Klang-Ästhetik.


Welche theoretische Haltung nimmst Du, allgemein gesprochen, gegenüber „dem Archiv“ als einem Konzept und einer Idee ein? Verstehst du es als etwas, was dir als gegeben erscheint, als statisch – oder als etwas, das sich im Laufe der Zeit ändert?

Ich denke, Archive sind wegen ihres gleichbleibenden Inhalts zeitgebunden, die Rezeption ihrer Inhalte hingegen kann sich mit der Zeit ändern.


Spricht dich das Material der Klangarchive eher inhaltlich oder eher konzeptuell an?

Ich finde es spannend, mit einer begrenzten Anzahl von Klängen zu arbeiten und dann ins Detail zu gehen. Mir geht es nicht so sehr um die Geschichte des Materials, sondern in erster Linie darum, mich selbst mit einem bestimmten Thema, einer Sprache, einer Auswahl von Klängen zu konfrontieren und dann herauszufinden, wie sie sich am besten anders und neuartig sortieren und arrangieren lassen.

 
Hanno Leichtmann, Nouvelles Aventures (9-minütiger Ausschnitt), entstanden anlässlich des 70. Geburtstags der Darmstädter internationalen Ferienkurse und dem “Historage”-Projekt, unter Verwendung des Gesamtarchivs der Ferienkurse.
Wie gehst du mit deinem eigenen Archiv um (sei es die Musik deines Labels oder deiner privaten Sammlung von gefundenen oder eingespielten Klängen)?

Es ist wie mit meinen Instrumenten. Ich kaufe eine Menge von Instrumenten und probiere sie aus, verkaufe dann die neuen regelmäßig nach vier Wochen. Nur die besten Instrumente, Platten, Klänge „überleben“ und bleiben bei mir.


SY – 4, eine 4-Kanal Klanginstallation, deren Klänge mit Hilfe eines original SY-1 von Pearl eingespielt wurden, eines frühen Schlagzeug-Synthesisers. SY – 4, eine 4-Kanal Klanginstallation, deren Klänge mit Hilfe eines original SY-1 von Pearl eingespielt wurden, eines frühen Schlagzeug-Synthesisers. | © Hanno Leichtmann Gibt es ein bestimmtes Klangarchiv, mit dem zu arbeiten dich besonders reizen würde?

Nein, ich mag alle Arten von Archiven. Gegenwärtig arbeite ich an einer Installation und einem Radiostück, für das ich nur Sounds von Schlagzeugern verwende, die mich inspiriert haben. Es ist die bisher herausforderndste Arbeit, da ich Klänge der einzelnen Schlagzeuger einander sehr ähnlich sind, ob sie nun von der Jazzlegende Elvin Jones oder dem Avant-Metal-Musiker Dave Lombardo stammen.


Alles Gute! Ich freue mich auf unser Treffen und bin gespannt, wie sich deine Arbeit während des Aufenthalts in Wellington entwickelt.