Nachgehakt: Ein Jahr nach dem Rückholflug

Bodensee-Impression: Winter und Sommer - teaser
© Jennifer Barton

Jennifer (27) war Januar - März 2020 Praktikantin der Kulturabteilung des Goethe-Institut Wellington und hatte vor, noch länger in Neuseeland zu bleiben – doch die pandemische Lage war anderer Meinung: Im vergangenen Jahr berichtete sie uns gemeinsam mit ihrer Praktikumskollegin Manja, wie sie den Rückholflug der deutschen Bundesregierung und ihre erste Zeit zurück in Deutschland während der Pandemie erlebte: hier zum Bericht. Mittlerweile ist über ein Jahr vergangen – ein Studienabschluss während Corona ist eine Herausforderung, die Jobsuche während Corona eine weitere – doch was bedeutet es darüber hinaus, wenn einen der Job wie in Jennifers Fall schließlich erneut ins Ausland führt?
 

Von Jennifer Barton

Crossing Borders – Grenzerfahrungen während Corona

Nach 25 Stunden Rückholflug landete ich im April 2020 auf deutschem Boden – und gefühlt auch auf dem Boden der Realität. Nach der Erleichterung und Freude, in dieser seltsamen und unberechenbaren Zeit wieder mit Freunden und Familie vereint zu sein, waren es nämlich schlicht lebenspraktische Fragen, die durch Corona plötzlich im Raum standen. Mein Nebenjob, durch den ich mein Kulturmanagement-Studium finanzierte hatte, war passé; das Unternehmen hatte Kurzarbeit, konnte keine studentischen Aushilfen mehr anstellen. So erging es Studierenden in ganz Deutschland. Mitte des Jahres konnte dann eine finanzielle Studienhilfe beim Staat beantragt werden – mit maximal 500 Euro im Monat zwar nicht die Welt, aber doch eine hilfreiche Unterstützung. Diese fiel in dem Moment weg, als mein Studium Ende September endete. Die jahrelang freudig angestrebte Frage „In welchem Job kann und möchte ich mich jetzt beweisen?“ lautete nun plötzlich „Wer stellt während Corona eigentlich überhaupt Leute in meinem Berufsfeld ein?“

Die 24h-Challenge

Ich wurde fündig, aber nicht in Deutschland, sondern unserem Nachbarland Österreich. Direkt hinter der Grenze in Bregenz am Bodensee. Ob Umzug und Jobstart in einem anderen Land während Corona leicht machbar sind? Leicht nicht, aber machbar. Da mein Job Anfang Januar – oder Jänner, wie der Österreicher sagt – begann, plante ich den Umzug für Dezember. Der Knackpunkt: Zwischen den beiden Ländern war es so geregelt, dass bei einem Aufenthalt über 24 Stunden im anderen Land bei der Rückreise eine längere Quarantäne verpflichtend wurde. Um den Freunden und Familienmitgliedern, die mir beim Umzug halfen, die Quarantäne zu ersparen, nahmen wir die 24h-Challenge an – inklusive rechtzeitiger Rückkehr zur Sperrstunde in Baden-Württemberg.

Zwischen zwei Welten

Mein Alltag in Österreich unterschied sich enorm zu den Maximal-72-Stunden-Aufenthalten in Deutschland, die zum Besuch der Familie in der ersten Jahreshälfte 2021 quarantänefrei erlaubt waren: Während in Vorarlberg als erstem Bundesland in Österreich nämlich bis März bereits alle Geschäfte und die Gastronomie mit gewissen Bedingungen und Einschränkungen (z.B. Essen gehen nur mit aktuellem negativem Testergebnis, nur bestimmte Anzahl von Leuten in Geschäften,...) öffnen durften, variierten in Baden-Württemberg wie auch in jedem anderen deutschen Bundesland die strengeren Beschränkungen entsprechend des jeweiligen Inzidenzwertes, wodurch sich die Einschränkungen kurzfristig und je nach Landkreis ändern konnten. Die Frage, die dabei zunehmend elementar wurde: Wann und wie haben Baumärkte geöffnet? So witzig es klingt: daheim Werkeln – sei es im Garten, am Haus oder am selbstausgebauten Van – war ein wichtiger Ausgleich für Viele und die Besuche im Baumarkt ein Stück Normalität.

Die größte Herausforderung beim Pendeln zwischen Deutschland und Österreich war es, die jeweils aktuellen Bestimmungen bezüglich Ein- und Ausreise für die Grenzkontrollen zu kennen. Doch genauso herausfordernd war es, über neu entstandene „Grenzen“ informiert zu sein. So bin ich nach einer Fahrradtour in Vorarlberg, die mich zwar über den Rhein, jedoch nicht aus Österreich heraus führte, einmal fast nicht nach Bregenz zurückgekommen. Warum? Ich war, ohne es zu merken, in ein Gebiet gefahren, das über Nacht zu einer Zone mit höherem Risiko erklärt worden war und nur mit Test wieder verlassen werden durfte.
 
  • Jennifer im Baumarkt © Jennifer Barton
    Auf Wochenendbesuch in Deutschland: Solange Baumärkte offen haben, wirft die Schwaben nichts aus der Bahn.
  • Bodensee-Impression: Winter und Sommer © Jennifer Barton
    Zwei Bilder wie Tag und Nacht – im Januar im Lockdown noch menschenleer bringt der Sommer mit allen Lockerungen die Menschen in Bregenz wieder am Seeufer zusammen und belebt die Gastronomie.

Vom Pazifik ans schwäbische Meer

Tatsächlich erinnert mich mein neues Zuhause häufig an Neuseeland: In Vorarlberg nennt man sich genauso schnell beim Vornamen wie ich es in Wellington erlebt habe und der See, an den Deutschland, Österreich und die Schweiz angrenzen, verströmt eine entspannte Urlaubsstimmung, während die Berge im Hintergrund grüßen. Von hier scheint Neuseeland gar nicht so weit – jedenfalls im Kopf. Aber das, was während Corona die letzten Monate deutlich geworden ist: Auch wenn wir einander nicht oder nur mit großen Einschränkungen besuchen können, sind wir alle verbunden und teilen unsere Gedanken und Geschichten mit nur einem Mausklick; ein beruhigender Gedanke, egal wie viele Meere uns trennen – und sei es auch nur ein kleines schwäbisches „Meer“ namens Bodensee.

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