Kulinarische Hafenstädte
Everybody Eatsk

Die freiwillige Küchenhilfe Virginia Connell befreit gerettete Kürbisse von schadhaften Stellen
Die freiwillige Küchenhilfe Virginia Connell befreit gerettete Kürbisse von schadhaften Stellen | © Lottie Hedley

Ein kostenloses Mittagessen – wo gibt’s denn sowas? Bei Everyboday Eats! Hier kostet das Essen nämlich entweder gar nichts, nur ein paar Dollar oder auch eben das, was man zahlen kann. Das System „Jeder zahlt, wie er kann“ ist ein Novum in Auckland und hat im Lauf des vergangenen Jahres deutliche Spuren in der Gastro-Szene hinterlassen. 
 

Im letzten Jahr hat sich Everybody Eats jeden Montagabend als Pop-Up-Restaurant im bekannten Restaurant Gemmayze Street in der K-Road präsentiert, wo ein Team aus freiwilligen Köchen und Helfern aus übrig gebliebenen Lebensmitteln leckere und gesunde Mahlzeiten zubereitete, für die die Gäste nur so viel bzw. wenig als koha („Spende“) in eine diskret platzierte Box gaben, wie sie eben zahlen konnten. Vor kurzem hat das Everybody Eats Konzept im Woodworks Café in Avondale eine feste Heimat gefunden, wo es nun jeden Mittwoch- und Donnerstagabend und, so hofft man, bald an insgesamt fünf Abenden pro Woche seine Dienste anbietet.
 
Gegründet wurde Everybody Eats von dem 32-jährigen Nick Loosley, der schon seit einem Jahrzehnt in der Gastro-Szene mitmischt. Die Fragen, wo das tägliche Essen eigentlich herkommt und welche Auswirkungen es auf Körper und Umwelt haben, haben ihn so sehr interessiert, dass er 2014 einen Master-Abschluss in Transformationsökonomie am Schuhmacher College in Großbritannien absolviert hat.
 
Zu sehen, wie dort die Studierenden jeden Tag das Küchenteam der Uni unterstützen, indem sie selbst Lebensmittel anbauen, ernten und zubereiten und im Anschluss alle gemeinsam essen, war laut Nick eine der prägendsten Erfahrungen seiner Zeit im College. „Ich fragte mich also“, erinnert er sich, „was würde passieren, wenn wir nicht mehr einfach so kochen und Essen verteilen, wie wir es gewohnt sind?“ Im Rahmen seiner Studie arbeitete Nick als Freiwilliger bei einem Dutzend verschiedener Organisationen, bei denen Menschen gemeinsam kochen und essen, darunter The Real Junk Food Project und Food Cycle, die auch gerettete Nahrungsmittel verwenden.
 
Zurück in Neuseeland beschloss Nick dann, mit seinem gastronomischen Know-How im Rücken mit Everybody Eats etwas völlig Neues zu wagen. Er hat erkannt, dass viele Menschen sich einfach keine Restaurantbesuche leisten können und wollte auch denjenigen eine angenehme und besondere kulinarische Atmosphäre bieten, die sonst daran nicht teilhaben können. Mit Everybody Eats wollte Nick ein Restaurant der gehobenen Klasse etablieren, das zu 95 % mit vor dem Verfall geretteten Lebensmitteln arbeitet.
 
Das Team von Everybody Eats kann pro Abend 100 bis 300 Gerichte zubereiten. Auch für den Koch des heutigen Abends Tony Njena ist Kochen für Viele kein Problem, hat er doch in den letzten 18 Jahren für verschiedenste Lokale in ganz Neuseeland gearbeitet, von der kleinen Lodge bis zum großen Stadion. Die größte Herausforderung ist für ihn, dass man jeden Tag aufs Neue in der Küche erst einmal das gesammelte Essen begutachten muss und dann erst entscheidet, was abends auf der Speisekarte steht.
 
Heute werden zwei Kofferraumladungen voller geretteter Lebensmittel angeliefert. Ohne das Team von Everybody Eats würden die Kartons mit unansehnlichem, beschädigtem oder verfärbtem Obst und Gemüse wie Weißohl, Blumenkohl, Bananen, Äpfeln, Pilze, Möhren, Brokkoli oder Paprika wohl direkt den Schweinen zum Fraß vorgeworfen oder auf den Müll gekippt werden.
 

  • Everybody Eats Gründer Nick Loosley holt ausgemusterte Lebensmittel aus dem Supermarkt New World in Eastridge ab © Lottie Hedley
    Everybody Eats Gründer Nick Loosley holt ausgemusterte Lebensmittel aus dem Supermarkt New World in Eastridge ab
  • Everybody Eats Gründer Nick Loosley bei einer Lebensmittelrettungsaktion von Kiwi Harvest © Lottie Hedley
    Everybody Eats Gründer Nick Loosley bei einer Lebensmittelrettungsaktion von Kiwi Harvest
  • Everybody Eats Gründer Nick Loosley holt aussortierte Waren in der Daily Bread Bäckerei in Auckland ab © Lottie Hedley
    Everybody Eats Gründer Nick Loosley holt aussortierte Waren in der Daily Bread Bäckerei in Auckland ab
  • Küchenchef Tony Nienga begutachtet die geretteten Lebensmittel des Tages und plant das Abendmenü © Lottie Hedley
    Küchenchef Tony Nienga begutachtet die geretteten Lebensmittel des Tages und plant das Abendmenü
  • Die freiwillige Küchenhilfe Virginia Connell befreit gerettete Kürbisse von schadhaften Stellen © Lottie Hedley
    Die freiwillige Küchenhilfe Virginia Connell befreit gerettete Kürbisse von schadhaften Stellen
  • Amanda Butland bereitet das Restaurant für den abendlichen Betrieb vor © Lottie Hedley
    Amanda Butland bereitet das Restaurant für den abendlichen Betrieb vor
  • Küchenchef Tony Nienga und sein Team bereiten das 3-Gang-Menü des Abends vor © Lottie Hedley
    Küchenchef Tony Nienga und sein Team bereiten das 3-Gang-Menü des Abends vor
  • Zum ersten Gang gibt’s würzige Blumenkohlsuppe © Lottie Hedley
    Zum ersten Gang gibt’s würzige Blumenkohlsuppe
  • Das Freiwilligenteam von Everybody Eats beim Besuch der Autorin im Oktober 2018 © Lottie Hedley
    Das Freiwilligenteam von Everybody Eats beim Besuch der Autorin im Oktober 2018
  • Everybody Eats Gründer Nick Loosley © Lottie Hedley
    Everybody Eats Gründer Nick Loosley
Das erklärte Ziel sei es, so Nick, gesunde und für jeden erschwingliche Restaurantgerichte anzubieten. Bei meinem Besuch in Avondale steht bei Tony würzige Blumenkohlsuppe, pikant angebratenes Rindfleisch mit Gemüse sowie Apple Crumble als Dessert auf dem Menüplan. Fleisch und Gemüse stammen von dem Supermarkt New World in Eastridge und der Foodsharing-Organisation Kiwi Harvest, das Brot von der Bäckerei Daily Bread in Point Chevalier. Nur ein paar Basics wie Reis oder Sojasauce muss Nick aus dem Supermarkt dazukaufen.
 
Everybody Eats wird von einem Freiwilligenteam organisiert: Ein Küchenteam bereitet das Essen vor und nimmt sich der Tellerberge an, die während der Essenszeiten anfallen, das Service-Team begrüßt und bewirtet die Gäste.
 
Seit Everybody Eats viele bekannte Küchenchefs dazu gebracht hat, ihre Crew als Freiwillige einzuspannen, erfährt dieses Konzept der Gastfreundlichkeit in Auckland enorm viel Unterstützung. Dazu gibt es auch noch ständige Freiwillige wie die fünffache Mutter Virginia Connell. Seit einem Jahr schaufelt sich Virginia jede Woche aus ihrem Berufs- und Privatleben frei und hilft stattdessen freiwillig bei Everybody Eats. Ich wollte von ihr wissen, was sie motiviert, jeden Mittwoch acht Stunden in der Küche zu stehen und fleißig Lebensmittel zu schnibbeln, um das abendliche Speisenangebot vorzubereiten.
 
„Bei uns in Avondale gibt es viele Familien mit nur einem Einkommen, die es sich nicht leisten können, schick essen zu gehen”, erzählt sie mir. „Hier bekommt man nicht nur ein dreigängiges Menü, sondern erlebt auch ein echtes Gemeinschaftsgefühl, und das ist für mich das Beste daran. Es geht um Würde. Hier wird nicht nur der Hunger gestillt, ein Besuch hier ist auch gewissermaßen Seelenfutter.“
 
Amanda Butland leitet das Freiwilligen-Restaurant in Avondale. Zu Beginn des Abends teilt sie neue Helferinnen und Helfer gemeinsam mit erfahrenen Hilfskräften ein, damit diese die Arbeitsabläufe von Grund auf kennenlernen. Mit Everybody Eats, so Amanda, habe man einen geschützten Raum zum gemeinsamen Essen geschaffen. „Es kommen viele verschiedene Menschen zu uns“, berichtet sie. „Manche haben nur sehr wenig Geld für Essen zur Verfügung, andere finden einfach nur das Konzept unterstützenswert. Egal, warum man hierherkommt, jeder ist willkommen.“ Kurz, die Gäste bei Everybody Eats sind einerseits einkommensschwache Bürger, darunter Obdachlose und Senioren, aber auch junge Hipster, Familien und Besserverdiener.

Das Service-Team setzt dabei bewusst Menschen gemeinsam an einen Tisch, die sich nicht kennen. „Am Anfang sind sie noch etwas schüchtern“, so Amanda“, „aber beim gemeinsamen Essen entstehen meist ganz schnell großartige Gespräche. Essen ist immer noch die beste Art, Menschen zusammenzubringen. Es geht also bei uns nicht nur darum, Nahrungsmittel vor dem Verfall zu retten, es geht auch darum, ein Gemeinschaftsgefühl aufzubauen und zu zeigen, dass man sich gegenseitig wertschätzt und mag. Und das funktioniert ganz wunderbar!“
 
Nun möchte Nick das Konzept auch in anderen Städten in Neuseeland etablieren, vorausgesetzt, dass man an den neuen Standorten auch den Grundgedanken von Everybody Eats umsetzt, sprich, möglichst viele gerettete Lebensmitteln nutzen, mit Freiwilligen und nach dem Prinzip „Jeder zahlt so viel er kann“ arbeiten. Ein weiterer wichtiger Punkt ist es laut Nick, dass man  stets möglichst inklusiv arbeitet.
 
Im Vordergrund, so der Betreiber, steht dabei nicht nur ein voller Magen, sondern vor allem das soziale Miteinander. Über das Essen kommt man leicht mit anderen ins Gespräch und trifft Leute, mit denen man sonst vielleicht nicht in Berührung käme. „Unsere Gesellschaft ist leider streng in verschiedene Gruppen eingeteilt, aber das ist nun mal die Realität, in der wir leben“, so Nick.
 
„Ich glaube, es gibt nicht viele Orte, an denen Menschen verschiedener Altersgruppen und mit unterschiedlichem kulturellen, sozialen oder wirtschaftlichem Hintergrund zusammenkommen und sich unterhalten. Essen ist immer noch die beste Möglichkeit, verschiedene Leute zusammenzubringen. Ich wünsche mir, dass jeder Gast ein gutes Verhältnis zu seinem Gegenüber hat, egal, welches Geschlecht oder welcher Kultur dieser angehört und wie reich oder arm er ist.“
 
Ein weiterer Pluspunkt ist für Nick, dass die Leute über Lebensmittelverschwendung nachdenken und merken, dass man auch aus gammelig aussehenden Nahrungsmitteln etwas Appetitliches und Leckeres zaubern kann und diese keinesfalls einfach wegeschmeißen sollte. „Wenn die Leute dort sitzen und wissen, dass sie etwas essen, dass zu 90 oder 95 % aus Zutaten besteht, die sonst einfach weggeschmissen worden wären und es ihnen trotzdem schmeckt, ändern sie vielleicht auch ihr Einkaufsverhalten und werfen nicht mehr so viel weg.“
 
 
Vielen Dank an den Gründer von Everybody Eats Nick Loosley, Virginia Connell, die einmal in der Woche freiwillig mithilft, den Everybody Eats Küchenchef Tony Njenga sowie die freiwillige Restaurantmanagerin Amanda Butland, die ich für diese Geschichte einen Mittwochabend lang im Everybody Eats in Avondale begleiten durfte.
 

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