Documentarfilm „Ciudad Infinita – Voces de El Ermitaño“

El Ermitanio © Kathrin Golda-Pongratz

Dokumentarfilm „Ciudad Infinita – Voces de El Ermitaño“

Im Rahmen des Regionalprojektes „Arrival City“ wird im Auditorium des Goethe-Instituts der Dokumentarfilm „Ciudad Infinita – Voces de El Ermitaño“ vorgestellt und durch eine Podiumsdiskussion mit der Projektleiterin und Ko- Direktorin Kathrin Golda-Pongratz ergänzt.


Über den Dokumentarfilm

Anhand ausgewählter Personen erzählt der Dokumentarfilm die Realität des Selbstbauviertels El Ermitaño. Hauptakteure sind ein 10-jähriges Mädchen, Marjori, die in schwierigen familiären Verhältnissen lebt und die sich mit einer knapp 80-jährigen Bewohnerin und Mitglied der ersten Landbesetzergruppe im Jahr 1962, Silvina, austauschen wird. Ihre Lebenswege werden verknüpft. Zwei weitere Hauptakteure werden der ca. 50-jährige Dante, dessen verstorbener Vater einer der wichtigsten Nachbarschaftsaktivisten und Dirigente war, sowie Domingo, ein Künstler und Aktivist der Gegenwart, der Kulturfestivals, Theatergruppen und Jugendmusik im Viertel organisiert und neue Formen der Gemeinschafts- und Identitätsbildung fördert.

In der Begleitung und Zusammenführung dieser vier Schlüsselfiguren werden die wichtigsten Themen erzählt und gemeinsam erörtert:

Die Entwicklung des Viertels von einem selbstorganisierten Selbstbauquartier, den gemeinschaftlich erkämpften Prozessen der Anerkennung, der geringen, technischen Unterstützung des Selbstbaus seitens des Staates, der kollektiven Organisation von Ausbildung und Grundernährung, des schwierigen Weges zur Infrastrukturausstattung und einer regelrechten Stadtentwicklung von unten.

Die Verdichtung, der Zuzug neuer Bevölkerungsgruppen, innere Migration, die Organisation in Sektoren, die Gemeinschaftsbildung und Integration verschiedener Generationen. Die Stärkung öffentlicher Einrichtungen jedoch auch der schrittweise Verlust der Solidaritätsnetzwerke und deren Schwächung in den neunziger Jahren. Und die Frage des Wohnens: wie wohnen die verschiedenen Akteure, nach welchen Kriterien haben sie ihre Häuser und Wohnräume gestaltet? Ist die Generation der Kinder sich der Selbstbau-Identität des Quartiers bewusst? Wie kann diese Erinnerung heute identitätsstiftend vermittelt werden? Wie leben sie Gemeinschaft heute? Wie verknüpfen sich andine Traditionen und Glaubensmuster mit denen der hybriden Kultur der Großstadt? Welche Rolle spielt die Religion in der Natur- und Raumwahrnehmung? Und wie sind die Beziehungmuster in und zum öffentlichen Raum?

Im Besonderen soll es um die Frage der Zukunft gehen? Womit identifiziert sich die Bevölkerung? Ist sie sich des Risikos im Anbetracht des zunehmenden Wachstums in abrutschgefährdete Hangregionen bewusst? Wie können partizipative Ansätze des Schutzes des eigenen Lebensraums und seiner gefährdeten Biodiversiät gefördert werden?

Der Film möchte lokale und universale Fragen der Stadtentwicklung, des Wohnens und der Gemeinschaftsbildung und die Sensibilisierung für Umweltfragen für eine bessere Zukunft der großen Städte zusammenbringen. Ebenso wird er die Wichtigkeit der Peripherien, der nach wie vor vernachlässigten Quartiere an den Rändern der Metropolen als zentrale Akteure und Orte der Übernahme von Verantwortung für ein besseres gesamtstädtisches Zusammenleben und ein Gleichgewicht zwischen Stadt und Umland (Natur) betonen. Entwicklungspolitische Ansätze für die Städte sollten dieses Potential der Peripherien erkennen und fördern und im besonderen Interdisziplinarität in Projekten einfordern.


Projektbeschreibung

Ursprung des Projekts ist das Auffinden des 1964 vom Fernsehkanal der Vereinten Nationen (UNTV) produzierten und schließlich zensierten Dokumentarfilms “A Roof of My Own” im Archiv des britischen Architekten John F. C. TURNER (*1927), Träger des Alternativen Nobelpreises und bedeutenden Theoretiker des Selbstbaus, mit dem die Projektleiterin Kathrin Golda-Pongratz seit Jahren eng kooperiert.

Der Film porträtiert die Selbstbauprozesse in der peruanischen Hauptstadt Lima der frühen sechziger Jahre am konkreten Beispiel der Siedlung El Ermitaño und stellt diese als Potenzial und generell positive und zu unterstützende Entwicklung dar. Aus diesem Grund wurde der Film im Nachhinein auch zensiert: der damalige Staatspräsident Fernando Belaúnde Terry spricht im Film einen kurzen Epilog, der die Selbstorganisation des Volkes lobt und die Prozesse in Richtung einer Fusion der alten andinen Traditionen der Solidarität und Ökonomie des Tausches mit modernen Prinzipien, in denen er die Zukunft sieht. Letztlich war diese humanistische und solidarische Perspektive mit dem Fortschrittsideal eines progressistischen Staates nicht vereinbar.

Das Wiederentdecken des Films führte zu einer einfachen und nun komplex gewordenen Idee: den Bewohnern des Selbstbauviertels, dessen Entstehung durch eine informelle Landnahme 1962 porträtiert wurde, dieses Stück Erinnerung zurückzugeben, den Film vor Ort zu zeigen und mit dem Zeigen des alten Films und der Inwertsetzung der schwierigen Vergangenheit ein neues Dokumentarfilmprojekt zu beginnen.

Neben dieser Erinnerungsarbeit und dem Dokumentieren ungeschriebener Stadtgeschichte geht es um Fragen der Migration, Gemeinschaftsbildung und Stadtökologie sowie Risikomanagement in einer Selbstbausiedlung in Lima.

El Ermitaño ist heute Teil einer Millionenstadt, hat mehrere zehntausend Bewohner, mehr als achtzig Prozent der Bevölkerung hat andine Wurzeln und nach wie vor starke emotionale Bindung an die Herkunftsorte, weniger als an den selbst geschaffenen Wohnort in der wüstenhaften Metropole Lima.

Über Kathrin Golda-Pongartz:

Kathrin Golda-Pongartz ist promovierte Architektin, Stadtplanerin, Städteforscherin und Fotografin.
 
Derzeit ist sie als Professorin an der „Universitat Internacional de Catalunya“ tätig, an der sie Seminare zu territorialen Entwicklungen im hispanoamerikanischen Kontext und auf globaler Ebene gibt.
 
Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Urbane Kultur(en) und öffentlicher Raum, urbanes Gedächtnis, Prozesse der Urbanisierung und Globalisierung, informeller Städtebau und gemeinsame urbane Praktiken.
 
Ihre neueste Veröffentlichung als Ko-Herausgeberin: „John F C Turner: Autoconstrucción. Por una autonomía del habitar“ (Eigenbau. Für die Selbstverwaltung des Wohnens) wird in Lima am 5. Oktober an der „Universidad Nacional de Ingeniería” und am 15. Oktober in der „Universidad Privada del Norte” präsentiert und diskutiert.
 
Ihr Dokumentarfilm „Ciudad Infinita – Voces de El Ermitaño“, 2018 (Endlose Stadt – Stimmen aus El  Ermitaño) der gemeinsam mit einem peruanischen Team realisiert wurde, entstand aus der Forschung zu dem genannten Buch heraus.