Interview
Carolina Chimoy

Carolina Chimoy
Goethe-Institut Peru / Lourdes Herrera

Carolina Chimoy ist Journalistin bei der Deutschen Welle, ein Sender, der rund 57 Millionen Menschen auf der ganzen Welt erreicht. Carolina hat Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Entwicklungspolitik und bilaterale Beziehungen zwischen Deutschland und Lateinamerika an der Universität Augsburg und an der Freien Universität Berlin studiert. Außerdem war sie Beraterin in den Ausschüssen für wirtschaftliche und ökologische Zusammenarbeit des Deutschen Bundestages. Carolina lebt seit 14 Jahren in Deutschland, derzeit befindet sie sich jedoch als Auslandskorrespondentin in den USA. 

(Dieses Interview fand kurz vor den Präsidentschaftswahlen in den USA statt)

Carolina, warum Deutschland?

Carolina Chimoy: Wie viele Dinge im Leben, war es ein Zufall. Als ich zur Schule gehen sollte, lebte ich in Belgrad, im ehemaligen Jugoslawien. Die deutsche Schule war eine der wenigen, die es in der alten Hauptstadt eines nicht mehr existierenden Landes, Jugoslawien, gab. Ich habe dort Deutsch gelernt, es war eine sehr kleine Schule; wir waren nur vier Schülerinnen in der Klasse. Das hat mich für immer geprägt, auch für das,  was später kam. Es ist interessant zu sehen, wie die Sprache, die du von Kind auf lernst, ein entscheidender Faktor für die Gestaltung deiner Zukunft ist.
Du hast in Augsburg studiert; warum diese Stadt, die, zumindest in Lateinamerika, nicht so bekannt ist.
Augsburg ist eine sehr schöne Stadt, sehr malerisch. Sie ist nicht sehr groß, sie hat vielleicht 300.000 Einwohner. Aber, um diese neue Phase zu beginnen, ich allein als Studentin an der Universität und so weit weg von zu Hause, war Augsburg die perfekte Stadt. Denn sie ist klein, es gibt viele Student*innen, die Universität ist sehr schön, es ist ein guter Ort, um ein Leben in Deutschland zu beginnen und nicht direkt in einer große Stadt wie Berlin zu landen.

Erzähl uns über deine Arbeit als Journalistin. Wie hat Deutschland zu deiner Karriere beigetragen?

Journalismus ist für mich der beste Job der Welt. Es ist ein Job, der viele Möglichkeiten bietet. Er ist sehr vielfältig, es gibt keine Routine, er ermöglicht es, sich auf bestimmte Inhalte zu spezialisieren, sei es Politik oder Wissenschaft. Und Deutschland ist auch ein guter Ort, um diese Karriere zu beginnen. Man hat eine sehr gute Ausbildung für Journalist*innen und hier wird auch sehr viel für die Pressefreiheit gemacht, und nicht nur hier im Land, sondern auch in der ganzen Welt. Insbesondere ist die Deutsche Welle ein Kanal, der diese Grundsätze der Pressefreiheit und der Menschenrechte auf globaler Ebene fördert. Ich sehe mich als Weltbürgerin und es ist sehr schön, auch dazu beitragen zu können, dass diese Grundrechte auf internationaler Ebene gefördert werden.
 
Kannst du uns etwas über die Arbeitsbedingungen, die du als Journalistin der DW hast, erzählen?

Nun, das ist sehr unterschiedlich. Es hängt sehr von den Freiheiten ab, die ein Land dir gibt. Zum Beispiel die Erfahrung, die ich vor ungefähr 5 Jahren in Venezuela in Caracas gemacht habe, als ich dort ein paar Geschichten erzählen wollte, hat mich die Pressefreiheit in Deutschland noch mehr schätzen lassen. Es war sehr problematisch, auf der Straße zu filmen, auch wenn es zum Beispiel nur um eine einfache Apotheke ging. Es ist nicht möglich, eine Erlaubnis zum Filmen in einem Krankenhaus zu erhalten, was in vielen Ländern das Normalste ist, und es ist das Recht der Journalist*innen, über eine Situation berichten zu dürfen, auch wenn es eine Kritik an der Regierung ist. Das ist etwas, das in Venezuela nicht nur unmöglich war, sondern die Strategie der Einschüchterung durch die Regierung spielte auch eine ziemlich große Rolle. Diese Erfahrungen haben mich irgendwie geprägt und mir gezeigt, wie schwierig es sein kann, Journalist*in in einem Land unter einer Regierung sein, die Journalist*innen nicht nur verabscheut, sondern sogar versucht, sie einzuschüchtern, um sie an ihrer Informationsarbeit zu hindern.

In den 14 Jahren, die du in Deutschland lebst, wie siehst du die Lage der Rechte wie z.B. das Recht auf Gesundheit oder die Sicherheit.  Wurden Fortschritte gemacht, wurden sie beibehalten oder ist man sogar einen Schritt zurück gegangen?

Deutschland ist ein Land, das sich gerade dadurch kennzeichnet. Es herrscht Sozialdemokratie, wie man sagt. Sozial eben weil es das Recht auf Gesundheit, Bildung und andere Rechte gibt. Alle Bürger*innen haben dieses Recht. Die Lage hat sich in den letzten Jahren etwas verändert und für mich ist es ein ziemlich besorgniserregender Trend, dass Sektoren wie das Bildungswesen oder der Gesundheitssektor eine Form ähnlich wie in den Vereinigten Staaten annehmen. Sie werden einfach privatisiert. Es ist schade, denn man nimmt Menschen, die kein Geld haben, aber intelligent sind, jegliche Chancen. Auch im Gesundheitswesen unterscheidet man inzwischen zwischen privaten und Kassenpatient*innen. Die staatliche Versicherung ist in Deutschland sehr gut, aber immer mehr Ärzte behandeln nur Patient*innen, die privat versichert sind, oder sie bekommen schneller einen Termin, während diejenigen aus der staatlichen Versicherung warten müssen. Es ist ein ziemlich besorgniserregender Trend, und ich denke wirklich, dass Deutschland in diesem Sinne nicht dem System aus den Vereinigten Staaten folgen sollte.

Ja, aber wenn wir diese Rechte mit den Bedingungen oder Möglichkeiten vergleichen, die in Ländern in Lateinamerika vergleichen... Und kann eine berufstätige Mutter in Deutschland beide Rollen in Einklang bringen?

Auf jeden Fall. Die Unterstützung für Frauen im Allgemeinen ist in Deutschland ziemlich groß, obwohl noch ein langer Weg vor uns liegt. Aber obwohl es nicht ganz perfekt ist, gibt es zum Beispiel für alleinerziehende Mütter die richtige Unterstützung des Staates, um voranzukommen. Und wenn ich es wieder mit den Vereinigten Staaten vergleiche, kann man sehen, dass in gewissen Aspekten beide Länder zwei Extreme sind. Hier in den Vereinigten Staaten wäre es unmöglich, an Mutterschaftsurlaub zu denken. In Deutschland ist der Mutterschaftsurlaub geregelt und es gibt der Mutter wirklich die Möglichkeit, zuerst mit ihrem Kind zu sein, und dann in ihren Job zurückzukehren. Sie behält die Arbeit, die sie zuvor hatte, und das sogar nach einem Jahr. Etwas Undenkbares in den Vereinigten Staaten, wo einige Frauen nach der Geburt sogar Urlaub machen müssen, um ein wenig Zeit mit ihren Babys verbringen zu können. Also, ja, in bestimmten Aspekten hat Deutschland bereits Fortschritte gemacht, auch in Bezug auf die Frauenquote, die es zum Beispiel im Parlament gibt. Aber es ist noch ein langer Weg. Ich weiß von Frauen, die ihre Kinder erst spät bekommen haben, dann zur Arbeit zurückkehren, und obwohl sie das Recht haben, im selben Posten zu sein, werden sie als Mütter stigmatisiert, in dem sie weniger wichtige Aufgaben bekommen, weil sie denken, dass sie als Mütter jetzt mehr Zeit für die Kinder und nicht mehr nur für die Arbeit haben werden. Auch das ungleiche Gehalt gibt es in Deutschland. Frauen, die den gleichen Job wie ein Mann machen, verdienen weniger aufgrund der einfachen Tatsache, Frau zu sein oder weil wir als Frauen möglicherweise nicht so aggressiv verhandeln wie ein Mann, wenn wir ein Gehalt aushandeln. Ich glaube, dass es am Ende zwei Dinge gibt, nicht nur politische Reformen, die in einem Land durchgeführt werden können, sondern dass Frauen sich auch zunehmend bewusst werden, welche Rechte sie haben und dass sie ohne Angst ihre Rechte einfordern.

Normalerweise ist für die Ausländer*innen die Sprache die größte Herausforderung, aber du hast erzählt, dass du von klein auf Deutsch an der Schule gelernt hast. Was war für dich die größte Schwierigkeit in Deutschland?

Ich hatte großes Glück, weil ich schon in jungen Jahren Deutsch gelernt habe und auch auf eine sehr natürliche Weise. Ich erinnere mich nicht, dass ich zum Beispiel viel mit Grammatik zu kämpfen hatte, wovor sich viele fürchten. Die Sprache war es also nicht. Während der Schulzeit machte ich bei einem Schüleraustausch mit, also kannte ich auch, wie das Leben in Deutschland war, aber mich an diese Gesellschaft anzupassen war schwierig. Ich will nicht sagen, dass sie besser oder schlechter ist, sie ist einfach anders. Sie ist vielleicht etwas kühler, etwas distanzierter, keine die dich sofort umarmt und wo du dich sofort super willkommen fühlst. Aber, und das ist wichtig, wenn du verstanden hast, wie es hier funktioniert, und erkennst, dass die Freundschaften ehrliche und fürs ganze Leben sind, dann lernst du diese Gesellschaft aus einem anderen Blickwinkel zu schätzen.

Wie würdest du einen normalen Tag in Deutschland beschreiben? Wie ist es, wenn du zum ersten Mal in dieses Land kommst? Was ist in Deutschland so anders als in Peru?

Wenn du zum ersten Mal nach Deutschland kommst, ist alles wirklich neu für dich. Zum Beispiel willst du den Bus nehmen, um zur Universität zu fahren, und das erste was dich überrascht, ist, dass es einen Busfahrplan gibt. Da steht, dass der Bus um 4:24 Uhr ankommen wird. Und um 4:24 Uhr steht tatsächlich der Bus mit offenen Türen da und um 4:25 Uhr schließen sie sich. Natürlich bringt es dich zuerst vielleicht sogar zum Lachen. Warum so genau? Es ist eine Genauigkeit in allem und eine Pünktlichkeit, die sich sehr von der in unseren Ländern unterscheidet. Allein in Lima, da gibt es keinen Fahrplan und es geschieht, dass sich zwei Busse treffen und dann fangen sie ein Rennen um die Passagiere an... Also der erste Eindruck ist die Genauigkeit, die auch in vielen anderen Aspekten des Lebens in Deutschland zu finden ist.

Und wie steht es mit dem Wetter? Hast du es auch geschafft, es zu verstehen?

Das Wetter ist auch so. Im Frühling blühen die Blumen, im Winter kommt der  Schnee, im Herbst werden die Blätter braun oder Gold und fallen, und im Sommer kommt die Sonne. Auch das Wetter hat bestimmte Jahreszeiten. Es gibt auch ein Datum in dem zum Beispiel der Sommer beginnt, oder der Frühling, aber das ist natürlich nicht genau. Aber hier spielt auch ein wichtiger Faktor, ein globales Problem: der Klimawandel und das nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. Vor zwei Jahren, als ich auch hier in Washington war, lag zu dieser Jahreszeit viel Schnee und es war sehr kalt. Heute regnet es und es ist ein mehr oder weniger grauer Tag, aber überhaupt nicht wie vor zwei Jahren, und auch in Deutschland ist der Klimawandel zu spüren. Die Sommer werden immer heißer.
Und wie hat es die deutsche Bevölkerung geschafft, täglich mit dem Thema Klimawandel umzugehen?
In Deutschland sind sich die Menschen dieses Problems sehr bewusst, und das ist auch ein ziemlich schöner Aspekt. Nicht nur, weil es ein Fach ist, das bereits ab der Schule unterrichtet wird, sondern die Leute machen auch ihr Teil. Sie trennen zum Beispiel den Müll und sind sich bewusst, dass es besser ist, nicht so viel Plastik und vielleicht mehr Glas zu verwenden. Die gesamte Fridays For Future- Bewegung in Deutschland wurde teilweise auch in Berlin geboren. Hier versammelten sich vor der Pandemie jeden Freitag junge Menschen aus den letzten Schuljahren, um auf die Straße zu gehen, um für weitere Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels und für den Schutz der Umwelt zu protestieren. Auf politischer Ebene ist Deutschland auf den Klimagipfeln einer der Hauptverteidiger des Pariser Abkommens. Es ist ein wesentliches Thema, das auch auf politischer Ebene immer stärker wird, und vielleicht auch einer der Gründe, warum bei den Wahlen, die nächstes Jahr in Deutschland stattfinden werden, die Grünen als klare Gewinner hervorgehen könnten.
Inwiefern ist Peru in Deutschland bekannt?
Das hat sich im Laufe der Jahre geändert. Ich denke, jetzt wird mehr über Peru bekannt gegeben. Als ich Anfang der 90er den Schüleraustausch machte, war ich 11 Jahre alt, und als meine Mitschüler*innen fragten, woher ich kam, und ich Peru sagte, sah ich an ihren Gesichtern, dass sie nicht wussten, wo mein Land lag. Dann sagte ich Südamerika und ich erinnere mich, dass ein Mädchen fragte: „Oh, ich war auch in Südamerika, aber ist es Florida oder Texas woher du kommst?“ Da wurde mir klar, dass für einige Deutsche offensichtlich unter Florida und Texas nicht viel gab. Das hat sich geändert. Die Menschen verbinden viele Dinge mit Peru. Jetzt ist das Essen, was viele Leute mit Peru assoziieren. Das Essen ist ein internationaler Boom und das fast in jedem Land. Hier in Washington gibt es viele peruanische Restaurants und sie sind sehr erfolgreich. In Berlin gibt es auch mindestens 6 oder vielleicht sogar 8 peruanische Restaurants.
Hast du in Deutschland, besonders in Städten, dieses Gefühl gespürt, in verschiedenen Ländern der Welt gleichzeitig zu sein?
Das ist ein sehr interessanter Aspekt, der sich meiner Meinung nach auch in Deutschland geändert hat. Deutschland, wie ich es kannte, war nicht so international; es war ein Land; europäisch ja, aber das war es dann auch schon. Das hat sich sehr verändert. Ich lebe in Berlin und das ist eine "multikulti" Stadt, wie man auf Deutsch sagt. Sehr kosmopolitisch, sehr vielfältig. Und dieses Phänomen nimmt im Laufe der Jahre nicht nur in Berlin, sondern auch in verschiedenen Städten, zu. Es ist etwas, das sich wie viele andere Dinge in transparenten Demokratien im Parlament widerspiegelt. Zum Beispiel haben wir immer mehr Abgeordnete mit Migrationshintergrund, aber immer noch nicht genug. Daran muss sich die deutsche Gesellschaft erst noch gewöhnen. Und ich sage, dass es ein interessanter Punkt ist, weil es eine Veränderung ist, die zwei Arten von Reaktionen ausgelöst hat.
Auf der einen Seite diejenigen, die das annehmen, diesen internationalen Charakter, Menschen aus verschiedenen Kulturen, und sehen es als etwas, das die Gesellschaft bereichert, und auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die es hassen. Sie sind nicht daran gewöhnt und daher auch diese wachsende Rechte sogar extreme Rechte in Deutschland. Das ist der Nachteil, aber definitiv ja, die deutsche Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren ziemlich verändert und wird zunehmend internationaler. Aus meiner Sicht ist das sehr positiv.
Das ist tatsächlich ein besorgniserregender Punkt, besonders für diejenigen, die mit dem Gedanken spielen, in Deutschland zu arbeiten oder zu studieren. Diese rechte Bewegung und der Rassismus wie häufig ist das in Deutschland zu finden?
Nun, es ist ein Rassismus, der nicht nur in Deutschland existiert. Er existiert in Deutschland, genauso wie er hier in den Vereinigten Staaten und auch in Peru sehr stark existiert. Es ist ein globaler Rassismus. Genau wie in Deutschland hat die extreme Rechte ihre eigenen Gedanken, nicht nur gegen farbige Menschen, sondern auch gegen bestimmte Religionen. Hier in den Vereinigten Staaten mögen es Afroamerikaner*innen sein, aber es ist auch ein Rassismus, der in Peru existiert. Er ist nicht besonders stark in Deutschland, aber es hat natürlich einen sehr schlechten Beigeschmack, gerade in Deutschland, weil es ein Land ist, das eine Geschichte im Zweiten Weltkrieg hat. Aber genauso wie es eine wachsende rechtsradikale Bewegung gibt, gibt es auch eine wachsende Bewegung, die dagegen ist. Rassismus in Lateinamerika, der auch existiert, ist anders, weil er vielleicht viel subtiler ist, aber er ist sehr präsent und es gibt keine große Bewegung, von der ich weiß, dass sie gegen Rassismus in Lateinamerika etwas äußerst Wichtiges tut. Mit anderen Worten, ich würde Rassismus in Deutschland nicht als extreme Gefahr akzentuieren oder betrachten.
Ja, das ist sehr wichtig, weil etwas was man in Deutschland spürt, ist gerade die Sicherheit. Es ist ein Wort, das viele Menschen sagen, wenn man sie nach ihrer Erfahrung in Deutschland fragt.
Ja, definitiv, aber es kommt auch darauf an, wo in Deutschland man ist. Berlin ist vielleicht nicht so sicher wie Augsburg, aber es ist ein äußerst wichtiger Faktor. Außerdem zahlen die Bürger*innen in Deutschland sehr viele Steuern, so dass sie sich manchmal auch beklagen, weil sie 40% oder 50% des Gehalts an Steuern zahlen, aber sie wissen wofür sie zahlen: es gibt gute Straßen, Gesundheit, Bildung, eine Kulturwelt und darunter auch den wesentlichen Aspekt der Sicherheit, ein Polizeisystem, das funktioniert. Wenn es also Kriminalität gibt, denn sie existiert, ist sie in einem Bereich, der verglichen mit dem Rest der Welt sehr, sehr niedrig ist. Und wenn du Kontakt zur Polizei aufnimmst, findest du dort keine Feinde, sondern Fachleute, die ihre Arbeit gut machen, weil es keine Polizist*innen sind, die ein niedriges Gehalt haben und gezwungen sind, andere Wege zu suchen, um ihre Familien zu ernähren. Sie sind ein wichtiger Teil der Gesellschaft, und das schätze ich sehr, denn es scheint mir, dass es in vielen Ländern, und nicht nur in Lateinamerika, sondern auch in den Vereinigten Staaten zum Beispiel, oft nicht möglich ist. Es wird sehr individualistisch gedacht. Man will nicht so viele Steuern zahlen und lieber stellt man seinen Sicherheitsmann für das eigene Haus, anstatt den Staat zu zahlen und damit dazu beizutragen, dass es Sicherheit für alle gibt. Das ist eine Demokratie, die wirklich funktioniert.
Was kannst du uns über die wirtschaftliche Kluft in Deutschland sagen, wenn wir von Demokratie sprechen?
Nun, die wirtschaftliche Kluft oder die Ungleichheit wächst auf globaler Ebene und damit auch in Deutschland. Das ist leider ein Thema von Angebot und Nachfrage, und das in Bereichen wie Gesundheit und Bildung, in denen mehr Gleichheit als Ungleichheit erreicht werden sollte. Aber die Finanzen spielen auf ein Mal eine große Rolle. Wenn Deutschland diesem System folgt, dann ergibt sich automatisch eine Kluft zwischen denen, die haben und denen, die nicht haben. Die, die zahlen können, haben Zugang zur besseren Gesundheit oder Bildung, da entsteht die Kluft zwischen Arm und Reich und sie kann immer größer werden.
Sag uns zum Schluss in wenigen Worten, was das Leben in Deutschland für dich bedeutet.
Das Leben in Deutschland ist eine bereichernde Erfahrung, weil ich es geschafft habe, die deutsche Mentalität viel besser zu verstehen. Ich habe gelernt, Aspekte zu schätzen, die ich vielleicht vorher nicht verstanden habe, wie zum Beispiel diese Genauigkeit. Ich habe aber auch die negativen Seiten Deutschlands kennengelernt. Deutschland ist nicht nur positiv. Deutschland hat auch viele Aspekte und Bereiche, in denen es Arbeitsbedarf gibt. Zum Beispiel in der Vielfalt. Jedes Mal, wie ich sagte, gibt es mehr Deutsche mit Migrationshintergrund, aber sie sind nicht so vertreten, wie sie es in einem Parlament sollten. Die deutsche Elite ist immer noch sehr deutsch und spiegelt nicht die Realität der deutschen Gesellschaft wider, die sich stark und sehr schnell verändert. Es gibt also Aspekte, die noch zu verbessern sind, aber an sich ist es eine Demokratie, die funktioniert.
Vielen Dank für das Interview und auch für diese wichtige Arbeit, die du als Journalistin machst.
Vielen Dank Pilar. Es war mir eine Freude, mit dir zu sprechen.