Interview
Katia Witting

Katia Witting
Goethe-Institut Peru / Lourdes Herrera

Katia Witting lebt seit 2004 in Deutschland, und arbeitet sie bei Pfeiffer Vacuum, im Bereich Compliance.

Ich freue mich, Katia Witting Alvites vorstellen zu dürfen. Sie lebt seit 2004 in Deutschland, hat Buchhaltung mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsprüfung an der Universität Piura studiert und in diversen internationalen Wirtschaftsprüfungsunternehmen, wie Andersen und Ernst & Young, gearbeitet. Seit 2006 arbeitet sie in Pfeiffer Vacuum, wo sie auf internationaler Ebene für den Bereich Compliance zuständig ist. Herzlich Willkommen Katia. Meine erste Frage lautet: Warum Deutschland?
 
Katia Wittig Alvites: Es war nie mein Plan, nach Deutschland zu gehen. Ich habe meinen Mann in einem Englischkurs in Vancouver kennengelernt. Dort wollte ich mein Englisch perfektionieren, um internationale Praktika in einem englischsprachigen Land machen zu können. Nachdem ich meinen Mann kennenlernte und er mich in Peru besuchte, entschieden wir irgendwann zu heiraten. Deshalb bin ich jetzt in Deutschland.
 
Seit 2004 lebst du in Deutschland. Wie siehst du Deutschland heute nach 16 Jahren?
 
Was sich sehr verändert hat, ist meine Art zu leben. Am Anfang war ich unverheiratet und habe mich meinem Mann, meiner Arbeit und dem Haushalt gewidmet. Ich hatte ein paar Freunde auf der Arbeit und die meines Mannes. Seitdem ich meine Kinder habe, seit 9 Jahren, haben sich mein Freundeskreis und Alltag sehr verändert.
 
Wie lebst du als Mutter und als Berufstätige in Deutschland?
 
Etwas, das ich in Deutschland super finde ist, dass man Familienleben und Arbeit sehr gut vereinen kann. Man arbeitet acht Stunden und danach hat man Feierabend. Außerdem ist man flexibel, was Homeoffice angeht. Das war auch schon vor Corona so. Ich konnte früher gehen, um meine Kinder von der Schule oder vom Kindergarten abzuholen. Das war einer der Gründe, warum wir nach Deutschland gekommen sind. Wir waren unsicher darüber, wo wir leben wollten. Also ging ich für sieben Monate nach Deutschland, um zu schauen, wie das Leben hier ist, und es hat mir sehr gut gefallen; der Lebensstil, das Land, die Leute. Nach vielen Gesprächen mit meinem Mann waren wir uns einig, dass das Familienleben in Deutschland besser funktioniert.
 
Was war und ist für dich die größte Herausforderung in Deutschland?
 
Ich habe mich sehr schnell eingelebt, weil es mir immer schon gut gefallen hat, zu reisen, neue Kulturen und Leute kennenzulernen. Ich fand schnell Freunde und habe mich in die deutsche Kultur integriert. Die Sprache stellte jedoch eine erste Herausforderung dar. Also habe ich mich zunächst in einen Deutschkurs eingeschrieben und hatte jeden Morgen vier Stunden Unterricht. Darüber hinaus besuchte ich einen Intensivkurs an der Universität. Ich lernte ein Jahr lang die Sprache und absolvierte eine Prüfung, um studieren zu können. Durch das Studium konnte ich mich dann bei deutschen Firmen bewerben. Was mir gut gefallen hat war, dass die internationalen Firmen kein perfektes Deutsch verlangen, wenn du sehr gut Englisch sprichst. Darüber hinaus sind die Menschen sehr nett in der Stadt, in der ich lebe. In Peru  verbindet man Deutschland oft mit Rassismus. Ich habe aber weder auf der Arbeit, noch in der Familie meines Mannes oder bei Freunden Rassismus erlebt.
 
Und was findet man in Deutschland, was es in Peru nicht gibt, und andersherum?
 
Hier fehlt das gute Essen aus Peru. Es gibt zwar peruanische Restaurants, aber ein gutes Ceviche findest du hier nicht. Hier gibt es auch die Großfamilie und die Familienfeste nicht so, wie man sie in Peru kennt. Die Familien sind kleiner und Familie sind hier nur die Eltern und Geschwister. Dafür gibt es in Deutschland die soziale Sicherheit. Jeder hat eine Krankenversicherung und wenn du ein Kind bekommst, kannst du bis zu 3 Jahre zuhause bleiben, und danach zum gleichen Arbeitsplatz zurückkehren. Wenn du aus einem Land wie Peru kommst, wo die soziale Sicherheit nicht so hoch ist, sieht man schon sehr viele Vorzüge. Die Sicherheit ist auch ein großer Faktor. Ich lebe in einer Kleinstadt und die Kinder spielen auf der Straße, gehen zu Fuß zur Schule und zu ihren Freunden. Du hast hier nicht diese Ängste, die du in Peru hast. Das ist wie in meiner Kindheit früher in Peru in der Provinz. Da war es auch super sicher.
 
Wie sieht deine tägliche Arbeit in Deutschland aus und wie sind die Arbeitsbedingungen dort?
 
Ich arbeite im Bereich Compliance. In meiner Abteilung entwickeln wir Programme, mit denen wir sicher stellen, dass alle Mitarbeiter nach dem Gesetz handeln. Unsere Hauptaufgabe ist es, gegen Korruption vorzugehen, die persönlichen Daten der Arbeitnehmer zu schützen, und fairen Wettbewerb zu sichern. Wir entwickeln auch verschiedene Weiterbildungen für unsere Mitarbeiter und die Unternehmensrichtlinien. Da wir Tochterunternehmen in verschiedenen Ländern haben,  entwickeln wir die Programme nicht nur für Deutschland, sondern auf internationaler Ebene. Nach der Implementierung und der Weiterbildung unserer Mitarbeiter folgt das Monitoring. Hier schauen wir, ob die Mitarbeiter die Programme, die sie von uns dem Mutterunternehmen bekommen haben, auch erfüllen. Ich werde immer gefragt, warum mir die Arbeit so gefällt. Wenn man aus Peru kommt, kennt man die Folgen der Korruption genau und deshalb möchte mit meiner Arbeit einen Beitrag dazu leisten, gegen Korruption vorzugehen. Genau das ist es, was mir an meiner Arbeit gefällt. Mit meiner Chefin mache ich Witze darüber und frage, ob sie wirklich möchte, dass ausgerechnet eine Peruanerin in ihrem Unternehmen gegen Korruption kämpft. Und sie sagt: Na klar, du weißt schließlich genau, wo man am besten danach sucht. Ich mache das aus Überzeugung und glaube an eine bessere Welt ohne Korruption, in der alle die vorherrschenden Regeln befolgen.
Meine Arbeitsbedingungen sehen so aus, dass ich in Vollzeit arbeite. Laut Vertrag sind das acht Stunden am Tag an fünf Tagen der Woche. Gesetzlich ist es festgelegt, dass man nicht mehr als 10 Stunden am Tag arbeiten darf. Als ich meine Kinder bekam, haben mein Mann und ich uns die 14 Monate Elternzeit aufgeteilt. Dank meiner Arbeit habe ich auch viele andere Länder kennengelernt, in denen unsere Tochterunternehmen sitzen. Ich besuche die Unternehmen, um die Mitarbeiter*innen kennenzulernen und weiterzubilden, und sicherzustellen, dass die Prozesse implementiert werden.
 
Wie verhält es sich mit den verschiedenen Rechten in Deutschland, wie das Recht auf Bildung und Gleichheit? Das Recht auf Gesundheit erwähntest du bereits.
 
Bildung ist verpflichtend für Kinder und das wird auch streng kontrolliert. Jedes Kind ist registriert. Wenn ein Kind im Schulalter nicht zur Schule geht, meldet die Schule das an das Jugendamt und das Jugendamt stattet der Familie einen Besuch ab. Wenn sie das Kind nicht vorfinden, können sie sogar die Polizei einschalten. Jeder hat ein Recht auf kostenlose Bildung und auch das Studium ist kostenlos. Dafür bezahlt man Steuern und man weiß genau, wo diese hinfließen und deshalb zahlt man sie gerne, denn so erhalten unsere Kinder eine kostenlose Bildung. Was mir auch gefällt ist, dass es hier keine Diskriminierung aufgrund einer anderen Nationalität  gibt. Wenn mein Neffe zum Studieren nach Deutschland ginge, wäre für ihn das Studium auch kostenlos, obwohl er Peruaner ist.
Bezogen auf die Gleichberechtigung spricht man in der Arbeitswelt immer noch von Ungleichheit zwischen Mann und Frau, wenn es um das Gehalt geht. In dem Unternehmen, in dem ich arbeite, passt man als internationales Unternehmen sehr auf, dass alle gleichberechtigt sind. Aber es gibt nationale Studien, die belegen, dass die Frau im Schnitt weniger verdient. Diese Studien lassen jedoch außer Acht, dass viele Frauen in Deutschland nur Teilzeit arbeiten, weil sie auf ihre Kinder aufpassen. Auch wenn es jetzt mehr Männer gibt, die dasselbe tun, bleiben die Mütter immer noch mehr zuhause. Sie opfern sozusagen ihre Karriere, arbeiten in Teilzeit und verdienen weniger.
Es gibt aus meiner sehr persönlichen Sicht auch noch ein anderes Thema bezüglich der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Für mich bedeutet Gleichberechtigung nicht, dass der Mann kein Gentleman sein kann. Aber hier sagt man: warum sollte ein Mann mir den Vortritt lassen oder mir die Tür aufhalten, wenn wir gleichberechtigt sind. Als ich meinen Mann kennenlernte, war er auch kein Gentleman. Das hat sich aber mit der Zeit verändert.
 
Was kannst du uns über häusliche Gewalt gegen die Frau und über den Machismo in Deutschland sagen?
 
Machismo kann ich hier nicht wirklich beobachten, zumindest nicht, wenn ich mir meinen Mann, seine Familie und unsere Freunde anschaue. Ich sehe eher etwas unterwürfige Männer, die Problemen mit Frauen aus dem Weg gehen. In den Köpfen ist das Thema der Gleichberechtigung sehr verankert, deshalb ist es eher unwahrscheinlich, dass sich eine Frau unterwirft.
 
Beschreibe, was es für dich bedeutet, in Deutschland zu leben.
 
Deutschland ist meine zweite Heimat. Ich bin sehr glücklich, hier zu leben. Wir haben uns als Familie mit unseren Kindern sehr gut eingelebt. Ich finde, es ist eine wunderbare Kultur, besonders gefällt mir die Ehrlichkeit. Wenn die Deutschen etwas versprechen, dann halten sie es auch. Ich mag die Pünktlichkeit und die Organisiertheit. Es ist eine großherzige Kultur, auch wenn man manchmal etwas anderes hört. Es ist ein schönes Land zum leben. Es ist alles geordnet und man hat viele Möglichkeiten. Es herrscht Arbeitskräftemangel, also können junge Menschen zum studieren kommen. Wenn Gott will und ich gesund bleibe, bleibe ich hier.
 
Wie ist dein Leben als Mutter und wie ist es, Kinder großzuziehen, die mit zwei Sprachen aufwachsen?
 
Ich habe zwei Söhne im Alter von neun und sieben Jahren. Seitdem sie klein sind, spreche ich mit ihnen Spanisch. Die erste Sprache meines größten Sohnes war Spanisch. Als er das erste Mal in den Kindergarten ging, sprach er kein Deutsch. Die Kindergärtnerin lernte, Küsschen (besito) auf Spanisch zu sagen, weil ich zum Abschied immer mein „besito“ einforderte. Nach einem Monat sprach mein Sohn Deutsch. Zuhause sprechen wir nur Spanisch, auch mein Mann, und das finde ich gut, denn Deutsch lernen sie so oder so. Ich finde, wir tun ihnen einen großen Gefallen damit. Beide Sprachen sprechen sie akzentfrei. Meine Eltern leben in Peru und sprechen kein Deutsch, deshalb ist es auch für sie ein Geschenk, dass ihre Enkelkinder Spanisch sprechen. Etwas anderes wäre für mich unvorstellbar. Ich erzähle ihnen auch immer von Peru und sie sind auch einige Male dort gewesen. Sie kennen die Küste, die Berge und den Regenwald. Sie singen die Nationalhymne mit der Hand auf der Brust, wenn wir gemeinsam die Fußballspiele schauen. Ich habe sie dazu gebracht, so patriotisch zu sein. Mein Vater sagt immer, ich solle sie nicht so patriotisch erziehen. 2019 waren wir beim Spiel Deutschland gegen Peru und meine Söhne und mein Mann hatten ihre Perutrikots an. Es gefällt mir, dass sie ihre Wurzeln kennen. Sie sollen wissen, dass sie zur Hälfte Peruaner und zur anderen Hälfte Deutsche sind. In Deutschland gibt es leider kaum Patriotismus, weil die Menschen, obwohl so viele Jahre vergangen sind, an den Zweiten Weltkrieg denken. Meine Söhne singen auch die deutsche Nationalhymne, das können längst nicht alle Deutschen. Mir ist es wichtig, dass sie ihre beiden Heimaten Deutschland und Peru lieben, und viel über Peru wissen. Manchmal singen wir kreolische Lieder, und wir spielen die Cajon.
 
Kennt man Peru in Deutschland?
 
Die Mehrheit kennt Peru und das erste, was sie erwähnen, wenn sie mich kennenlernen, ist Machu Picchu. Wenn ein Deutscher mir sagt, dass er Peru kennenlernen möchte, ist das immer wegen der großen Kulturenvielfalt, für die Peru in Deutschland bekannt ist.
 
Vielen Dank, dass du deine Erfahrungen aus Deutschland heute mit uns geteilt hast.
 
Ich danke euch.