Interview
Laura Robles

Laura Robles
Goethe-Institut Peru / Lourdes Herrera

Laura Robles ist Komponistin und Perkussionistin und genießt große Anerkennung in Peru sowohl als auch in Deutschland.

Ich freue mich sehr, Laura Robles Marcuello vorstellen zu dürfen. Sie ist Komponistin und Musikerin und genießt große Anerkennung als Perkussionistin, insbesondere mit der peruanischen Cajón.  Laura hat Musikworkshops in Peru ins Leben gerufen, darunter Parió Paula und das erste Astrocombo; Astrocombo Perú und Cajón de Roble. Derzeit lebt sie in Berlin, wo sie die Band Astrocombo versión Berlin gegründet hat, die Afro-, Jazz- und Funkmusik spielt und mit der sie in verschiedenen europäischen Ländern auftritt. Derzeit spielt sie mit deutschen Musikern in der Jazzband Perfecto Mat und zusammen mit dem mexikanischen Musiker Carlos Corona lateinamerikanischen Jazz.

Laura, wie war dein Leben in Peru, bevor du nach Deutschland gegangen bist?
 
Laura Robles Marcuello:  Leider bin ich halb zerstritten mit dem Land auseinandergegangen. Ich war ganz schön sauer, weil man der Kunst hier so wenig Wichtigkeit zumisst. Dann lud man mich zu einer Tournee in Deutschland ein, wo ich eine andere Arbeitswelt, eine andere Mentalität und ein anderes System kennenlernen sollte. Ich packte meine Koffer und war ganz schnell weg.
 
Wie hast du dich in Deutschland eingelebt? War Deutschland die einzige Option für dich oder standen andere Länder zur Auswahl? Und wenn ja, wieso hast du gerade Deutschland gewählt?
 
Vor vielen Jahren begann ich damit, mich auf das Studium und die Analyse der Rhythmik  zu konzentrieren, und in Deutschland gibt es viele Leute, die seit Jahren daran arbeiten. In Peru hingegen gab es niemanden. Deshalb hatte ich großes Interesse, nach Berlin zu gehen, wo es so viele Leute gab, mit denen ich arbeiten konnte. Ein anderes Land kam mir nicht in den Sinn. Ich dachte, ich würde ein paar Jahre hier bleiben, um die Studie zu machen und dann nach Lima zurückkehren, aber ich wurde schwanger, und es schien viel einfacher, hier Mutter zu sein, als in Lima. Also blieb ich.
 
Die Situation ist für Mütter in Deutschland viel demokratischer und gibt Ihnen Raum, sich beruflich weiterzuentwickeln. Zumindest gibt es dort viel mehr Möglichkeiten, als in Ländern wie Peru.
 
Ja, definitiv. Hier konnte ich meinen Sohn einfach mit auf die Konzerte nehmen. Ich bin auf Tournee gegangen, habe Aufnahmen gemacht, und auch bei den Festivals war es kein Problem, ein Kind dabei zu haben. Die Konzerte beginnen pünktlich um 19 oder 20 Uhr, niemand raucht, für mich eine sehr angenehme Atmosphäre. So schwierig es auch war, ich musste meinen Sohn nie bei einem Babysitter lassen.
 
In Deutschland könnte man auch einen Kindergartenplatz oder eine Tagesmutter bekommen, was in Peru nicht so verbreitet ist.
 
Ja, aber eine Tagesmutter ist teuer und ich bin sehr familiär und würde mich unwohl fühlen, mein Kind bei Jemandem zu lassen, den ich kaum kenne. Aber die Kindergärten sind wirklich toll. Du kannst zwischen vielen Optionen wie dem Waldkindergarten, dem veganen Kindergarten oder dem Fremdsprachenkindergarten wählen. Und sie sind kostenlos.
 
Was gab es bezogen auf deine Eingewöhnung für Herausforderungen?
 
Mein ganzes Leben lang dachte ich, ich würde Dinge schnell erledigen. Ich war zuverlässig im Job, hielt Fristen ein und war immer pünktlich. Und als ich hier ankam und sah, wie schnell diese Leute arbeiten, fühlte ich mich wie eine Schnecke. Die Geschwindigkeit zu erreichen, die hier benötigt wird, hat mich am meisten gekostet. Sogar beim Bezahlen an der Kasse im Supermarkt muss man schnell sein. Nach und nach habe ich Strategien entwickelt, auch wenn ich im Vergleich zu anderen Menschen hier immer noch etwas langsam bin. Einmal wurde ich sauer, weil es unmöglich war, meine Einkäufe so schnell zu verstauen, wie die Verkäuferin mir die Dinge anreichte, und ich fragte sie, ob man sie dafür bezahle, dass sie die Menschen quält, oder ob sie es eilig hätte. Dann entschuldigte sie sich und ich merkte, dass die Deutschen manchmal einfach nicht nachdenken. Sie nehmen andere Personen nicht so wahr, aber wenn man ihnen das ins Bewusstsein ruft, reagieren sie gut.
 
Man muss den ersten Schritt machen. Auf der Straße zum Beispiel nimmt man sie als sehr ernst wahr, aber wenn man nach Hilfe fragt, geben sie dir die Hilfe, die du brauchst.
 
Da sprichst du das Bild an, was man von Deutschen hat, wenn man aus Lateinamerika kommt. Man denkt an Rassismus und dass man dich abschätzig behandeln wird. Das spiegelt sich dann auch in deinem Gesicht wider und ruft wiederum eine Reaktion der Menschen hervor. Wenn du aber positiv auf die Menschen zugehst, reagieren die meisten auch gut. Ich verstehe jetzt auch besser, warum die Menschen hier oft mit einem langen Gesicht herumlaufen. Es ist die Kälte und der Wind, die ab November hier herrschen. Ich mache das gleiche lange Gesicht und will einfach nur am Ziel ankommen. Eine Person, die warme Temperaturen braucht, sollte besser nicht nach Deutschland kommen.
 
Wie lange lebst du in Deutschland und wie lange hat die Phase der Eingewöhnung für dich gedauert?
 
Ich lebe seit 9 Jahren hier und befinde mich in manchen Dingen stets in der Eingewöhnung. Es hängt von der Situation ab. Wenn ich bürokratische Dinge tun muss oder mich für Stipendien bewerben möchte, dann stresst mich das sehr und ich bekomme Magenschmerzen. Ich fühle mich so, als wäre ich auf den Kopf gefallen uns müsste wieder lernen, zu laufen und zu sprechen. Ich brauchte sehr viel Zeit, um meine Gedanken artikulieren zu können, Schilder, die Kultur und Witze zu verstehen. Jetzt habe ich das Gefühl, ich habe bereits Laufen gelernt, aber wenn ich renne, falle ich noch immer auf´s Gesicht. Im sozialen Leben habe ich diese Probleme aber nicht mehr. Ich habe Freunde und könnte mir nicht mehr vorstellen, in Lima zu leben. Ich fühle mich sehr wohl hier, aber ich glaube, ich werde nie wie eine Deutsche sein, die hier geboren wurde. Ich werde mich immer ein bisschen verloren fühlen. Als Peruaner*in der Mittelklasse ist man auch sehr verwöhnt. Wenn man in Deutschland ein Dokument braucht, muss man die Schritte A, B und C selbst gehen. In Peru fragst du deinen Freund und seine Tante arbeitet in dieser Behörde und sie kann dir das Dokument geben. Hier existiert so etwas nicht.
 
Wie ist es mit der deutschen Sprache? Stellt sie für dich auch eine Herausforderung dar?
 
Hier passiert es oft, dass die Latinos, die hier herkommen, sich andere Latinos suchen, um sich heimischer zu fühlen. Sie lernen dann nur sehr wenig Deutsch. Ich bin mit einem Deutschen verheiratet und alle meine Kollegen sind Deutsche, Russen oder Polen und wir kommunizieren auf Deutsch miteinander. Also blieb mir nichts anderes übrig, als die Sprache zu lernen. Erst vor ein paar Jahren habe ich einige spanischsprachigen Kolleg*innen kennengelernt und jetzt habe ich Tage, an denen ich nur Spanisch spreche, und das ist natürlich sehr wohltuend. Mein Rat ist es, die Sprache zu sprechen, egal wie blöd man sich dabei vorkommt. Man kann die Leute auf der Straße nach der Uhrzeit fragen, und Kontakt zu Kindern hilft auch sehr dabei, die Sprache schnell zu lernen.
 
Und manchmal korrigieren sie dich auch.
 
Mein Sohn bringt mich manchmal in Verlegenheit. Irgendwer spricht und er dreht sich zu mir um und fragt, ob ich das verstanden habe. Mit mir spricht er ausschließlich Spanisch. Manchmal benutzt er Wörter auf Deutsch, weil man sie auf Spanisch kaum verwendet. Ich bin in Afrika geboren und habe dort einige Jahre gelebt. Alle sprechen dort drei Sprachen; die Sprache der Gemeinde, die Landessprache und die Sprache des Eroberers. Und es ist verrückt, die Afrikaner*innen, mit denen ich hier Musik mache, lernen gerade ihre vierte Sprache.
 
Was vermisst du am meisten aus Peru?
 
Ich vermisse es, in Chorrillos und seiner Strandpromenade zu sein. Ich habe mein ganzes Leben dort verbracht und immer wenn ich aus einem anderen Stadtteil zurückkam, bin ich an die Strandpromenade gekommen und konnte in mir ruhen, und das habe ich hier nirgendwo gefunden.
 
Was bringt dich in Deutschland zur Ruhe?
 
Nichts, deshalb fliege ich nach Portugal oder Frankreich, wenn ich Ruhe brauche. In Deutschland wäre der Ort der Ruhe die Berge, aber die beruhigen mich nicht. Das Geräusch der Grillen und der Vögel ist sehr schön, aber es gibt mir keinen Frieden. Das Meer hier ist in Ordnung auf ein paar Inseln, aber dort ist es sehr teuer und sehr deutsch, sodass ich mich nicht so wohl fühle, wie in Chorrillos.
 
Es gibt immer Dinge in Deutschland, die man in Peru nicht findet und andersherum.
 
Ja, ich musste eine große Pro- und Contraliste machen. Oft war ich ein bisschen wehleidig, weil es hier nicht perfekt ist, aber in Peru gibt es auch einige Dinge, die ich gar nicht mag und nach zahlreichen Reisen in so viele Länder gibt es immer etwas, das nicht funktioniert. Genauso gibt es Dinge, die so unglaublich schön sind, dass man am liebsten für immer bleiben würde, wenn man die anderen Dinge ignorieren könnte.
 
Was findest du in Deutschland in deinem Alltag, was man in Peru nicht findet?
 
Das ist eine lange Liste und es sind nicht ausschließlich deutsche Dinge. Was mir gefällt ist, dass du alles, was in der Welt existiert, an einem einzigen Ort findest, besonders in Berlin. Wenn ich jetzt ein Instrument aus Vietnam lernen möchte, kann ich das tun. Wenn ich ein marokkanisches Restaurant suche, wird es zehn Minuten weit weg von mir eins geben. Wenn ich mir Kleidung aus Tangamandapio kaufen möchte, gibt es sie auch.
 
Erzähl uns, wie dein Arbeitsalltag in Deutschland als Künstlerin, Musikerin und Komponistin aussieht.
 
Vor oder während Corona?
 
Es wäre interessant zu sehen, wie es sich verändert hat, denn in Peru zum Beispiel ist die Kulturarbeit, auch schon vor der Pandemie, auf stand-by.
 
Als ich nach Deutschland kam und schwanger wurde, musste ich mir gut überlegen, was ich machen kann, das mir nicht zu viel Stress bereitet. Also entschied ich, mehr Zeit zuhause mit meinem Sohn zu verbringen und währenddessen in Ruhe zu komponieren, und nur die besten Angebote anzunehmen. Ich habe viel weniger Konzerte als in Lima gegeben, wobei diese auf einem Niveau waren, das ich in Lima wahrscheinlich nie erreicht hätte. Normalerweise spiele ich ein- bis zweimal im Monat, aber immer auf großen Festivals, in sehr interessanten Produktionen oder mit Musikern, von denen ich eine Menge lerne und jetzt, seitdem die Pandemie begonnen hat, habe ich nicht einen Monat ausgesetzt. Am Freitag habe ich eines der wichtigsten Konzerte überhaupt. Ich spiele in einem unglaublichen Auditorium, nur mit Kameraleuten und Soundtechniker*innen, und es wird im Internet übertragen. Es ist ein komplettes Festival mit Künstler*innen auf einem ziemlich hohen Niveau. In den acht Jahren habe ich mit Musiker*innen aus Polen, Kroatien, Korea, Finnland, Dänemark, der Schweiz, Frankreich, Italien, Spanien und Afrika gespielt. Ich bin also super genährt von den vielen Kulturen und bringe all dies in meine Kompositionen und meine Arbeit ein. Es ist nicht wie vorher, als ich mich nur für ein einziges Genre faszinieren konnte. Ich habe das Gefühl, dass ich in den letzten Jahren musikalisch um einiges gewachsen bin.
 
Wie ist allgemein und im Speziellen in deinem Bereich die Beschäftigungssituation in Deutschland?
 
Wenn du in der Musik nicht wirklich gut bist, ist es unmöglich. Es gibt keine Arbeit für die, die das Ganze als Hobby sehen, die keine Ausbildung haben, oder ihr Wissen nicht vermitteln können. Wenn du Musiker*in bist und hier herkommst, bereite dich gut vor. Wenn du das nicht tust, wirst du in einem Restaurant enden. Es gibt ein paar wenige Deutsche, die nicht ganz so viel Talent haben, die aber gelernt haben, sich durchzuschlängeln, und sie geben Konzerte und spielen auf Festivals. Aber die, die herkommen und nicht so gut sind, haben keine keine musikalische Zukunft. Hier ist das künstlerische Niveau einfach zu hoch.
 
Wie ist die Situation der Frau?
 
Es gibt eine Frauenquote in allen Arbeitsbereichen. In den Universitäten, wenn neue Professor*innen ausgewählt werden, müssen in der Jury immer auch Frauen sitzen. Hier auf den Festivals gibt es Musiker, die sich über diese Quote beschweren. Das Problem ist, dass es noch nicht so viele Frauen gibt, um alle Bereiche abzudecken, zumindest in der Musikbranche, im Jazz. Deshalb finde ich es in Ordnung, dass darüber diskutiert wird, aber ich finde es genauso gut, dass die Männer gezwungen sind, den Frauen einen Raum zu geben.
 
Wie ist die Situation der Frau bezogen auf den kulturellen Aspekt? Gibt es häusliche Gewalt oder „Machismo“?
 
Das habe ich hier nur bei Türken und Arabern wahrgenommen, aber nicht so sehr bei den Deutschen. In der Mittelklasse spürt man keinen Machismo, jedenfalls nicht so wie wir ihn in Lateinamerika spüren. Es gibt ihn schon, aber es ist auch so eine große Bombe geplatzt während all der Jahre des Feminismus, und die ist immer noch sehr präsent. Der Mann, der insgeheim denkt, dass die Frau ihm die Unterhosen waschen sollte, fühlt sich gleichzeitig idiotisch, weil das definitiv der Vergangenheit angehört. Andersherum sehe ich Frauen, die sich nicht helfen lassen, oder sogar beleidigt sind, wenn man ihnen hilft, weil sie sich dann herabgesetzt fühlen. Das finde ich übertrieben. Mir ist es passiert, dass ich meine Cajons, meinen Bass, meinen Koffer und meinen Sohn getragen habe, und dass keiner meiner Kollegen mir Hilfe anbot. Wenn ich als Frau nicht selbst nach Hilfe frage, haben sie Angst, mich zu beleidigen, wenn sie mich fragen. Aber im Alltag spüre ich keine Form von Machismo, oder dass die Frau unterstellt ist. Natürlich vergleiche ich das mit der Situation in Peru.
 
Sind Aufgaben im Haushalt auf die Familie verteilt? Seit wann ist das die Normalität?
 
Mein Schwiegervater war es, der die ersten Jahre auf die Kinder aufgepasst hat. Also glaube ich, dass es schon lange so ist. Wenn du auf die Straße gehst, siehst du die gleiche Anzahl an Männern und Frauen, die Kinderwagen schieben und Einkäufe machen. Beide kümmern sich um den Haushalt, weil du hier nicht deine Mutter zuhause hast, die alles für dich regelt. Man lebt alleine, also lernt man kochen. Niemand kann eine Hausangestellte bezahlen.
 
Gibt es Gesetze, die das fördern, dass die Männer auf die Kinder aufpassen?
 
Wenn du ein Kind hast, hast du 12 Monate Elternzeit und du kannst entscheiden, wer wie lange bei dem Kind bleibt. Viele Eltern teilen sich die Zeit auf. Dein Arbeitgeber muss dir 80 Prozent deines Gehalts, das du im Vorjahr verdient hast, weiter zahlen. Es ist nicht so, dass meistens die Mutter komplett mit dem Kind zuhause bleibt, nur weil sie stillt. Die Mutter hat genauso die Option weiterzuarbeiten wie der Vater.
 
Wie könntest du in wenigen Worten beschreiben, wie es ist, in Deutschland zu leben?
 
In Deutschland zu leben ist schwierig, aber nach dem ersten Sturm der Eingewöhnung gibt es Sicherheit, und das ist für viele Personen auf jeden Fall ein guter Grund, hier zu leben, wenn man die Kälte in Kauf nimmt. Die Leute in Deutschland sind auch super lieb. Ich wüsste nicht, wie ich dir mit einem Wort antworten könnte, aber das Wort Sicherheit ist das erste, was mir in den Sinn kommt.
 
Vielen Dank Laura und mach weiter mit deiner großartigen Arbeit, Kunst zu verbreiten, nicht nur die peruanische, sondern immer auf der Suche nach zahlreichen internationalen Rhythmen.
 
Danke.